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Organspendeskandal : Verdacht auf fahrlässige Tötung

  • -Aktualisiert am

Ärzte der Uniklinik Göttingen sollen Daten verfälscht haben, um schneller Spenderorgane für ihre Patienten zu bekommen. Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Göttinger Organspendeskandal nun auch wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung in 23 Fällen. Durch Manipulationen bei der Zuteilung von Spenderlebern könnten andere Erkrankte gestorben sein.

          Die Ermittlungen zum Göttinger Organspendeskandal haben sich ausgeweitet. Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt nun auch wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in 23 Fällen, weil wegen der manipulierten Zuteilung der Spenderlebern andere Erkrankte auf der Warteliste gestorben sein könnten. Bisher hatte die Braunschweiger Staatsanwaltschaft gegen die beiden Ärzte wegen Bestechlichkeit ermittelt. Der Göttinger Staatsanwalt Andreas Buick sprach nun am Freitag vom Anfangsverdacht eines fahrlässigen oder bedingt vorsätzlichen Tötungsdelikts.

          Die Verfälschung der Krankenakten, mit dem Ziel, die Position der eigenen Patienten auf der Spenderliste zu verbessern, gilt als der größte Organspende-Skandal der deutschen Medizingeschichte. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass in Nordrhein-Westfalen über eine Vermittlungsagentur für Spenderorgane, gegen welche die Staatsanwaltschaft Göttingen bereits ermittelt, ein russisches Paar Mitarbeitern eines Transplantationszentrums Geld für die schnellere Transplantation einer Leber geboten haben soll. Die Klinik habe das zurückgewiesen.

          Die Staatsanwaltschaften rechnen mit monatelangen Ermittlungen, sie stünden „noch ganz am Anfang“. Zurzeit werten sie Datenträger aus, die bei Durchsuchungen im Büro und der Wohnung eines leitenden Arztes beschlagnahmt wurden. Der 60 Jahre alte Leiter der Abteilung „Gastroenterologie und Endokrinologie“ war nach Bekanntwerden der Vorwürfe, die er bestreitet, von seinen Aufgaben freigestellt worden. Er soll Patientendaten zusammen mit dem schon im November suspendierten und mittlerweile entlassenen 45 Jahre alten Transplantationschirurgen gefälscht haben. Der Professor war in Voruntersuchungen der Patienten zur Organtransplantation eingebunden.

          Weitere Verdächtige gebe es nicht, sagte ein Kliniksprecher in Göttingen. Auszuschließen sei es aber nicht. Die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Elisabeth Pott, sagte, die Manipulationen seien „schlimm und bedrückend“. Sie sollten aber Spenderwillige nicht entmutigen. Zurzeit warten 12.000 Patienten in Deutschland auf Spenderorgane.

          „Vier-Augen-Prinzip“eingeführt

          Ein Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums in Hannover sagte, selbst ein lückenloses Kontrollsystem schütze nicht vor der kriminellen Energie Einzelner. In Göttingen wurden die Abläufe mittlerweile durch ein „Vier-Augen-Prinzip“ verschärft. Mit seinen Untersuchungen habe der Abteilungsleiter Einfluss gehabt auf das „Meld-Score“ (siehe Kqasten unten) der Stiftung Eurotransplant in Leiden, die in mehreren Ländern die Spenderorgane zuteilt.

          Für Deutschland sind die Kriterien für die Warteliste durch das Transplantationsgesetz von 1997 und einer Richtlinie der Bundesärztekammer für Lebertransplantationen aus dem Jahr 2000 festgelegt. Bei Lebertransplantationen zählen die Blutgruppenkompatibilität und die Größenübereinstimmung zu den wichtigsten medizinischen Kriterien. Verpflanzt wird eine gesunde Leber etwa nach Hepatitis, Alkoholmissbrauch oder Leberkrebs. Dank verbesserter Immuntherapie steigen die Überlebenschancen ständig; über fünf Jahre hinweg liegen sie bei etwa 80 Prozent.

          Die 23 Fälle, die als „verdächtig“ gelten, stammen aus den Jahren 2010 und 2011. Die Universitätsklinik Göttingen und die Bundesärztekammer hatten nach einem anonymen Hinweis die Patientendaten der letzten Jahre untersucht. Dabei ergaben sich Hinweise, dass die Erkrankungen der Patienten des Transplantationschirurgen durch verfälschte Daten als schwerwiegender dargestellt wurden, als sie waren.

