Noch hat der Winter Deutschland fest im Griff, doch schon jetzt tummeln sich die ersten Blütenpollen von Haselnuß und Erle in der Luft. Für viele der insgesamt rund zwölf Millionen Pollenallergiker in Deutschland beginnt damit eine Leidenszeit.
Triefende Nasen, tränende Augen und Niesattacken gehören dann wieder zum Alltag der Allergiker. In den schlimmsten Fällen haben die Betroffenen mit lebensbedrohlichen astmathischen Anfällen zu kämpfen. Dem durch die Luft wirbelnden Blütenstaub können sich die Betroffenen kaum entziehen, exakte Pollenflugvorhersagen könnten jedoch vor Spitzenbelastungen und drohenden Risiken warnen.
Neues Meßgerät
Der Deutsche Wetter Dienst hat am Dienstag in Freiburg ein neues Meßgerät vorgestellt, das künftig die Prognosen verbessern und damit den Pollenallergikern den Alltag erleichtern soll. Denn das beste Mittel gegen Heuschnupfen ist das Vermeiden der Allergene.
Der vom Deutschen Wetter Dienst mit fünf Partnern aus Wissenschaft und Industrie entwickelte Pollenmonitor soll dies künftig erleichtern.
Beschleunigte Prognosen
Bereits seit 25 Jahren gibt der Deutsche Wetter Dienst in Kooperation mit der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst die Pollenflugvorhersagen heraus. Das Verfahren dafür ist sehr aufwendig. Die Proben aus den bundesweit rund 55 Meßstationen werden von Experten mit geschultem Auge unter dem Mikroskop ausgewertet. Dabei wird das Tagesmittel der Pollenanzahl pro Kubikmeter Luft für Hasel, Erle, Birke, Süßgräser, Roggen und Beifuß bestimmt und als schwach, mäßig und stark eingestuft. Wegen dieser Prozedur stehen die Daten allerdings frühestens am Folgetag zur Verfügung.
Mit Hilfe des neuen Meßgeräts soll dieser Vorgang künftig beschleunigt werden. Pollen und Pilzsporen werden rund um die Uhr vollautomatisch gesammelt, präpariert und identifiziert. Nachdem die Staubpartikel mikroskopisch erfaßt sind, nimmt der Computer eine Art Fingerabdruck und vergleicht ihn mit den gespeicherten Referenzdaten. Mit den Daten wird anschließend die Wettervorhersage des Deutschen Wetter Dienstes gefüttert, um eine präzise Pollenflugprognose zu erstellen.
90 Prozent Trefferquote
Grundlage ist ein an der Universität Freiburg entwickeltes Verfahren zu Erkennung von dreidimensionalen biologischen Strukturen. Bei der Identifizierung machen sich die Experten nach Auskunft von Hans Burkhardt von der Uni Freiburg zwei Eigenschaften der Pollen zunutze: die kugelförmige Form und die Eigenschaft, bei Bestrahlung mit ultraviolettem Licht grün zu leuchten.
In Labortests hat das neue Meßgerät bereits 90 Prozent der Pollen richtig erkannt, wie Albrecht Brandenburg vom Fraunhofer-Institut für Physikalische Meßtechnik hinzufügt. Allerdings zeigt es noch einige Schwächen, beispielsweise wenn Dreck an Pollen kleben oder mehrere Pollen zusammenklumpen.
Erhöhung der Lebensqualität
Wolfgang Kusch, Vizepräsident des Deutschen Wetter Dienstes, spricht dennoch von einem „Meilenstein“. Nächstes Ziel sei nun der Aufbau eines bundesweiten Meßnetzes. „Damit kann die Lebensqualität von Millionen Pollenallergikern in Deutschland entscheidend verbessert werden“, betont Kusch. Denn die Leistungsfähigkeit der Heuschnupfen-Geplagten ist deutlich eingeschränkt.
Zwar lassen sich die lästigen Symptome durch Augentropfen, Nasensprays und Tabletten oder kortisonhaltige Medikamente mildern. Viele Pollenallergiker verzichten aber darauf und versuchen statt dessen, ihre Lebensweise dem Pollenflug anzupassen. Nicht jeder kann jedoch in pollenarme Gegenden, etwa auf die Berge oder an die See flüchten. „Im Alltag versuchen viele Betroffene, heikle Tageszeiten nicht im Freien zu verbringen“, weiß Kusch. Deshalb seien sie auf schnelle und genaue Informationen angewiesen. Möglicherweise könnten sie künftig auch ganz ohne oder zumindest mit weniger Medikamenten leben, hofft der Wetterexperte.
