Die Jesus-Latschen. Der selbstgestrickte Pullover. Der berühmte „verschrumpelte Apfel“. Bis heute werden regelmäßig sämtliche Klischees aus der Steinzeit der Öko-Bewegung bemüht, wenn in deutschen Medien die Rede von biologisch erzeugten Lebensmitteln ist. Und noch immer stellt der eine oder andere Kollege verwundert fest, Bio-Produkte seien inzwischen „raus aus der Müsli-Ecke“. Als ob mittlerweile nicht jede größere Stadt über mindestens einen Bio-Supermarkt verfügte, dessen Sortiment jenem der Konkurrenz aus der konventionellen Lebensmittelbranche entspricht (wobei es bei „Alnatura“ oder „Basic“ üblicherweise deutlich sauberer und ordentlicher zugeht als in vielen verlottert wirkenden deutschen Supermärkten). Und dass selbst Discounter wie „Aldi“ oder „Lidl“ Bio-Ware führen, sollte sich eigentlich auch herumgesprochen haben. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, hierzulande sei „Bio“ nach wie vor eine Vokabel aus dem Spracharsenal von Kulturkämpfern - irgendwie links, irgendwie pazifistisch, irgendwie „politisch korrekt“.
Anfang der Woche etwa ließ die Tageszeitung „Die Welt“ eine journalistische Knallerbse explodieren, weil sie von einer Studie Wind bekommen hatte, in der sich Forscher der Universität Kopenhagen mit dem Gehalt von Mineralien und Spurenelementen in biologisch erzeugten Obst- und Gemüsesorten beschäftigten. Ergebnis: Es existiert kein Unterschied zu konventioneller Ware. Das ist zwar alles andere als eine Sensation, aber immer noch ausreichend genug, um in der „Welt“ unter dem Titel „Bio ist nicht besser“ einen einigermaßen hämischen Kommentar zu verfassen nach dem Motto: „Ätsch, Ihr blöden Ökos!“ Susanne Bügel, die als Professorin am „Department of Human Nutrition“ an der Untersuchung beteiligt war, sagt dagegen ausdrücklich: „Auch wenn der Gehalt an Mineralien gleich hoch war, können biologisch erzeugte Produkte dennoch gesünder sein.“ Und Ulrich Hamm, Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Uni in Kassel, ergänzt: „Wer im Bio-Markt einkauft, dem geht es doch nicht um Mineralien, sondern um die Frage der Belastung mit Pestiziden.“
Obst und Gemüse aus Bio-Anbau ist deutlich weniger belastet
Was Pestizidrückstände angeht, ist die Sache dann aber ebenfalls klar: Obst und Gemüse aus Bio-Anbau ist deutlich weniger belastet. Maria Roth etwa, die Leiterin des „Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts“ (CVUA) in Stuttgart, wo seit mittlerweile sechs Jahren Bio-Produkte untersucht werden, stellt ganz unverhohlen fest: „Man kann tatsächlich sagen, dass Bio besser ist.“ Die Pestizidbelastung bei konventionellem Obst und Gemüse ist nach den Messungen des CVUA „signifikant“ höher als bei biologisch erzeugter Ware oder, in Zahlen ausgedrückt: Konventionelles Obst und Gemüse enthält im Mittel 0,4 mg Pestizide pro Kilogramm, biologisch erzeugtes dagegen nur 0,002 mg.
„Die von verschiedenen Seiten immer wieder vertretene Auffassung, dass sich Lebensmittel aus ökologischem Landbau und aus konventioneller Produktion wegen der allgemeinen Umweltkontamination und auf Grund von Abdrift kaum unterscheiden, ist zumindest für den Bereich Pestizidrückstände in pflanzlichen Lebensmitteln nicht zutreffend“, so der offizielle Befund des CVUA, das als staatliche Einrichtung nicht im Verdacht steht, Lobbyismus für die Öko-Industrie zu betreiben. Außerdem weist Untersuchungsamtsleiterin Roth sehr deutlich darauf hin, dass konventionelle Ware trotz höherer Werte keine Gesundheitsgefahr darstellt.
Wachstumsraten von zehn bis zwanzig Prozent
Dennoch wächst die Nachfrage nach Bio-Produkten stetig, und zwar in Deutschland mit jährlichen Raten zwischen zehn und zwanzig Prozent. „Die Verbraucher verfolgen eine Strategie der Risikominimierung“, sagt Agrarökonom Hamm. Was nichts anderes bedeutet als: Trotz aller Beteuerungen hinsichtlich der Unbedenklichkeit konventionell erzeugter Lebensmittel glauben immer mehr Kunden, mit „Bio“ etwas für ihre Gesundheit zu tun. Der steigenden Nachfrage aber steht keineswegs ein ebenso wachsendes Angebot entgegen, zumindest nicht von Seiten der heimischen Landwirte. Hamm spricht von „vertanen Chancen“ der deutschen Bauernschaft, die zum Großteil immer noch auf Massenproduktion mit Hilfe der chemischen Industrie setze.