          Zudem hatte er Kontakte ins Ausland zu russischen und jordanischen Patienten, die gegen die Regeln Spenderlebern erhalten haben sollen. Ermittlungen gegen ihn im Jahr 2006 waren eingestellt worden. Für einen konkreten Geldfluss haben die Ermittler bisher keine Belege.

          Das betrogene System

          Ob Chancengleichheit bei Transplantationen wirklich gegeben ist, wie dehnbar und wie leicht zu verfälschen die Kriterien für die Vergabe sind – diese Fragen stellen sich, seit der Organspendeskandal an der Göttinger Universitätsklinik sich ausgeweitet hat. Patientendaten sollen angeblich so manipuliert worden sein, dass die Betroffenen, die auf eine Leber warteten, auf einen hohen Meld-Score kamen. Diese Zahl entscheidet darüber, als wie dringlich die Stiftung Eurotransplant die Situation des Organempfängers einstuft. Eurotransplant ist verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in sieben europäischen Ländern.

          Das Meld-Score-System wurde Ende 2006 nach amerikanischem Vorbild eingerichtet; der Begriff steht für „Model for End-stage Liver Disease“. Der Meld-Score spielt nur bei Lebertransplantationen eine Rolle; er wird aus drei Laborwerten berechnet, die man durch Blutanalysen ermittelt. Gemessen wird die Konzentration an den Stoffen Bilirubin und Kreatinin und die Blutgerinnungszeit. Der Meld-Score ermöglicht es einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient im Endstadium einer Lebererkrankung innerhalb der kommenden drei Monaten stirbt. „Im Prinzip kann man den Meld-Score jeder Person ermitteln, gleichgültig, ob sie gesund oder krank ist“, erklärt Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. „Gesunde haben meist einen geringeren Score als zehn.“ Mit einem Wert von 40 ist man schon dem Tode nahe. „Wenn jemand in der Warteliste einen Meld-Score von 38, 39 aufweist, bekommt er relativ schnell ein neues Organ“, sagt Kirste.

          Eurotransplant sucht den Empfänger aus, der das Organ besonders dringend braucht, berücksichtigt aber auch, ob ein Patient zum Spenderorgan passt. In das System werden etwa Blutgruppe, Gewicht und Laborwerte des Spenders eingespeist. Das Meld-Score-System galt bisher als transparent. „Gegen einen Betrug am System ist man nicht gefeit“, sagt Kirste. (huch.)

          Ob Chancengleichheit bei Transplantationen wirklich gegeben ist, wie dehnbar und wie leicht zu verfälschen die Kriterien für die Vergabe sind – diese Fragen stellen sich, seit der Organspendeskandal an der Göttinger Universitätsklinik sich ausgeweitet hat. Patientendaten sollen angeblich so manipuliert worden sein, dass die Betroffenen, die auf eine Leber warteten, auf einen hohen Meld-Score kamen. Diese Zahl entscheidet darüber, als wie dringlich die Stiftung Eurotransplant die Situation des Organempfängers einstuft. Eurotransplant ist verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in sieben europäischen Ländern.

          Das Meld-Score-System wurde Ende 2006 nach amerikanischem Vorbild eingerichtet; der Begriff steht für „Model for End-stage Liver Disease“. Der Meld-Score spielt nur bei Lebertransplantationen eine Rolle; er wird aus drei Laborwerten berechnet, die man durch Blutanalysen ermittelt. Gemessen wird die Konzentration an den Stoffen Bilirubin und Kreatinin und die Blutgerinnungszeit. Der Meld-Score ermöglicht es einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient im Endstadium einer Lebererkrankung innerhalb der kommenden drei Monaten stirbt. „Im Prinzip kann man den Meld-Score jeder Person ermitteln, gleichgültig, ob sie gesund oder krank ist“, erklärt Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. „Gesunde haben meist einen geringeren Score als zehn.“ Mit einem Wert von 40 ist man schon dem Tode nahe. „Wenn jemand in der Warteliste einen Meld-Score von 38, 39 aufweist, bekommt er relativ schnell ein neues Organ“, sagt Kirste.

          Eurotransplant sucht den Empfänger aus, der das Organ besonders dringend braucht, berücksichtigt aber auch, ob ein Patient zum Spenderorgan passt. In das System werden etwa Blutgruppe, Gewicht und Laborwerte des Spenders eingespeist. Das Meld-Score-System galt bisher als transparent. „Gegen einen Betrug am System ist man nicht gefeit“, sagt Kirste. (huch.)

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