http://www.faz.net/-gum-76gos
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Veröffentlicht: 11.02.2013, 14:20 Uhr

Pferdefleischskandal Britische Regierung vermutet Verschwörung

Tausende Briten haben ahnungslos Lasagne mit Pferde- statt Rindfleisch gegessen. Das Pferdefleisch könnte von Schlachthöfen aus Rumänien stammen. In Deutschland werden die Produktkontrollen verschärft.

© AP Rindfleisch sollte drin sein, doch diese Lasagne bestand aus bis zu 100 Prozent Pferdefleisch

Der Skandal um als Rind deklariertes Pferdefleisch in Großbritannien zieht immer weitere Kreise. Der britische Umweltminister Owen Paterson schließt eine internationale kriminelle Verschwörung nicht aus und stellt sich auf „weitere schlechte Nachrichten“ ein. Die schwedische Lebensmittelaufsicht ermittelt gegen den Tiefkühlkonzern Findus. In Frankreich nahmen nach Medienberichten sechs Supermarktketten Lasagne und andere Fertiggerichte aus dem Sortiment. In Deutschland verschärfte das Düsseldorfer Verbraucherschutzministerium die Produktkontrollen. Rumänien leitete eine Untersuchung von Schlachthöfen ein, wo das Pferdefleisch hergekommen sein soll.

Lasagne mit bis zu 100 Prozent Pferdefleisch

Das Pferdefleisch war den Behörden in Lasagne-Packungen aufgefallen. Darin waren nach Angaben der britischen Lebensmittel-Aufsicht FSA bis zu 100 Prozent Pferdefleisch. Erste Spuren führen zu einem französischen Produzenten, der Fleisch unter anderem aus Rumänien bezieht. Erst Ende kommender Woche erwartet die FSA darüber Klarheit, in welchem Umfang Pferdefleisch in Fertigkost gelangt ist. Begonnen hatte der Fall Mitte Januar mit dem Fund von Pferdefleisch-Spuren in Produkten in Irland.

Die britische Polizei hat bislang keine Ermittlungen aufgenommen. Hersteller wurden aber verpflichtet, ihre Rindfleisch-Produkte zu testen. Der Discounter Aldi in Großbritannien gab an, dass zwei Fertigprodukte eines französischen Herstellers zu 30 bis 100 Prozent aus Pferdefleisch bestanden hätten. Umweltminister Paterson sagte am Sonntag: „Ein Produkt als Rindfleisch zu verkaufen, was sehr viel Pferdefleisch enthält, ist Betrug.“ Möglicherweise handle es sich aber auch nur um einen Fall von eklatanter Inkompetenz. Ein gesundheitliches Risiko des Verzehrs von Pferdefleisch sei indes bisher nicht festgestellt worden.

„Rindfleisch durch Pferdefleisch zu ersetzen, ist ein Verbrechen.“

Die schwedische Lebensmittelaufsicht ermittelt mittlerweile gegen den Tiefkühlkonzern Findus. Die Behörde teilte am Sonntag mit, man wolle vor weiteren Schritten wie einer möglichen Einschaltung der Polizei den Umfang dieses Betrugs mit Lebensmitteln klären. Die Sprecherin Mona-Lisa Dahlbom-Wiedel sagte: „Rindfleisch durch billiges Pferdefleisch zu ersetzen, ist ein Verbrechen.“ Findus hatte Mitte der Woche die Behörden darauf aufmerksam gemacht, dass in einem eigenen Lasagneprodukt Pferdefleisch statt des eigentlich deklarierten Rindfleisches entdeckt worden sei. Das Unternehmen hat nach Medienangaben in Schweden etwa 20.000 Packungen aus Supermärkten zurückgerufen. Findus-Sprecher Jari Latvanen sagte im Rundfunksender SR, sein Unternehmen habe Anzeige gegen den französischen Lieferanten Comigel erstattet.

