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Aids-Aufklärung : Selbstversuch HIV-Test

  • -Aktualisiert am

Vor dem Blutabnehmen kommt das Beratungsgespräch, und da geht es um mehr als nur HIV. Bild: Stefan Boness / VISUM

Die Politik diskutiert über Heim-HIV-Tests. Bisher ist das nur beim Arzt oder einer Beratungsstelle möglich. Aber wie geht ein HIV-Test überhaupt? Ein Besuch im Gesundheitsamt.

          Selbst ist der Mensch: Wenn man den Auslagen in den Buchhandlungen trauen darf, ist sein Streben nach Autonomie ungebrochen. Er baut Palettenmöbel, weckt Obst ein oder übt sich im Fermentieren. Jeder kann, so die Botschaft, sein eigener Tischler, Schneider oder auch Gärtner sein. Aber Selbständigkeit hin oder her – taugt ein potentieller Patient auch als sein eigener Arzt? Längst erlauben Schnelltests die Selbstdiagnose. Schwanger oder nicht? Eisprung im Anmarsch? Cannabis konsumiert? Teststreifen für den Hausgebrauch versprechen Auskunft binnen Minuten. Schon für ein paar Euro sind sie zu haben. Vor der Bestimmung von Krankheitserregern machen sie dabei nicht halt; manche versichern, Grippeviren zu erkennen, andere nehmen sexuell übertragbare Erreger wie Chlamydien ins Visier. Im Gespräch ist nun, ob Apotheken einen weiteren Test ins Repertoire nehmen dürfen: einen, der eine HIV-Infektion diagnostiziert.

          Ein Abstrich im Mund, in ein Röhrchen gesteckt, Klarheit nach 20 Minuten – für das, was die Vereinigten Staaten 2012 als Erste zugelassen haben, interessieren sich jetzt auch andere. Mal funktionieren die HIV-Schnelltests mit einer Probe Mundschleimhaut, mal mit einem Tropfen Blut, vergleichbare Selbsttests jedenfalls sind inzwischen in weiteren Ländern verkäuflich. In Großbritannien etwa oder in Frankreich. Auch in Deutschland denkt man über eine Abgabe für den Hausgebrauch nach. Bislang ist, wer sich in den eigenen vier Wänden untersuchen will, auf eine Bestellung aus dem Ausland angewiesen. „Die Tests sind zuverlässiger geworden und einfacher in der Handhabung als noch vor ein paar Jahren“, sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Ob sie an Selbsttester verkauft werden dürfen, werde derzeit in der Politik erörtert – mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Selbsthilfeorganisationen und den zuständigen Behörden.

          Der Selbsttest birgt eindeutige Nachteile

          Der große Nachteil der Tests für den Hausgebrauch liegt auf der Hand. Auch wenn HIV inzwischen gut behandelbar ist, ist eine Diagnose noch immer ein harter Schlag. Wer sich zu Hause positiv testet, ist mit dem Ergebnis zunächst einmal auf sich selbst gestellt. Aber es gibt auch gute Argumente für den Test im eigenen Heim, weshalb die ganze Angelegenheit überhaupt diskutiert wird. Schließlich ist nichts so diskret wie eine Untersuchung, bei der man vollkommen unbeobachtet ist, und so steht die Hoffnung im Raum, dass dank der Selbsttests Infektionen von Menschen ans Tageslicht kommen, die sich bisher nicht dazu durchringen können, einen Arzt oder eine Beratungsstelle aufzusuchen – weshalb etwa die Deutsche Aids-Hilfe oder auch die wissenschaftliche Fachgesellschaft DSTIG für die Abgabe der Tests für den Hausgebrauch plädieren.

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          In Deutschland leben immerhin an die 13.000 Menschen mit einer HIV-Infektion, ohne davon zu wissen, schätzt das Robert-Koch-Institut. „Auch vor dem Hintergrund, dass es Menschen gibt, die sich bisher aus Scham nicht untersuchen lassen, ist der Selbsttest für uns ein Thema“, heißt es im Gesundheitsministerium in Berlin.

          Woher aber rührt das Unbehagen, bestehende Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen? Die Angst vor dem Ergebnis ist sicher ein Grund, aber daneben dürfte es weitere Bedenken geben. Wird, wer sich in einer Beratungsstelle testen lässt, inquisitorisch verhört? Wird schon das Geständnis, das Bett mit diversen Menschen geteilt oder kein Kondom verwendet zu haben, mit einer gerümpften Nase und geringschätzigen Blicken quittiert? Und wovon soll man überhaupt sprechen – von Koitus, von Geschlechtsverkehr oder vom Vögeln?

          Besuch im Heidelberger Gesundheitsamt. Die Gänge erinnern mit ihrem grauen Linoleumboden an Krankenhausflure, nur geht es dort nicht so geschäftig zu. Viele Türen sind geschlossen, eine steht offen. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Frau, über Unterlagen gebeugt. Vielleicht organisiert sie eine Vorschuluntersuchung für Kindergartenkinder, vielleicht wertet sie Wasserproben von Schwimmbädern aus. Oder sie koordiniert Erstuntersuchungen von Flüchtlingen. Alles Dinge, die zu den Aufgaben von Gesundheitsämtern gehören.

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