Herr Professor Fleig, wie überrascht waren Sie von der Neujahrsnachricht aus Ihrem Klinikum?
Das fiel nicht am Neujahrstag über uns. Wir haben als Reaktion auf die Vorfälle in Göttingen und Regensburg Anfang August 2012 begonnen, unsere Lebertransplantations-Prozesse zu durchleuchten. Das sind seit 2007 mehr als 420 Patienten mit zum Teil über tausendseitigen Akten. Mitte Dezember stellten sich bei Stichproben der Kommission der Bundesärztekammer zu Patienten aus den Jahren 2010 und 2011, die wir selbst noch nicht geprüft hatten, Hinweise auf Falschangaben heraus. Deshalb haben wir am vergangenen Freitag drei Ärzte beurlaubt. Am Neujahrstag hatten wir von unserem Träger, dem Freistaat Sachsen, schließlich grünes Licht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.
Haben Sie mit den betreffenden Ärzten gesprochen?
Ich gehe nach wie vor davon aus, dass kein Geld von Patienten geflossen ist. Das schließt die Region hier aus, wir haben so gut wie keine Privatpatienten. Der Direktor der Klinik sagt, dass er nichts gewusst hat, und soweit ich ihn kenne, möchte ich ihm glauben. Aber die Fälle liegen nun mal in seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich. Die beiden Oberärzte sagen, ihnen sei von den Stationen, auf denen die Patienten gelegen haben, übermittelt worden, dass die Patienten dialysiert würden. Das hätten sie weitergereicht.
Wie groß war der Vorteil für Patienten mit gefälschter Akte?
Das lässt sich schwer sagen. Natürlich bekommt ein Patient mit Nierenwäsche mehr Dringlichkeitspunkte, wie viel das genau sind, hängt von seinem Zustand ab. Wer Leberkrebs hat oder andere Erkrankungen und damit ohnehin schon eine hohe Punktzahl aufweist, hat davon einen geringeren Effekt als Patienten mit niedrigerer Punktzahl, bei denen es einen sehr relevanten Vorteil bedeuten kann.
Wie groß ist die Nachfrage nach Spenderlebern?
Spenderlebern sind ein ausgesprochen knappes Gut. Was wir hier seit Jahren erleben, ist eine durch den Mangel an Spenderorganen rationierte Medizin. Und das ist einer der Gründe, warum überhaupt manipuliert wird. Es gibt Medizinethiker, die sagen, wenn es genügend Organe gäbe, hätten wir das Thema gar nicht. Aber zunächst müssen wir unabhängig davon dafür sorgen, dass absolut regelkonform transplantiert wird.
Sie gehören im Göttinger Spendenskandal zu den Prüfern. Gibt es Verbindungen zu Leipzig?
Zu den Vorgängen in Göttingen darf und möchte ich nichts sagen. Sie können aber davon ausgehen, dass das Repertoire an Manipulationsmöglichkeiten limitiert ist. Die Angabe von Dialyse ist die einfachste Manipulationsmöglichkeit, die es gibt – ein einfacher Mausklick am Computer. In Göttingen und anderswo wird ja auch über Manipulationen von Laborwerten und Blutproben gesprochen, was zusätzliche kriminelle Energie erfordert.
Warum tun Ärzte so etwas, wenn Geld nicht der Grund ist?
Das Prestige für einzelne Ärzte, Abteilungen und Kliniken kann eine Rolle spielen. Auch wenn sich das in letzter Zeit geändert hat, so waren noch vor zehn Jahren Lebertransplantationen für die gefühlte Bedeutung einer bauchchirurgischen Klinik wichtig. Regelverstöße können aber auch damit zu tun haben, dass ein Arzt seinem schwerstkranken Patienten, und das sind alle, die auf ein Spenderorgan warten, helfen will, ohne dabei zu beachten, dass er damit möglicherweise anderen schadet.
Werden Ärzte in Leipzig nach der Zahl der Operationen bezahlt?
Nein. Unsere außertariflich bezahlten, leitenden Ärzte bekommen aber einen variablen Vergütungsanteil, der Jahr für Jahr aufgrund von Zielvereinbarungen mit in der Regel fünf Zielen abgeschlossen wird. Ziele sind etwa die Leistungen in Forschung und Studentenausbildung oder ganz banale Dinge – wie rasch Entlassungsberichte verfasst, ob Qualitätsstandards eingehalten und unnötige Kosten vermieden werden. Ein Ziel ist auch die Gesamtjahresleistung der jeweiligen Klinik, die sich aus der Summe der Punktwerte für Fallpauschalen ergibt, die das Klinikum von den Krankenkassen erhält.
