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Nichtraucher Lustverschmutzung

11.08.2006 ·  Rauchen galt stets als Zeichen von Emanzipation, Aufbruch und Freiheit. Aus und vorbei. Raucher sind jetzt die neuen Feinde der Menschheit. Doch das kann sich wieder ändern. Die Diskussion ums Rauchen hat eine lange Tradition.

Von Timo Frasch
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Schade, daß es kaum mehr Wehrpflichtige gibt. Erst bei der Armee lernt man, richtig zu rauchen, vor allem: die Glut gegen die gekrümmte Handfläche zu richten, um dem Feind aus der Nacht unsichtbar zu bleiben. Diese Fertigkeit ist zur Zeit wieder gefragt. Raucher sind zum hostis generis humani erklärt worden, zum Feind der Menschheit, der sich besser verbergen sollte, diesmal vor den Gesetzeshütern. In Italien, dessen Nationaltrainer Marcello Lippi nach dem WM-Sieg verschämt an seinem Zigarillo nuckelte, müssen Raucher in isolierte Räume, wenn sie in Cafés ihrer Leidenschaft nachgehen wollen; in Irland, wo frei nach Heinrich Böll einst sympathische Menschen lebten, die lieber rauchten, als Eroberungszüge zu unternehmen, dürfen sie nicht einmal mehr in der Kneipe bleiben.

Auch in Deutschland scheint nach der parlamentarischen Sommerpause, in der sich Franz Müntefering den einen oder anderen Zigarillo schmecken läßt, ein verschärftes Rauchverbot ins Haus zu stehen. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer, der sich als Gesundheitsminister noch gegen ein Rauchverbot ausgesprochen hatte, will vom nächsten Jahr an zumindest das Rauchen in öffentlichen Gebäuden verbieten lassen. Selbst dann ginge es in Deutschland aber noch vergleichsweise liberal zu - sagt zumindest der Sprecher des Unternehmens British American Tobacco, das so legendäre Marken wie Lucky Strike, Pall Mall oder Schwarzer Krauser vertreibt.

Treppenwitz der Geschichte

Liberaler jedenfalls als in den Vereinigten Staaten, meint er. Dort kam es schon vor, daß in strittigen Fällen Leuten das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wurde, weil sie rauchten. In Kalifornien ist mittlerweile selbst der gut belüftete Strand rauchfreie Zone, in New York das bloße Aufstellen von Aschenbechern bußgeldpflichtig. Und in den Todeszellen der Gefängnisse von Texas wird den Sträflingen vor ihrer Hinrichtung die letzte Zigarette verwehrt. Der edle Pirat Walter Raleigh hatte sich das vor knapp 400 Jahren in England nicht bieten lassen: Als er enthauptet wurde, fiel sein Kopf mitsamt der Tabakpfeife in den Sand.

Nichtraucher: Lustverschmutzung

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß der Tabak aus Amerika stammt und erst von Kolumbus in Europa bekanntgemacht wurde. Kolumbus' damaliger Reisegefährte, Rodrigo de Jerez, der die Vorzüge des Rauchens schnell zu schätzen gelernt hatte, wurde nach der Heimkehr nicht gefeiert, sondern in den Kerker geworfen. Das "Teufelszeug", das aus seinen Körperöffnungen strömte, war der Heiligen Inquisition suspekt.

Rauchen als Zeichen von Emanzipation

So begannen die Feindseligkeiten. 1603/04 verfaßte der englische König Jakob I., der Walter Raleigh hinrichten ließ, die Hetzschrift "Misocapnus sive De abusu tobacci lusus regius". Auch dieses Standardwerk konnte freilich nicht verhindern, daß im Dreißigjährigen Krieg die neue Wunderwaffe, die bis heute die Moral jeder Truppe stärkt, über ganz Europa verbreitet wurde. Hundert Jahre später gebrauchten die mündigen Herren in den Salons die Zigarette als intellektuelle Waffe: In den hitzigen Debatten verschaffte sie ihnen die entscheidenden Sekunden, um den richtigen Konter zu setzen. Die Restauration gebot auch dem Einhalt: Ihr galt das Rauchen als Zeichen von Aufmüpfigkeit und als hinreichender Grund für eine Arrestierung. In einem Berlin-Reiseführer von 1846, wenige Jahre vor der Revolution, heißt es lapidar: "In der Stadt darf nicht geraucht werden."

