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Prozeß : Raucher gegen Reemtsma

  • -Aktualisiert am

Der Kläger mit Zigarette Bild: dpa/dpaweb

Beim ersten deutschen Schadenersatzprozeß eines kranken Zigarettenrauchers geht es, anders als in Amerika, nicht um Millionen. Ein 56 Jahre alter Frührentner fordert vom Tabakkonzern Reemtsma „nur“ etwas mehr als 200.000 Euro.

          "Er muß jetzt erst mal eine rauchen", sagt Rechtsanwalt Burkhard Oexmann und stellt sich schützend an die Seite seines schwer herzkranken Mandanten. Wenn das ein Witz sein soll, dann könnte er schwärzer nicht sein. Aber für heute ist ja alles vorbei im ersten Schadensersatzprozeß der deutschen Rechtsgeschichte wegen gesundheitlicher Folgen des Rauchens. Nur die Kameraleute, Fotografen und Reporter bestürmen den 56 Jahre alten Frührentner Wolfgang Heine noch. "Haben Sie heute schon geraucht?" - "Wie viele rauchen Sie jetzt am Tag?" - "Rauchen Sie immer noch ,Ernte 23'?" - "Warum hören Sie nicht einfach auf?" Heine ist geduldig wie ein Lamm. "Ich bin ein bißchen aufgeregt", sagt er der Meute auf den Fluren des Landgerichts Arnsberg (Sauerland) und schaut mit weiten Augen durch die Brillengläser. Gerade hat drinnen im Sitzungssaal 3 die 2. Zivilkammer verkündet, daß sie am kommenden Freitag verkünden wird, ob Heine obsiegt oder verliert.

          Wolfgang Heine aus Lippetal in der Nähe von Hamm, vor Eintritt der Arbeitsunfähigkeit Finanzbuchhalter, raucht seit 1964 ausschließlich "Ernte 23" von Reemtsma. Jetzt behauptet er, das habe ihn krank gemacht, und fordert 125.000 Euro Schmerzensgeld von dem Hamburger Zigarettenhersteller, dazu etwa 88.000 Euro für den Verdienstausfall und Ersatz aller künftig noch auftretenden Schäden des Rauchens. Bis 1993 paffte er 40 "Ernte 23" am Tag, dann kam ein Herzinfarkt. Dann kamen die Operationen, etwa 1999 eine Bypass-Operation.

          Nur noch fünf bis sieben Zigaretten am Tag

          Seit dem letzten Eingriff im Jahr 2001 rauche er nur noch fünf bis sieben Zigaretten am Tag, sagt er am Freitag vor der Zivilkammer. Seit 1975 hat er nach eigenen Angaben mehrmals versucht, das Rauchen aufzugeben. Er nahm Nikotinpflaster, Tabletten, versuchte es mit Akupunktur, unter der Aufsicht von Ärzten, Psychologen und Heilpraktikern. Genutzt hat es nichts, er qualmt immer noch. Daran ist nach Heines Ansicht Reemtsma schuld. Nicht nur habe der Zigarettenhersteller ihn nicht vor den gesundheitlichen Folgen des Rauchens gewarnt, er habe ihn sogar absichtlich süchtig gemacht, mit dem Stoff Acetaldehyd in der "Ernte 23" und seit 1984 auch mit Ammoniak und anderen Chemikalien, die dem Tabak suchtverstärkend zugesetzt worden seien.

          Heines Anwalt Oexmann sagt am Freitag im Verfahren: "Sie alle glauben doch wohl nicht, daß dieses Medienaufgebot hier erschienen ist, um den Herrn Heine zu sehen. Das berührt die ganze Volkswirtschaft. David gegen Goliath. Wir treten gegen die Milliarden der Zigarettenindustrie an und gegen die 22 bis 25 Milliarden Tabaksteuer, die der Staat jedes Jahr kassiert." An die Reemtsma-Anwälte Börger und Dissars am Tisch gegenüber gewandt, sagt er: "Ja, hinter Ihnen steht der Schatten der Bundesregierung, sie sehen ihn nur nicht." Die beiden Anwälte hatten vor der Sitzung reichlich Gelegenheit zu sehen, daß das Interesse der Fotografen und Kameraleute sich zu fast hundert Prozent auf den Kläger und seinen Rechtsbeistand richtete.