Mit vielen Operationen kann man diese Leistung also nach oben treiben?
Nein, die Anzahl einzelner Operationen wie Lebertransplantationen spielt keine Rolle. Es gibt bei uns keine Vereinbarung, die die Höhe der Vergütung daran bemisst. Der variable Gehaltsanteil, der sich an der genannten Jahresleistung orientiert, macht in der Regel nur zwei bis vier Prozent aus.
Ist es nicht verrückt, dass Sie sich als Mediziner darüber Gedanken machen müssen?
Das ist das System, in dem wir arbeiten. Sie erwarten ja auch von uns, dass wir so wirtschaften, dass die Krankenkassenbeiträge nicht dramatisch steigen. Am Ende ist es natürlich immer der Versuch, die Quadratur des Kreises hinzukriegen. Ich will aber betonen, dass wirtschaftliches Handeln in der Medizin und gute Behandlungsqualität kein Widerspruch sind.
Ihr Klinikum liegt nach Essen an zweiter Stelle bei der Zahl der Lebertransplantationen. Gab oder gibt es das Ziel, nach ganz oben zu rücken?
Das ist für mich noch nie ein Ziel gewesen, nein. Gleichwohl muss man sehen, dass die Qualität der Operationen erhalten bleibt, und das geht nur, wenn ausreichend häufig transplantiert wird. Auch in anderen operativen Bereichen wird heftig diskutiert, wie viele Eingriffe mindestens nötig sind, um qualitativ gut zu sein. Es gibt gerade im Bereich der Organtransplantationen aber auch eine Obergrenze, ab der der ganze Apparat überlastet sein und die Qualität wieder abnehmen kann. Schon deshalb kann es nicht sinnvoll sein, nach quantitativen Höchstleistungen zu streben.
Patientenschützer wollen die Zahl der Transplantationszentren halbieren, um Kontrollen zu verbessern. Was halten Sie davon?
Die Zahl der Transplantationszentren allein ist nicht entscheidend. Vielmehr brauchen Transplantationszentren nicht nur aus Qualitätsgründen, sondern auch wegen des ungeheuren Aufwands an Technik und Personal, eine Mindestzahl von Transplantationen. 20 Lebertransplantationen im Jahr sind da aus meiner Sicht zu wenig, um diesen immensen Aufwand zu rechtfertigen und in der Übung zu bleiben.
Wie sichern Sie sich künftig gegen Manipulation bei Transplantationen?
Es gibt schon immer einheitliche Standards, nur existierten Regelungslücken, die Raum für Missbrauch boten. Die sind bei uns durch veränderte Zuständigkeiten und präziser definierte Handlungsabläufe bereits im vergangenen Herbst beseitigt worden. Allerdings werden Sie individuelles Fehlverhalten nie ganz ausschließen können.
Was sagen Sie Menschen, die nun unsicher sind, ob sie noch Organe spenden sollen?
Das ist zwar eine psychologisch nachvollziehbare, aber extrem bedauerliche und falsche Reaktion. Wir haben es mit schweren Fehlern bei der Verteilung der Organe zu tun, nicht mit einem Organspendeskandal, wie uns die Schlagzeilen glauben machen. Ich gehe davon aus, dass heute alle Transplantationszentren regelkonform arbeiten, sodass es keinen Grund gibt, nicht zu spenden. Im Gegenteil, je mehr Spenden da sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für Manipulationen. Wenn wir weniger Organe zu verteilen haben, wird das Problem eher verschärft.
Widerspruch
Gottfried Scherer (Friedscher)
- 05.01.2013, 08:28 Uhr
... Ärzte sind auch nur Egoisten ....
Svenja Sirisee (Sirisee)
- 04.01.2013, 21:08 Uhr
Mich würde schon sehr interessieren, wieviel in Deutschland...
Reinhard Kropp (mainzelfrau)
- 04.01.2013, 20:59 Uhr
Bauernopfer oder ein paar Eisbergspitzen?
Florian Adler (Florianadler)
- 04.01.2013, 20:57 Uhr
Probleme mit der Wahrheit?
Stephan Achner (Hennestrand)
- 04.01.2013, 18:47 Uhr
