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Neuer Erreger Ein Virus, das reiche Männer befällt

Mindestens 18 Personen sind bisher am Coronavirus gestorben, einer Krankheit, die bei engem Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Bisher wurde es nur bei wohlhabenden Männern entdeckt.

© AFP Vergrößern Unterm Elektronenmikroskop: Das Coronavirus

Gleich drei neue Fälle einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus, einem Verwandten des Sars-Erregers, sind in den vergangenen Tagen bekanntgeworden und haben auf der ganzen Welt Aufsehen erregt. In Frankreich gab das Gesundheitsministerium einen Fall bekannt, der nach einem „engen und längeren“ Kontakt mit einem Infizierten aufgetreten sei. Das saudi-arabische Gesundheitsministerium berichtete von zwei weiteren Todesfällen.

Christina Hucklenbroich Folgen:    

Auf der ganzen Welt sind mindestens 18 Personen an der Krankheit gestorben, die im vergangenen Sommer auf der Arabischen Halbinsel zum ersten Mal auftrat. Auch wegen des Falls aus Frankreich wird nun vermehrt darauf hingewiesen, dass das neue Virus Mers-CoV (Middle East Respiratory Syndrome Corona Virus) bei engem Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, was auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigte.

„Das ist absolut nichts Neues“, sagt der Virologe Christian Drosten vom Institut für Virologie der Universität Bonn zu den Berichten. „Neu ist, dass die Fälle nun größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erreichen.“ Drosten hat einen Nachweistest für das neue Virus entwickelt, der inzwischen überall auf der Welt Verwendung findet. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen habe es schon zuvor gegeben, sagt der Virologe.

Wohlhabende Männer mit Vorerkrankung

In England ließen sich bereits im Januar zwei Fälle klar auf Kontakt zwischen Menschen zurückführen. Die beiden Patienten waren durch den engen Kontakt mit einem Verwandten krank geworden, der sich bei einer Reise nach Saudi-Arabien und Pakistan infiziert hatte. Bei Fällen zuvor war unklar gewesen, ob es nicht eine andere Quelle gab, Tiere zum Beispiel. Auch in Deutschland sind bislang zwei Fälle aufgetreten, in Essen und München. Es handelte sich um Männer mit ernsten Grunderkrankungen aus Qatar und Abu Dhabi, die ein schweres Atemwegssyndrom zeigten.

Sie waren typisch für die Gruppe, bei der das Virus bislang diagnostiziert wurde: Menschen aus der Golfregion mit Grunderkrankungen, die aber noch weitere Eigenschaften teilen. Virologe Drosten kommentiert: „Man fragt sich schon: Warum sind das alles Männer? Warum sind sie alle übermäßig reich, so dass sie das Land verlassen können, um Spezialbehandlungen zu erhalten? Da stimmt doch etwas nicht. Das ist eine total verschobene Epidemiologie.“

Für Drosten steht deshalb fest, dass die bis heute entdeckten Infizierten nicht die einzigen sein können: „Es muss noch viel mehr Fälle geben, die deutlich harmloser verlaufen.“ Dass wohlhabende Männer mit Vorerkrankung auffallen, habe damit zu tun, dass es in dieser Gruppe in den Golfstaaten üblich sei, sich bei einem schweren Krankheitsverlauf ausfliegen zu lassen, um andere Gesundheitssysteme zu nutzen. Man habe es deshalb zurzeit mit einer „gefärbten Form der Mitteilung“ zu tun, sagt Drosten.

Kenntnisse sind lückenhaft

Das ist auch ein Vorwurf an den Umgang mit der Krankheit in den Golfstaaten. Bis heute finden dort offenbar keine Untersuchungen der Bevölkerung auf das Virus statt, die jedoch dringend notwendig wären. Ohne sie kann man nur spekulieren, dass das Virus bei den meisten Infizierten kaum Schaden anrichtet.

Immerhin weiß man, dass von den sechs bisher bekannten humanen Coronaviren vier nur eine harmlose Erkältung auslösen. Doch die Kenntnisse westlicher Wissenschaftler über Mers-CoV sind lückenhaft - weil die Länder, in denen der Erreger zum ersten Mal auftrat, keine Proben außer Landes schickten und somit verhinderten, dass das Genom des Virus aus Material verschiedener Patienten sequenziert und dadurch mehr über seinen Stammbaum bekannt wird, sagt Drosten.

„Wir haben schon mehrfach Material nach Saudi-Arabien geschickt“, sagt der Virologe. „Die dort verwendeten Tests kommen aus meinem Labor. Ich bekomme zwar Detailfragen zu dem Verfahren von dort, aber keine Proben, auch auf Nachfrage nicht. Das geht allen Labors in Europa so.“ Aus dem bislang erhältlichen Material der in Europa behandelten Patienten konnten die Forscher den Stammbaum des Virus nur teilweise erschließen.

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In Ansätzen wird durch diese Analyse deutlich, woher der Erreger stammt und wie er sich verbreitet. Eine Hälfte des Stammbaums deute auf eine Herkunft aus den Emiraten und Ost-Saudi-Arabien hin, die andere auf West-Saudi-Arabien und Jordanien, sagt Drosten. „Hätte man alle Proben gehabt, wäre es schon vor einem halben Jahr möglich gewesen zu erahnen, dass das Virus zwischen Menschen zirkuliert.“

Zufriedengeben können sich die europäischen Wissenschaftler mit dem beschränkten Zugang zu Informationen nicht, selbst wenn die Möglichkeit besteht, dass das neue Virus harmloser ist als angenommen. Zu tief sitzt die Erinnerung an den Sars-Erreger, ebenfalls ein Coronavirus, der im Jahr 2003 in China auftrat und an dem 775 Menschen starben.

„Seit dem vergangenen Herbst predigen die Experten, dass wir hier vielleicht in einer frühen Phase über den neuen Erreger gestolpert sind“, sagt Drosten. „Das Fenster, das bei Sars verpasst wurde, ist jetzt noch offen. Aber wertvolle Zeit verstreicht.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 13.05.2013, 21:31 Uhr

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