Daß in autoritären Zeiten Rauchen oft verpönt war, hat nicht nur mit der persönlichen Abneigung von Despoten wie Napoléon, Ludwig XIV. oder Hitler zu tun, der als erfolgloser Maler noch fast 40 Zigaretten am Tag geraucht hatte und später Baldur von Schirach anvertraute, daß Deutschland wohl nicht wiedergeboren worden wäre, hätte er damals seine Zigaretten nicht in die Donau geworfen. Vielmehr galt Rauchen stets als Zeichen von Emanzipation, Aufbruch und Freiheit. Kein Wunder also, daß in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der großen Zeit des Rauchens, der Muff von tausend Jahren durch den Rauch Tausender Zigaretten ersetzt wurde.

Tabakunternehmen sind vorsichtig

Die aufkommende Filmindustrie beförderte damals die Vorstellung, daß man ohne Zigarette niemals ein Humphrey Bogart werden könnte - was ja auch stimmte. Die Tabakindustrie frohlockte und tat ein übriges durch massive Marketingkampagnen und gezielte Lobbyarbeit. Eine jüngst veröffentlichte Studie hat dargelegt, wie stark die Wissenschaft, die sich mit den Risiken des Rauchens beschäftigte, personell und finanziell mit der Tabakindustrie verzahnt war.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. In Amerika ist die Gesundheitslobby, genährt durch wiedererstarkenden Puritanismus, finanziell bestens ausgestattet. Die Internetseiten der Tabakkonzerne sehen aus, als hätten RJReynolds und Co. die Branche gewechselt. "Es kann sehr schwer sein, mit dem Rauchen aufzuhören. Als Raucher sollte Sie dies jedoch nicht davon abhalten, es dennoch zu versuchen", heißt es etwa bei Philip Morris. Auch andere Tabakunternehmen sind vorsichtig. Zu eindeutig sind heute die Erkenntnisse der Mediziner, deren Berufsstand einst den Tabak als Wundermittel empfohlen hatte gegen Pest, Bronchitis und Hautkrankheiten. Rauchen verengt die Gefäße, Rauchen befördert Herz-Kreislauf-Krankheiten, Rauchen macht impotent.

Jährlich 3300 Tote durch Passivrauchen

Na und? Richard Klein schreibt in seinem Buch "Schöner blauer Dunst", daß man raucht, weil - und nicht: obwohl - Rauchen ungesund ist. Einer Gesellschaft, in der Achtzigjährige den Mount Everest besteigen und Sechzigjährige Kinder bekommen, kann so etwas nur abartig vorkommen. Um ihrem Abscheu Nachdruck zu verleihen, bedienen sich die Tabakgegner neuerdings vermehrt des kategorischen Imperativs Immanuel Kants, der übrigens gerade jene Form der ästhetischen Befriedigung - und was wäre das Rauchen anderes - "erhaben" nannte, die uns eine Ahnung von Sterblichkeit vermittelt. Die Freiheit des Rauchers höre da auf, sagen sie, wo die Freiheit des Nichtrauchers beginnt.

Auch die Forschung wissen die Gegner des Rauchens auf ihrer Seite: Erst kürzlich hat eine Studie des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster abermals die Gefahren des Passivrauchens nachgewiesen. Danach sterben jedes Jahr 3300 Menschen an den Folgen des Rauchs der anderen - nach konservativer Schätzung. Man könnte dagegen einwenden, daß dem Straßenverkehr mehr Menschen zum Opfer fallen und trotzdem Auto gefahren wird; daß jeder einen Kneipenwirt kennt, der sich bester Gesundheit erfreut; und daß es eine Gesundheitsindustrie gibt, die ihre handfesten Interessen vertritt - von den mächtigen Moralisten ganz zu schweigen. Aber es bringt nichts mehr. Im Prinzip haben die Gegner des Rauchens recht. Das macht sie so unsympathisch. Und die Raucher so hilflos.