Die logische Folge: Der Bio-Sektor ist in steigendem Maße auf Importe aus anderen Ländern angewiesen, innerhalb und außerhalb der EU. Schätzungen zufolge stammt nur die Hälfte des in Deutschland verkauften Bio-Gemüses von heimischen Erzeugern, bei Obst beträgt der Anteil nicht einmal elf Prozent. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Südfrüchte und Exotika, sondern eben zunehmend auch um Bio-Kartoffeln aus Ägypten, um Bio-Gurken aus Polen, Bio-Karotten aus Spanien oder Kenia ebenso wie um Bio-Pilze aus Mazedonien oder aus China. Und da wird manch sensibler Öko-Esser dann doch skeptisch, ob es wohl überall mit rechten Dingen zugeht.
„Wir finden selten was“
„Die Frage der Gewährleistung der entsprechenden Bio-Qualität bewegt die gesamte Branche“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des „Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft“. Er rät den Händlern in Deutschland deswegen, sich um langfristige, vertrauensvolle Beziehungen zu ausländischen Produzenten zu bemühen, „anstatt die Ware einfach auf einem Spotmarkt zu kaufen“. Das kann gewiss nie schaden, allerdings scheint es mit Bio-Ware aus fernen Ländern grundsätzlich weniger Schwierigkeiten zu geben als von manchen befürchtet. Maria Roth vom Untersuchungsamt in Stuttgart sagt: „Wir finden selten was - und wenn, steckt längst nicht immer Betrug dahinter.“ So könne es zum Beispiel passieren, dass Bio-Kartoffeln auf dem gleichen Fließband sortiert würden wie zuvor gewöhnliche Kartoffeln; entsprechende Pestizidanhaftungen sorgten dann für erhöhte Messwerte. Keine schöne Vorstellung - allerdings, fügt Maria Roth hinzu, seien ihrer Erfahrung nach auch ausländische Bio-Erzeuger sehr stark darum bemüht, Fehlerquellen so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen.
Gleichwohl gilt: Die Verbraucher können dem Bio-Siegel am ehesten vertrauen, wenn das Obst und Gemüse aus Deutschland stammt. Ende Juli präsentierte der baden-württembergische Ernährungsminister Peter Hauk die Bilanz eines bundesweiten Öko-Monitorings, bei dem knapp 2000 pflanzliche Lebensmittel aus aller Welt unter die Lupe genommen wurden. Ergebnis: Während nur 2,2 Prozent der deutschen Öko-Ware Rückstände von Pflanzenschutzmitteln aufwiesen, lag die Beanstandungsquote für Bio-Obst und -Gemüse aus Israel bei 3,3 Prozent, aus Spanien bei 4,3 Prozent, aus den Niederlanden bei 7,9 Prozent und im Fall italienischer Bio-Erzeugnisse sogar bei 12,7 Prozent. Besonders oft fündig wurden die Lebensmittelkontrolleure bei Karotten, Tomaten und Paprika italienischer Herkunft sowie bei niederländischen Zuchtpilzen. „Hier wird offensichtlich konventionelle Ware vermehrt als Öko-Ware vertrieben“, heißt es in der Bilanz des Öko-Monitorings.
Ist Bioware aus der Dritten Welt weniger gut?
Die womöglich naheliegende Vermutung, Erzeugerländer aus der Dritten Welt seien im Hinblick auf Qualitätssicherung von Bio-Produkten besonders lax, wäre damit schon mal widerlegt. Was auch daran liegen dürfte, dass Großimporteure für Bio-Obst wie etwa die Firma „Bio-Tropic“ aus Duisburg eigene Niederlassungen in den Herkunftsgebieten unterhalten, darunter in Argentinien und der Dominikanischen Republik. Die Repräsentanten kümmern sich dort nicht nur um Geschäftliches, sondern kontrollieren auch die Produktion und stehen den Bauern bei Bedarf beratend zur Seite. Ohnehin muss jeder Erzeuger, der sein Obst oder Gemüse mit dem Bio-Siegel der EG-Öko-Verordnung versehen will, mit einer akkreditierten Kontrollstelle zusammenarbeiten, die den gesamten Herstellungsprozess einschließlich der Vertriebswege entsprechend überprüft und bei Einhaltung der Richtlinien auch zertifiziert.
Eine große Kontrollstelle wie die Nürnberger „BCS Öko-Garantie“ unterhält zu diesem Zweck allein in Süd- und Mittelamerika zwölf Niederlassungen. In Deutschland wird die Ware dann nicht nur von staatlichen Untersuchungsämtern wie dem CVUA stichprobenweise kontrolliert, sondern auch vom „Bundesverband Naturkost Naturwaren“, in dem sechzig Handelsunternehmen und Verarbeitungsbetriebe aus der Bio-Branche vertreten sind. „Eine derart große Maschinerie an laufenden Untersuchungen und Stichproben existiert in keinem anderen Bereich der Agrarwirtschaft“, sagt Manon Haccius, Leiterin des Qualitätsmanagements beim Biokost-Filialisten „Alnatura“.
Bio mag zwar tatsächlich in mancher Hinsicht „besser“ sein - ein ökologischer Segen sind Mangos aus Peru, Äpfel aus Neuseeland oder Papayas aus Brasilien aber noch lange nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie per Flugzeug zu den gesundheitsbewussten Verbrauchern nach Europa verfrachtet werden. In Großbritannien wird sogar schon darüber nachgedacht, biologisch erzeugter Flugware wegen der verheerenden CO2-Bilanz das Bio-Siegel grundsätzlich zu verweigern.
