http://www.faz.net/-gum-76x6f

Pferdefleischskandal : „Billiges Fleisch ist ein grundsätzliches Problem“

  • Aktualisiert am

Bei verarbeitetem Rind, wie es in den betroffenen Fertig-Lasagnen drin sein sollte, entfällt eine Kennzeichnung des Ursprungslandes des Fleisches. Bild: dpa

Der Pferdefleischskandal hat Deutschland erreicht. Auch Edeka ruft Produkte zurück. Im Interview fordert Ernährungsexpertin Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen eine bessere Kennzeichnung von verarbeitetem und unverarbeitetem Fleisch.

          Der Skandal um falsch deklariertes Pferdefleisch breitet sich in der EU aus, mehrere deutsche Handelsketten ziehen Produkte aus dem Verkauf. Kann man die Warenströme der Lebensmittel überhaupt noch kontrollieren?

          Die Kontrolle ist schwierig geworden. Der globale Handel macht es derzeit nahezu unmöglich, die Handelsströme zügig rückverfolgen zu können. Die EU muss sicherstellen, dass die Lebensmittelüberwachung in den Mitgliedsstaaten dementsprechend organisiert wird. Es muss systematisch erfasst werden, wo Täuschungsmöglichkeiten gegeben sind. Wir brauchen deshalb eine europaweite Datenbank, welche die Handelsströme dokumentiert und bei Bedarf eine Rückverfolgung ermöglicht und auf nationaler Ebene eine zentrale Erfassung von Täuschungsdelikten. Beim unverarbeiteten Rindfleisch gibt es seit dem BSE-Skandal eine Etikettierung, die dem Verbraucher Informationen über Geburt, Mast und Schlachtung des Tieres gibt. Bei allen anderen Tierarten gibt es das bisher noch nicht.

          Rekonstruktion des Pferdefleischskandals
          Rekonstruktion des Pferdefleischskandals : Bild: F.A.Z.

          Trotzdem hat die Etikettierung von Rindfleisch den Skandal um falsch deklariertes Pferdefleisch nicht verhindert.

          Weil nur unverarbeitetes Rindfleisch und Rinderhack etikettiert werden muss. Bei verarbeitetem Rind, wie es in den betroffenen Fertig-Lasagnen drin sein sollte, entfällt eine Kennzeichnung des Ursprungslandes des Fleisches. Für den Verbraucher ist es daher bei Fertigprodukten unmöglich, die Herkunft des verwendeten Fleisches herauszufinden. Deshalb fordern die Verbraucherzentralen eine verbindliche Herkunftskennzeichnung für alle unverarbeiteten und verarbeiteten Fleischsorten. Die EU berät momentan im Rahmen der Verhandlungen über die EU-Lebensmittel-Informationsverordnung darüber, das Fleisch von weiteren Tierarten besser zu kennzeichnen. Für den Verbraucher wäre das ein Fortschritt in Richtung mehr Transparenz.

          Andrea Schauff: „Der globale Handel macht es unmöglich die Handelsströme zügig rückverfolgen zu können“
          Andrea Schauff: „Der globale Handel macht es unmöglich die Handelsströme zügig rückverfolgen zu können“ : Bild: Privat

          Fertiggerichte im Supermarkt, wie Lasagne, kosten meist nur ein paar Euro. Ist Fleisch nicht viel zu billig?

          Billiges Fleisch ist ein grundsätzliches Problem. Man muss sich vor Augen halten, dass eine qualitativ hochwertige Fleischproduktion nicht zu Niedrigstpreisen möglich ist. Stattdessen sollte beim Einkauf auf Qualität geachtet werden. Denn das Risiko von minderwertigem Fleisch trägt schlussendlich der Verbraucher.

          Der ist zurecht verunsichert. Was kann man tun, um auch das Fleisch zu bekommen, das man möchte?

          Bei verpackten Lebensmitteln sollte künftig in der Verkehrsbezeichnung oder in der Zutatenliste die Tierart angegeben werden, von der das verwendete Fleisch stammt. Wird also in der Lasagne Pferdefleisch verwendet ohne entsprechende Angabe, handelt es sich um eine Täuschung der Verbraucher. Nur bei losen Fleischprodukten vor allem Wurst muss die Tierart nicht gekennzeichnet sein. Wer wissen will, woher das Fleisch kommt, sollte generell unverarbeitetes Frischfleisch kaufen und verarbeiten -  am besten vom Metzger des Vertrauens oder direkt vom Erzeuger. Dort kann ich nachfragen oder sehen, woher das Fleisch kommt und vor allem welches Fleisch ich bekomme. Billigangebote sollten besser gemieden werden. Das mindert das Risiko, qualitativ minderwertiges Fleisch zu bekommen.

          Die Fragen stellte Kevin Schrein

          Pferdefleischskandal : Skandal in Deutschland weitet sich aus

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Die Macht der Algorithmen

          Datenauswertung : Die Macht der Algorithmen

          An welchem Tag sind rote Blusen besonders gefragt, und wann verkaufen sich schmale Krawatten am besten? Das wissen nicht nur Modefachleute, sondern auch schlaue Algorithmen. Und die mischen den Handel auf.

          Der Supermarkt für gerettete Lebensmittel Video-Seite öffnen

          Berliner Start-up : Der Supermarkt für gerettete Lebensmittel

          20 Millionen Tonnen Lebensmitteln landen in Deutschland jährlich in der Mülltonne. Sie entsprechen nicht der Handelsnorm oder dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Umweltaktivist Raphael Fellmer hat einen Supermarkt für abgelaufene Lebensmittel eröffnet.

          Topmeldungen

          Freund im Feindesland: Irans Präsident Rohani vor der UN-Vollversammlung

          Atomabkommen : Mit Iran gegen Trump

          Amerika verdammt das Atomabkommen und schweigt über ein weiteres Vorgehen. Hassan Rohani gibt sich als Freund der Europäer. Die fürchten böse Folgen für Nordkorea.

          Streit in der AfD : Kein Wort, zu niemandem

          Kurz vor der Bundestagswahl kann auch die AfD keinen Skandal mehr gebrauchen. Wie der Vorsitzende Jörg Meuthen verhindern will, dass Äußerungen von Frauke Petry weitere Kreise ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.