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Pestizide im Obst Die tägliche Ration Gift

18.02.2008 ·  Einer Untersuchung zufolge sind Obst und Gemüse mit etlichen oft nicht nachweisbaren Pestiziden belastet. Jetzt denken der Handel und die Landwirtschaft um. Biologische Methoden bei der Schädlingbekämpfung sowie sorgfältigere Kontrollen werden immer populärer.

Von Stefan Locke
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Rot leuchten die Paprika im Regal, gelb glänzen die Äpfel im Korb, und saftig blau liegen die Trauben auf der Theke: Viele Supermärkte bemühen sich inzwischen zwar um eine appetitliche Präsentation ihrer Ware, aber der Schein trügt. Geht es nämlich um Obst und Gemüse, dann beschreibt die Umweltorganisation „Greenpeace“ die Situation auf Deutschlands Frischemärkten in eher düsteren Farben. Denn das vielfach makellose Aussehen von Paprika, Äpfeln oder Trauben wäre ohne den Einsatz von Chemie oft nicht möglich. Besonders irritierend in diesem Zusammenhang: Etliche Rückstände werden bei Kontrollen nicht einmal entdeckt.

„Nur etwas mehr als die Hälfte aller Obst- und Gemüseproben in Deutschland sind frei von Pestizid-Rückständen“, sagt Manfred Krautter, zuständiger Experte bei „Greenpeace Deutschland“. Dagegen wiesen mehr als ein Viertel der von seiner Organisation in Deutschland untersuchten Proben Rückstände gleich mehrerer Pestizide auf; in fünf Prozent der Fälle waren die zulässigen Höchstwerte überschritten. Das kann gesundheitliche Folgen haben, die allerdings meist nicht unmittelbar, sondern erst viel später auftreten. Denn die mit den Früchten aufgenommenen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln lagern sich im Körper ab und können langfristig die Zellteilung stören, Krebs erzeugen, das Immunsystem schwächen oder gar das Erbgut verändern.

Giftige Pestizide erlaubt

Noch immer aber setzen die meisten Erzeuger hauptsächlich auf Chemie, um ihre Produkte vor Schädlingen oder Pilzen zu schützen und um sie für den Transport und die Lagerung haltbar zu machen. Die Liste der rund um den Globus eingesetzten Chemikalien ist lang, Greenpeace legte dieser Tage erstmals eine Übersicht besonders gesundheits- und umweltgefährdender Spritzmittel vor. Zwei Chemiker untersuchten dafür im Auftrag der Organisation sieben Monate lang 1134 bekannte Pestizid-Wirkstoffe auf ihre Risiken. 327 davon landeten prompt auf einer schwarzen Liste, sie gelten mithin als besonders gefährlich für Umwelt und Gesundheit.

„Diese Stoffe sind so giftig, dass sie sofort verboten werden müssten“, sagt Krautter. Tatsächlich aber sind 168 dieser Pestizide heute in der Europäischen Union erlaubt, achtzig davon wurden in den vergangenen Jahren überhaupt erst zugelassen - darunter Spritzmittel wie Iprodion, das laut Greenpeace häufig bei Tafeltrauben, Salaten und Erdbeeren nachgewiesen wird und vermutlich Krebs auslöst. Oder das Pilzbekämpfungsmittel Imazalil, das oft in Zitrusfrüchten steckt und ebenfalls im Verdacht steht, Krebs zu verursachen und die Möglichkeit zur Fortpflanzung zu beeinträchtigen.

Kochsalz auch tödlich?

Das für die Zulassung zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sieht die schwarze Liste jedoch äußerst kritisch: „Greenpeace betrachtet nur die Wirkstoffe, nicht aber die Dosierung“, sagt Behördensprecher Jochen Heimberg. „Nach dieser Methode müsste man auch Kochsalz verbieten, das in großen Mengen ebenfalls tödlich wirkt.“ Zudem seien in der EU heute nur noch rund fünfhundert Pestizide erlaubt, vor 15 Jahren waren es mehr als doppelt so viele. Heimberg gesteht zwar ein, dass selbst bei sachgerechter Anwendung chemischer Hilfsmittel Rückstände in Obst und Gemüse bleiben können. Die entsprechenden Werte müssten jedoch so gering sein, dass weder bei einmaligem Verzehr großer Mengen noch bei lebenslanger täglicher Aufnahme gewöhnlicher Mengen ein Gesundheitsrisiko bestehe - anderenfalls werde keine Zulassung erteilt.

Der Greenpeace-Fachmann hält dagegen: „Niedrige Dosen bedeuten keinesfalls ein Null-Risiko.“ Entscheidend sei vielmehr das Zusammenwirken mehrerer Gifte. So hätten einige Trauben- und Paprikaproben im vergangenen Jahr Rückstände von bis zu 16 verschiedenen Pestiziden enthalten. „Ein solcher Giftcocktail hat unglaubliche Wirkungsverstärkungen“, behauptet Krautter. „Da ergibt eins und eins nicht zwei, sondern plötzlich hundert.“

Unerkennbar, aber zugelassen

Zudem wisse bis heute niemand so genau, welche Chemikalien auf ausländischen Feldern gespritzt würden. Von dort aber kommen laut Deutschem Fruchthandelsverband 80 Prozent unseres Obstes und 60 Prozent des Gemüses. Darüber hinaus lassen sich nicht einmal alle in Europa zugelassenen Pestizide in Früchten überhaupt nachweisen. Laut Greenpeace wurden allein in den vergangenen drei Jahren in Deutschland 38 Pestizidwirkstoffe zugelassen, von denen zwölf in Routineuntersuchungen der staatlichen Labors nicht erkannt werden können.

Dazu gehört etwa das Pflanzenschutzmittel Amitrol, das in Apfel-, Birnen- und Weinplantagen erlaubt ist, aber im Verdacht steht, das Hormonsystem anzugreifen. Stoffe wie diese können nur in aufwendigen Einzelanalysen der Obst- und Gemüseproben identifiziert werden. Und das ist teuer: So kostet etwa ein Routinecheck nach der Multimethode, bei der mit einer Untersuchung die gängigsten Pestizide herausgefiltert werden können, bis zu dreihundert Euro, eine Einzelanalyse der Probe auf weitere Gifte aber bis zu 10 000 Euro. Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisiert deshalb die deutsche Zulassungspraxis. „Der Bund genehmigt die Pestizide, aber die für die Überwachung zuständigen Länder sind nicht in der Lage, diese auch zu kontrollieren“, sagt Agrar- und Ernährungsreferentin Jutta Jaksche. Sie fordert einen Zulassungsstopp für alle Stoffe, die mit Routineanalysen unauffindbar sind.

Handel denkt um

Einfacher wäre es womöglich, die Kontrolle nicht allein dem Staat zu überlassen, sondern die Landwirtschaft und vor allem den Handel in die Pflicht zu nehmen. Und da hat sich in letzter Zeit einiges getan - „nicht zuletzt dank Greenpeace“, wie der Lebensmittelchemiker Wolfgang Schwack von der Universität Hohenheim sagt. Im Gegensatz zu früher „entfalten heute fast alle Handelsketten enorme Aktivitäten“, so Schwack. Vor allem Discounter wie Aldi oder Lidl schnitten bei neuerlichen Obst- und Gemüse-Tests überraschend gut ab. Denn ein drastisch sinkender Absatz und die Angst vor Image-Schäden hätten sie in die Offensive getrieben. So begann etwa Lidl vor anderthalb Jahren, ein Qualitätssicherungssystem für sämtliche Obst- und Gemüselieferanten aufzubauen, inzwischen seien alle Produkte bis zum Erzeuger rückverfolgbar, heißt es beim Konzern. Außerdem werde mittlerweile viel häufiger kontrolliert: Eigenen Angaben zufolge untersuchen Prüfinstitute jedes Jahr rund 35 000 Proben für Lidl - unangemeldet und aus der gesamten Lieferkette. Die staatliche Lebensmittelüberwachung dagegen schafft jährlich nur halb so viele Proben, und zwar für den gesamten deutschen Markt.

Jetzt ziehen auch die eher teuren Handelsketten nach. Noch vor einem Jahr fand Greenpeace bei „Kaiser's“, „Tengelmann“, „Edeka“ und „Rewe“ besonders viel gespritztes Obst und Gemüse. Nun aber erarbeitet etwa Edeka zusammen mit dem Freiburger Öko-Institut eine eigene Ausschlussliste für Pestizide; bis August soll die Verbotsliste allen Erzeugern und Lieferanten in insgesamt achtzig Ländern vorliegen. Als Vorreiter gilt die englische Handelskette „Marks & Spencer“, die schon vor Jahren eine eigene schwarze Liste mit 79 Pestiziden entwickelt hat.

Alternative Lösungen

„Das Umdenken im Handel zeigt bereits Wirkung“, sagt auch Umweltschützer Manfred Krautter. Von einer Trendwende könne zwar noch keine Rede sein, aber immerhin habe die gestiegene Nachfrage nach rückstandsfreier Ware etwa in Spanien zu enormen Veränderungen beim Gemüseanbau geführt. In Almería etwa setzen Obst- und Gemüsebauern mit nützlichen Insekten wie Raubmilben, Schlupfwespen und Marienkäfern neuerdings auf biologische Methoden bei der Schädlingsbekämpfung. Die andalusische Regierung bezuschusste die Umstellung im vergangenen Jahr mit 300 000 Euro. Laut Krautter eine gute Investition, denn Schädlinge entwickeln gegen natürliche Feinde keine Resistenzen, die Landwirte müssen ihr Geld also nicht für immer neue Gifte ausgeben. Außerdem ist die Feldarbeit so deutlich weniger gesundheitsschädlich.

Wer allerdings schon heute beim Obst- und Gemüsekauf ganz sichergehen will, dem bleiben wohl nur Produkte aus dem ökologischen Landbau. Zumindest erwies sich Bio-Obst und -gemüse bisher in sämtlichen Tests als nahezu rückstandsfrei.

Die Deutschen und ihr Obst

Verbrauch: Jeder Deutsche verzehrt im Jahr durchschnittlich rund 150 Kilogramm Obst und Gemüse. Äpfel sind mit durchschnittlich 17,2 Kilo im Jahr das mit Abstand beliebteste Obst, es folgen Bananen, Apfelsinen, Mandarinen und Weintrauben. Das meistgekaufte Gemüse ist die Tomate, knapp 22 Kilo davon isst jeder Deutsche durchschnittlich jedes Jahr. Danach kommen Möhren, Gurken, Zwiebeln und Paprika.

Herkunft: Äpfel und Möhren stammen hauptsächlich aus Deutschland. Das meiste Import-Obst liefern Spanien (knapp 1,5 Millionen Tonnen im Jahr), Italien (835 000 Tonnen) und Costa Rica (319 000 Tonnen). In Deutschland verkauftes Gemüse kommt vor allem aus den Niederlanden (1 Million Tonnen im Jahr) sowie Spanien (826 000 Tonnen) und Italien (290 000 Tonnen).

Belastung: Bananen, Heidelbeeren, Kiwis, Broccoli und Chicoree sind laut Greenpeace nur gering mit Pestizidrückständen belastet. Dagegen fanden die Umweltschützer in Papayas, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Weintrauben, Himbeeren, Melonen, Petersilie, Rucola und Paprika häufig hohe Werte. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden bei Proben im Jahr 2006 die zulässigen Rückstands-Höchstmengen häufig bei Rucola, frischen Kräutern, Feldsalat und Paprika überschritten. Keinerlei Überschreitungen gab es dagegen bei Chicoree, Heidelbeeren, Rhabarber, Rosenkohl und wild wachsenden Pilzen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.02.2008, Nr. 7 / Seite 56
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