          Wenig Aussicht auf Erfolg

          Die meisten Juristen sind der Auffassung, daß Heines Klage im deutschen Rechtssystem wenig Aussicht auf Erfolg hat, anders als in den Vereinigten Staaten, wo kranke Raucher für hiesige Verhältnisse aberwitzige Summen von den Tabakkonzernen erstritten. Zwar habe Heine seine Rechtsschutzversicherung gerichtlich dazu zwingen können, die Kosten für den Prozeß zu tragen, aber das gehe auf einen Formfehler der Versicherung zurück; ihr Hauptargument, Heines Klage habe keine Aussicht auf Erfolg, sei deshalb für die Entscheidung nicht in Betracht gezogen worden. Die Tabakkonzerne haben in Deutschland schon genug am Hals; seit einigen Wochen etwa müssen sie todesanzeigenartige Warnhinweise ("Rauchen kann tödlich sein") auf den Packungen dulden, die nächste Tabaksteuererhöhung ist schon beschlossen. Eine Flut von Schadensersatzverfahren im Gefolge einer siegreichen Heine-Klage käme da einer Katastrophe gleich.

          Der Vorsitzende Richter Klaus-Peter Teipel konstatiert, daß die Argumente des Klägers und der Beklagten nunmehr in ausreichendem Maße "schriftsätzlich vorgetragen" sind, resümiert aber noch einmal die Hauptstreitpunkte, auf daß sich die Parteien überlegen können, ob sie sich nicht gütlich einigen. Oexmann: "Jede Einigung der Welt, hier sitzt schließlich ein todkranker Mann neben mir." Aber darauf können sich die Anwälte der "Reemtsma Zigarettenfabriken GmbH" keinesfalls einlassen. Sie bezweifeln schon, daß Heine immer nur "Ernte 23" geraucht hat. Für seinen Herzinfarkt kämen auch andere Risikofaktoren in Betracht, Bewegungsmangel etwa, Cholesterin, arterieller Bluthochdruck. Heine könne nicht nachweisen, daß seine Krankheit kausal auf den Zigarettenkonsum zurückzuführen ist. Auch sei die Behauptung unsinnig, er habe nichts von den gesundheitsschädlichen Wirkungen des Rauchens gewußt. Aus der Luft gegriffen sei auch das Argument, Reemtsma mache die Tabakkonsumenten aus Profitgier bewußt süchtig. Die inkriminierten Chemikalien entstünden beim Rauchen in jeder Zigarette, sie würden mitnichten zugesetzt. Zudem liege beim Rauchen keine Sucht vor, sondern eine Gewöhnung. Die Klage sei also insgesamt unbegründet und unzulässig, eine gütliche Einigung komme nicht in Frage.

          Nur eine Durchgangsstation

          Der Vorsitzende Richter sagt, das Urteil werde nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum Bundesgerichtshof sein. Die Kammer werde sich auch über die Frage beraten, ob nicht ein Mitverschulden Heines an seiner Krankheit vorliegt. Anders ausgedrückt: Warum hat er nicht einfach aufgehört zu rauchen, als er 1989 die ersten Gesundheitsschäden spürte? Abertausende Raucher haben schließlich von einem Tag auf den anderen Schluß gemacht mit den Zigaretten und nie mehr eine angefaßt. Und welcher Raucher hat jemals geglaubt, daß Rauchen ihm nicht schadet? Wie das Juristen beurteilen, erfährt die Öffentlichkeit am kommenden Freitag. Bis dahin hat Wolfgang Heine wieder 35 bis 49 "Ernte 23" geraucht.

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