Leben im Orwellschen Staat

"Es geht schon los wie bei den Nazis", sagt Alexander Schoppmann, der eine Luxusfluglinie plant, in deren Flugzeugen jedem freistehen soll zu rauchen. "Es geht darum, uns mit der Verbreitung von Lügen immer mehr Freiheiten zu nehmen. Früher hat sich das auf die Rasse konzentriert, heute geht es um die Eigenschaften der Menschen. Der Nährboden ist derselbe. Wir leben schon im Orwellschen Staat und merken es nicht." Daß es sich auch ohne Zuhilfenahme von Totschlagargumenten lohnen könnte, der Zigarette tränenden Auges nachzuschauen, gerät so aus dem Blickfeld.

"Wenn Millionen von Menschen unzählige Züge aus Milliarden von Zigaretten getan haben", schreibt Richard Klein, "dann muß das Rauchen irgendeinen - wenn auch vielleicht nur vermeintlichen - Wert haben." Tatsächlich hat Rauchen zu viel zu bieten, als daß die Behauptung des Nichtraucherpapstes Allen Karr stimmen könnte, man gebe "absolut nichts" auf, wenn man sich endgültig von der Zigarette verabschiedet. Im Gegenteil: Das Rauchen ist, wie Imre von der Heydt in seinem faktenreichen Buch "Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft" schreibt, "himmlisches Ritual", "Stütze des Alltags" und Verkörperung eines "Ur-Moments des Lebens: Lust und Begehren".

„Das ist keine Pfeife“

Es mag ein Zufall sein, daß der Tabak nach Europa kam, als der Mensch zu Beginn der Neuzeit sein transzendentales Obdach verlor. Die Zigarette jedenfalls blieb. Bis heute hat sie zahllose Menschen, die von keinem Statistiker erfaßt wurden, in existentiellen Situationen begleitet. Sie hat aus Jungen Männer gemacht und aus Fremden Freunde, die sich für mindestens fünf Minuten in demselben Bedürfnis verbunden wußten. Taktlosen ist die Zigarette das Metronom des Alltags, Taktvollen auch. Wer raucht, mag sich den Geruchs- und den Geschmackssinn ruinieren, er wird aber sinnlich doch ganz erfaßt. Rauchen kann jeder, was sich nicht von jedem Vergnügen sagen läßt. Manche können es sogar besonders gut, Harvey Keitel in "Smoke" zum Beispiel oder Sharon Stone in "Basic Instinct". Sie spielt eine geheimnisvolle Romanautorin, die beim Zug an der Zigarette nichts von ihrem Geheimnis verliert - und sich zugleich als eine Frau unkontrollierbarer Gelüste offenbart. Das regt die Phantasie an.

Davon hätten viele phantasievolle Raucher erzählen können: Samuel Beckett, Jean Cocteau, Paul Valéry, die Marlboro-Cowboys, Thomas Mann, Helmut Schmidt, Jackson Pollock, Ernst Happel; Rudi Carrell, der so gerne lebte, wie er rauchte; Ernst Jünger, der auf Jahrzehnte mit dem Rauchen aufgehört hatte und mit 99 wieder anfing; schließlich René Magritte, an dem sich alle Raucher im Kampf gegen die Nichtraucher ein Beispiel nehmen sollten: "Das ist keine Pfeife", hatte er unter ein Bild geschrieben, auf dem offensichtlich eine Pfeife zu sehen war. Wer kann schon sagen, ob sie alle ohne Tabak geworden wären, was sie waren. Und wer weiß, ob die vielen phantasielosen Nichtraucher mit Tabak wären, was sie sind?

In Buchhandlungen bekommt man diese Frage nicht beantwortet. Die Literatur zum Thema Rauchen steht dort in der Abteilung "Lebenshilfe". Das kann man so und so verstehen. Heute versteht man es so.

Quelle: F.A.Z., 11.08.2006, Nr. 185 / Seite 7
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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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