In Frankreich nahmen sechs Supermarktketten als Reaktion auf den Eklat Lasagne und andere Fertiggerichte aus dem Sortiment, berichtete der Radiosender France Info. Dabei handelt es sich demnach um Produkte von Comigel und Findus. „Wir sind betrogen worden. Es gibt zwei Opfer in dieser Affäre: Findus und den Konsumenten“, teilte Matthieu Lambeaux von Findus Frankreich mit. Das Unternehmen Comigel teilte dem Radiobericht zufolge mit, es habe das Fleisch in gutem Glauben vom französischem Zulieferer Spanghero gekauft. Dieser wiederum weist auf einen rumänischen Zuliefer.

Pferdefleisch in Grillwurst, Gulas oder Roulade

Rumäniens Staatschef Traian Basescu äußerte sich besorgt um das Image seines Landes. Das EU-Land Rumänien werde „für viele Jahre an Glaubwürdigkeit verlieren“, sollte sich herausstellen, dass rumänische Lieferanten falsche Angaben über das Fleisch gemacht hätten. Landwirtschaftsminister Daniel Constantin hatte eine Untersuchung zweier verdächtiger Schlachthöfe angeordnet. Einer dieser Betriebe sei vermutlich nicht der Etikettenschwindler, weil er ausschließlich Pferdefleisch in EU-Länder liefere - und dies offen und offiziell, erklärte das Ministerium. Mit einem abschließenden Untersuchungsbefund sei an diesem Montag zu rechnen.

In Deutschland wird Pferdefleisch vor allem als Grillwurst, Gulasch oder Roulade konsumiert. Auch für den traditionellen Rheinischen Sauerbraten wird in der original Zubereitung nicht Rindfleisch, sondern das deutlich zartere und fettärmere Pferdefleisch verwendet. Das Fleisch stammt meist von spezialisierten Rossschlachtern, die Produkte aus dem Fleisch von Schlachtpferden anbieten. Seit einer Gesetzesänderung in den 90er Jahren sind aber auch andere Fleischereien dazu berechtigt, Pferdefleisch zu verarbeiten und anzubieten.

Quelle: FAZ.NET/DPA

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Lebensmittelpreise Der Kunde ist der Dumme

Im Supermarkt regiert das Kartell. Immer wieder sprechen sich Hersteller ab und treiben Preise in die Höhe. Das soll auch bei Reis und Linsen geschehen sein. Mehr Von Corinna Budras

25.04.2016, 07:30 Uhr | Finanzen
Den Haag UN-Tribunal spricht serbischen Nationalisten Seselj frei

Das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen hat den serbischen Nationalisten Vojislav Seselj freigesprochen. Dem 61-Jährigen waren Verbrechen gegen die Menschlichkeit in drei Fällen sowie Kriegsverbrechen in sechs Fällen während des jugoslawischen Bürgerkriegs Anfang der 90er Jahre vorgeworfen worden. Mehr

31.03.2016, 20:26 Uhr | Politik
Verschwundene Studenten Perfekte Koordination zwischen Staat und Kriminellen in Mexiko

Polizei und kriminelle Banden haben vor eineinhalb Jahren zusammen gearbeitet, um die 43 Studenten verschwinden zu lassen: Das und mehr wirft ein 600-Seiten-Bericht dem Staat vor. Mehr

25.04.2016, 11:27 Uhr | Gesellschaft
Korsika Eine Insel mit dem Charme des Ursprünglichen

Die französische Insel Korsika liegt näher an Italien als an Frankreich. Durch ihre Abgeschiedenheit vom französischen Festland hat sie sich einen ganz besonderen Charme bewahrt: Hier geht es ursprünglicher zu – von riesigen Hotelanlagen keine Spur. Mehr

25.04.2016, 11:45 Uhr | Reise
Wegen Fußball-EM Frankreich will Ausnahmezustand um zwei Monate verlängern

Wegen der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft will die französische Regierung den Ausnahmezustand bis in den Sommer hinein verlängern. Das sagte Premierminister Valls in Paris. Mehr

20.04.2016, 08:39 Uhr | Politik
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden