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Pädophilie Täter therapieren, Opfer schützen

20.09.2006 ·  Mediziner wissen: Kinderschänder erliegen ihrem Trieb. Drakonische Strafen können das nicht ändern und können keine der Untaten verhindern. Die Berliner Charité geht einen anderen Weg: Potentielle Täter sollen therapiert werden, bevor etwas geschieht.

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In vielen Hallenbädern Deutschlands hängen die Plakate seit einem Jahr: Ein Mann in der U-Bahn ist darauf zu sehen, seine Augen vom Haltegriff des Vordersitzes wie durch einen schwarzen Balken verdeckt. Dennoch erkennt man, daß er nervös einen kleinen Jungen im Visier hat, der unbefangen mit einer gleichaltrigen Freunden herumalbert. „Lieben sie Kinder mehr als ihnen lieb ist?“, fragt das Plakat. Und darunter: „Es gibt Hilfe.“

Mehr als 400 Männer aus ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland fühlten sich bislang davon angesprochen und suchten Kontakt zum Institut für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin der Berliner Universitätsmedizin Charité, wo seit Sommer 2005 ein in ganz Deutschland einzigartiges Präventionsprojekt läuft: Potentiellen Kindesmißbrauchern soll unter strenger Schweigepflicht geholfen werden, bevor sie sich an Minderjährigen vergreifen.

Prinzip: Tätertherapie ist Opferschutz

An diesem Mittwoch wurde das Projekt im Rahmen der Initiative „Land der Ideen“ als beispielhaft ausgezeichnet - obwohl zunächst Skepsis auf mancher Seite zu überwinden war. „Hilfe für Pädophile ist ein hoch sensibles Thema, das bei vielen maximale Emotionen hervorruft, das aber rational diskutiert werden muß“, betonte Institutsleiter Professor Klaus Michael Beier. „Denn eines ist klar: Sexuelle Präferenzstörungen sind keine freie Wahl, sondern Schicksal.“ Nicht nur Charité und Volkswagenstiftung, sondern auch Opferschutzorganisationen wie „Hänsel und Gretel“ unterstützen deshalb das Projekt, das dem Grundsatz „Tätertherapie ist Opferschutz“ folgt.

Angesprochen sind Männer mit pädophilen Neigungen - laut Forschern insgesamt etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung durch alle Altersgruppen und Sozialschichten hindurch -, die bislang ihrem Drang noch nicht nachgegeben haben oder noch nicht juristisch verfolgt wurden, aber Hilfe suchen.

Eine Heilung gibt es nicht

Von den rund 100 Männern, die nach ausführlicher Anamnese seit Jahresbeginn nach und nach in Gruppen- und Einzeltherapien anonym behandelt werden, hätten viele davon berichtet, bereits Hilfe andernorts gesucht zu haben - aber vergeblich. „Bundesweit gibt es immer noch keine anerkannte Zusatzausbildung Sexualmedizin“, beklagt auch der Kieler Sexualwissenschaftler Professor Hartmut Bosinski.

Im Projekt geht es darum, den Männern Möglichkeiten aufzuzeigen, mit ihrer sexuellen Störung zu leben. „Denn eines müssen alle ziemlich schmerzhaft zu Beginn der Therapie realisieren: Eine Heilung, die sich viele wünschen, gibt es nicht“, erläutert der Sexualmediziner. Die ersten Gespräche laufen deshalb unter dem Vorzeichen: Niemand kann etwas für seine sexuelle Orientierung, aber jeder kann für sein eigenes Tun Verantwortung übernehmen. „Schon dieser Verzicht auf eine Schuldzuweisung bringt vielen eine enorme Entlastung.“

In die Rolle des Opfers schlüpfen

Die konkrete Therapie läuft dann mehrstufig ab: Zunächst gilt es, die Empathiefähigkeit zu trainieren - etwa in Rollenspielen, in denen die Männer in die Rolle des Opfers schlüpfen müssen. Auch typischen Wahrnehmungsverzerrungen ist auf diese Weise auf die Spur zu kommen. „Viele lügen sich vor, daß das Kind ja zuerst den Kontakt gesucht habe - etwa, indem es sie anlächelte oder ihre Hand nahm“, schildert Beier. Jetzt gelte es, zu realisieren, daß diese kindlichen Zeichen keineswegs bedeuten: Ich will Sex mit dir. „Der Erwachsene hat die Verantwortung für das, was geschieht, und keinesfalls das Kind“, resümiert Beier.

Auch die Einbeziehung der Partnerin gehöre oft zur Therapie, sowie - falls die Betroffenen es wünschten - die Ergänzung mit Medikamenten, die im akuten Notfall die Triebe dämpfen können. Ob Einzel- oder Gruppentherapie sinnvoller sei, könne jedoch erst nach Abschluß der ersten Studienrunde im Frühling 2007 gesagt werden. In jedem Fall erhoffen sich Forscher wie Kinderschützer davon einen Schub für künftige Präventionsmaßnahmen.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa
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