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Passau Gammelwild-Skandal: Land reißt Ermittlungen an sich

27.01.2006 ·  Der Passauer Wildfleischskandal weitet sich aus. Nach angeblichen Versäumnissen wurden der Bezirksregierung die Ermittlungen entzogen. Dem Skandalbetrieb Berger-Wild wurde die Lizenz entzogen. Im Norden droht ein weiterer Skandal um Putenfleisch.

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Wenige Tage nach Bekanntwerden des Gammelwild-Skandals in Bayern hat das Landesamt für Gesundheit die Aufklärung übernommen. Bisher war die Regionalregierung von Niederbayern dafür zuständig. Die Leitung der zum Wochenanfang eingerichteten Sonderkommission sei dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit übertragen worden, sagte ein Sprecher des bayerischen Verbraucherschutzministeriums am Freitag. Der Passauer Berger-Wild GmbH wurde mit sofortiger Wirkung die Lizenz entzogen. „Er darf nichts mehr produzieren“, sagte ein Sprecher der Bezirksregierung Niederbayern am Freitag in Landshut.

Gleichwohl werden der Behörde angeblich Versäumnisse vorgeworfen, die Medienberichten zufolge den bayerischen Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU) dazu veranlaßt haben, als Konsequenz die Ermittlungen der Bezirksregierung zu entziehen. Offiziell gab das Ministerium als Grund für den Zuständigkeitswechsel an, daß die Vizepräsidentin der Regierung von Niederbayern und bisherige Soko-Chefin, Monika Weinl, krank geworden sei. Zuvor hatte das Bundesverbraucherministerium den Skandal um den Passauer Fleischhändler als „gravierend“ bezeichnet. „Wenn es zutrifft, daß der Betrieb in der Vergangenheit mehrfach kontrolliert worden ist, deutet das auf schwere Defizite bei den Kontrolleuren hin“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Gerd Müller (CSU) der „Passauer Neuen Presse“. Müller mahnte eine genaue Untersuchung durch das Land Bayern an.

Berger-Fleisch auch in Österreich

Fleischlieferungen des Passauer Wild-Händlers waren am Freitag in großem Umfang in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen (siehe: Gammelwild aus Bayern an fünf Betriebe in Hessen geliefert) sowie in Österreich sichergestellt worden. In Baden-Württemberg haben den Lieferlisten zufolge insgesamt zehn Einzelhandelsbetriebe und Filialen Ware von Berger-Wild erhalten. Dies teilte der zuständige Referent für Lebensmittelüberwachung im Stuttgarter Innenministerium, Hans Layer, am Freitag mit. Die gelieferte Menge belaufe sich auf rund eineinhalb Tonnen. Da den Betrieben eine Rückrufaktion aber schon bekannt gewesen sei, sei „die entsprechende Ware zum Abruf aussortiert“ worden. Es sei aber „nicht völlig auszuschließen“, daß bedenkliches Fleisch verkauft worden sei. In Rheinland-Pfalz sollen drei, in Nordrhein-Westfalen zwei Großhändler betroffen sein. Zahlreiche Produkte wurden aus dem Verkehr gezogen (siehe: Zurückgezogen: Zwölf Produkte „für den Verzehr ungeeignet“).

Auch im österreichischen Innviertel ist Fleisch der Passauer Firma sichergestellt worden. Ein Sprecher der Landessanitätsbehörde Oberösterreich sagte dem Österreichischen Rundfunk (ORF), in Braunau, Schärding und Ried würden seit Donnerstag Gastronomiebetriebe kontrolliert. Bisher sei die Lebensmittelaufsicht in einem Betrieb fündig geworden. Man warte nun auf das Ergebnis der Probe. Die Lebensmittelaufsicht erwartet von den bayerischen Kollegen bald genaue Lieferlisten des Wildbret-Händlers.

Ermittlungen schon vor eineinhalb Jahren

Die Staatsanwaltschaft Landshut soll schon vor eineinhalb Jahren über Manipulationen bei Berger-Wild informiert worden gewesen sein. Behördenleiter Helmut Kobor sagte am Freitag, der Zoll habe bei Durchsuchungen Mitte 2004 Hinweise auf möglicherweise verlängerte Haltbarkeitsdaten und Umettikettierungen gefunden.

Dabei ist es nach den Worten Kobors auch darum gegangen, Tiefkühl- als Frischfleisch oder Wildschaf- als Gamsfleisch auszugeben. Die Staatsanwaltschaft habe diese Hinweise an die Regierung von Niederbayern und an die Veterinärbehörde weitergegeben, die für den vorbeugenden Verbraucherschutz zuständig sei. Die möglichen Manipulationen hätten sich in den Jahren 2002 und 2003 ereignet. Hinweise auf Hygienemängel habe es 2004 noch nicht gegeben, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt. Veterinäre hätten den Betrieb mehrfach kontrolliert. Nach der Auswertung von 22.000 E-Mails durch die Kriminalpolizei seien der Betrieb abermals überprüft und die Zustände entdeckt worden.

Zweifelhafte Geschäftspraktiken

Auch den deutschen Wildhaltern ist der Passauer Wildfleischhändler schon vor Jahren mit zweifelhaften Geschäftspraktiken aufgefallen. Das Unternehmen habe damals von bayerischen Wildhaltern Fleisch von Gehegetieren zu Dumpingpreisen kaufen wollen, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes für landwirtschaftliche Wildhaltung, Karl-Heinz Funke, am Freitag in Berlin. Das Angebot von Berger habe rund 60 Prozent unter dem normalen Marktpreis gelegen. „Dieses wurde entschieden abgelehnt, da solches Geschäftsgebaren zum Verramschen von hochwertigen Fleischqualitäten führen würde“, erklärte der frühere SPD-Bundesagrarminister. Solch ein Vorgehen sei unseriöse und kriminelle Geschäftemacherei.

Berger ist nach Angaben der im Bauernverband organisierten Wildhalter Europas größter Wildfleischhändler. Funke kritisierte die Behörden scharf. Trotz staatlicher Kontrollpflichten würden in großen Unternehmen Vergehen wie beim jüngsten Skandal nicht festgestellt. Die Wildhalter forderten eine rasche Aufklärung der Vorkommnisse bei der Berger-Wild GmbH. „Bei Berger offenbaren sich kriminelle Mißstände, die nicht nur ekelerregend sind, sondern auch die Gesundheit der Verbraucher gefährden“, sagte ein Sprecher des bayerischen Bauernverbandes.

Weiterer Skandal um Putenfleisch im Norden?

In Schleswig-Holstein sind Polizei und Staatsanwaltschaft unterdessen offenbar einem weiteren Fall von Gammelfleisch-Verkauf auf der Spur. Wie ein Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft am Freitag sagte, wurden schon im vergangenen November bei einem Fleischgroßhändler aus dem Raum Neumünster 15 Tonnen Putenfleisch mit abgelaufenem Verbrauchsdatum beschlagnahmt. Gegen den 52 Jahren alten Geschäftsführer werde nun wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz ermittelt. Er soll das abgelaufene Putenfleisch eingefroren und dann als Tiefkühlware verkauft haben.

Lebensmittelkontrolleure waren im August 2005 bei einem Pizza-Service auf abgelaufenes Putenfleisch von dem Großhändler gestoßen und hatten Anzeige erstattet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden bei der anschließenden Durchsuchung im November zahlreiche Unterlagen des Fleischbetriebes beschlagnahmt. Anhand dieser Dokumente soll nun geklärt werden, ob und wieviel abgelaufenes Putenfleisch in den Handel gelangt ist.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, AP, ddp, AFP
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