Home
http://www.faz.net/-guw-76gos
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Pferdefleischskandal Britische Regierung vermutet Verschwörung

Tausende Briten haben ahnungslos Lasagne mit Pferde- statt Rindfleisch gegessen. Das Pferdefleisch könnte von Schlachthöfen aus Rumänien stammen. In Deutschland werden die Produktkontrollen verschärft.

© AP Vergrößern Rindfleisch sollte drin sein, doch diese Lasagne bestand aus bis zu 100 Prozent Pferdefleisch

Der Skandal um als Rind deklariertes Pferdefleisch in Großbritannien zieht immer weitere Kreise. Der britische Umweltminister Owen Paterson schließt eine internationale kriminelle Verschwörung nicht aus und stellt sich auf „weitere schlechte Nachrichten“ ein. Die schwedische Lebensmittelaufsicht ermittelt gegen den Tiefkühlkonzern Findus. In Frankreich nahmen nach Medienberichten sechs Supermarktketten Lasagne und andere Fertiggerichte aus dem Sortiment. In Deutschland verschärfte das Düsseldorfer Verbraucherschutzministerium die Produktkontrollen. Rumänien leitete eine Untersuchung von Schlachthöfen ein, wo das Pferdefleisch hergekommen sein soll.

Lasagne mit bis zu 100 Prozent Pferdefleisch

Das Pferdefleisch war den Behörden in Lasagne-Packungen aufgefallen. Darin waren nach Angaben der britischen Lebensmittel-Aufsicht FSA bis zu 100 Prozent Pferdefleisch. Erste Spuren führen zu einem französischen Produzenten, der Fleisch unter anderem aus Rumänien bezieht. Erst Ende kommender Woche erwartet die FSA darüber Klarheit, in welchem Umfang Pferdefleisch in Fertigkost gelangt ist. Begonnen hatte der Fall Mitte Januar mit dem Fund von Pferdefleisch-Spuren in Produkten in Irland.

Die britische Polizei hat bislang keine Ermittlungen aufgenommen. Hersteller wurden aber verpflichtet, ihre Rindfleisch-Produkte zu testen. Der Discounter Aldi in Großbritannien gab an, dass zwei Fertigprodukte eines französischen Herstellers zu 30 bis 100 Prozent aus Pferdefleisch bestanden hätten. Umweltminister Paterson sagte am Sonntag: „Ein Produkt als Rindfleisch zu verkaufen, was sehr viel Pferdefleisch enthält, ist Betrug.“ Möglicherweise handle es sich aber auch nur um einen Fall von eklatanter Inkompetenz. Ein gesundheitliches Risiko des Verzehrs von Pferdefleisch sei indes bisher nicht festgestellt worden.

„Rindfleisch durch Pferdefleisch zu ersetzen, ist ein Verbrechen.“

Die schwedische Lebensmittelaufsicht ermittelt mittlerweile gegen den Tiefkühlkonzern Findus. Die Behörde teilte am Sonntag mit, man wolle vor weiteren Schritten wie einer möglichen Einschaltung der Polizei den Umfang dieses Betrugs mit Lebensmitteln klären. Die Sprecherin Mona-Lisa Dahlbom-Wiedel sagte: „Rindfleisch durch billiges Pferdefleisch zu ersetzen, ist ein Verbrechen.“ Findus hatte Mitte der Woche die Behörden darauf aufmerksam gemacht, dass in einem eigenen Lasagneprodukt Pferdefleisch statt des eigentlich deklarierten Rindfleisches entdeckt worden sei. Das Unternehmen hat nach Medienangaben in Schweden etwa 20.000 Packungen aus Supermärkten zurückgerufen. Findus-Sprecher Jari Latvanen sagte im Rundfunksender SR, sein Unternehmen habe Anzeige gegen den französischen Lieferanten Comigel erstattet.

In Frankreich nahmen sechs Supermarktketten als Reaktion auf den Eklat Lasagne und andere Fertiggerichte aus dem Sortiment, berichtete der Radiosender France Info. Dabei handelt es sich demnach um Produkte von Comigel und Findus. „Wir sind betrogen worden. Es gibt zwei Opfer in dieser Affäre: Findus und den Konsumenten“, teilte Matthieu Lambeaux von Findus Frankreich mit. Das Unternehmen Comigel teilte dem Radiobericht zufolge mit, es habe das Fleisch in gutem Glauben vom französischem Zulieferer Spanghero gekauft. Dieser wiederum weist auf einen rumänischen Zuliefer.

Pferdefleisch in Grillwurst, Gulas oder Roulade

Rumäniens Staatschef Traian Basescu äußerte sich besorgt um das Image seines Landes. Das EU-Land Rumänien werde „für viele Jahre an Glaubwürdigkeit verlieren“, sollte sich herausstellen, dass rumänische Lieferanten falsche Angaben über das Fleisch gemacht hätten. Landwirtschaftsminister Daniel Constantin hatte eine Untersuchung zweier verdächtiger Schlachthöfe angeordnet. Einer dieser Betriebe sei vermutlich nicht der Etikettenschwindler, weil er ausschließlich Pferdefleisch in EU-Länder liefere - und dies offen und offiziell, erklärte das Ministerium. Mit einem abschließenden Untersuchungsbefund sei an diesem Montag zu rechnen.

In Deutschland wird Pferdefleisch vor allem als Grillwurst, Gulasch oder Roulade konsumiert. Auch für den traditionellen Rheinischen Sauerbraten wird in der original Zubereitung nicht Rindfleisch, sondern das deutlich zartere und fettärmere Pferdefleisch verwendet. Das Fleisch stammt meist von spezialisierten Rossschlachtern, die Produkte aus dem Fleisch von Schlachtpferden anbieten. Seit einer Gesetzesänderung in den 90er Jahren sind aber auch andere Fleischereien dazu berechtigt, Pferdefleisch zu verarbeiten und anzubieten.

Quelle: FAZ.NET/DPA

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Großbritannien Cameron setzt Geheimdienst gegen Pädophile ein

Der britische Premierminister David Cameron will mit einer Spezialeinheit, an der auch der britische Geheimdienst GCHG beteiligt ist, Jagd auf Pädophile im sogenannten Dark Web machen. Mehr

11.12.2014, 15:17 Uhr | Politik
Kokain, Mariuana und Opium Peru verbrennt 5000 Kilo Drogen

Kokain, Mariuana und Opium: In einem Ofen, der mit einer Aufschrift auf den Kampf gegen das organisierte Verbrechen hinwies, gingen sie nacheinander in Rauch auf. Mehr

14.11.2014, 16:13 Uhr | Gesellschaft
Ukraine-Konflikt Als Stalin Hitlers Verbündeter war

Präsident Putin hat die Tradition der Angriffskriege in Europa wiederbelebt. Das Geschichtsbild wird dieser Entwicklung angepasst - und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 rehabilitiert. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Timothy Snyder

20.12.2014, 08:27 Uhr | Politik
Aldi Bumm Baldi von Gerhard Falkner

Thomas Huber liest Aldi Bumm Baldi von Gerhard Falkner. Mehr

10.10.2014, 16:08 Uhr | Feuilleton
Folterverhöre Frühere CIA-Agenten: Bericht ist einseitig und fehlerhaft

Ehemalige CIA-Agenten haben den Bericht über Folterverhöre des Geheimdienstes scharf kritisiert. Auch die Republikaner nennen ihn einseitig. UN und Menschenrechtler fordern hingegen strafrechtliche Konsequenzen. Mehr

10.12.2014, 04:26 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.02.2013, 14:20 Uhr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden