30.01.2008 · Deutschland wächst unaufhörlich - in die Breite. Nach der neuen Nationalen Verzehrsstudie sind 66 Prozent aller Männer und 51 Prozent der Frauen übergewichtig. Die Studie liefert einige weitere interessante statistische Erkenntnisse.
Von Konrad Mrusek, BerlinDie Deutschen haben es längst geahnt, doch nun haben sie es schwarz auf weiß: Sie werden immer dicker. 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen haben inzwischen Übergewicht. Jeder fünfte ist sogar fettleibig (adipös), und damit besteht ein größeres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes. Und noch eine andere Vermutung hat sich wissenschaftlich bestätigt: Die Alten sind besonders häufig dick; etwa ein Drittel der Frauen und Männer ist fettleibig.
Auch in sozialer Hinsicht gibt es Auffälligkeiten. Unter Bürgern mit höherem Schulabschluss und mit besserem Einkommen ist Übergewicht seltener verbreitet als im unteren Teil der sozialen Pyramide. Beim Familienstand gibt es ebenfalls statistische Erkenntnisse, die kaum zufällig sein dürften: Verwitwete sind im Durchschnitt dicker als Verheiratete. Am „schlanksten“ sind die Ledigen.
Diese Ergebnisse brachte die erste gesamtdeutsche Untersuchung über Lebensstil und Ernährungsverhalten, die am Mittwoch in Berlin von Verbraucherminister Seehofer (CSU) vorgestellt wurde. Fast 20.000 Personen zwischen 14 und 80 Jahren wurden befragt, wie sie einkaufen, worauf sie bei der Wahl der Lebensmittel achten und ob sie auch noch kochen können. Außerdem wurden die Menschen nach Gewicht und Größe vermessen.
Zu viel, zu fett und zu eiweißreich
Vor zwanzig Jahren gab es schon einmal eine solche „Nationale Verzehrsstudie“, doch damals war sie selbstverständlich beschränkt auf die alten Bundesländer. Schon damals aßen die Deutschen zu viel, zu fett und zu eiweißreich, doch sie waren seinerzeit noch schlanker: Nur 39 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen waren übergewichtig.
Seehofer sagte, man habe im Bundeskabinett über die Studie gesprochen und sei sich einig darin, dass man ein Präventionsgesetz brauche und auch die Kennzeichnung von Lebensmitteln verbessern müsse. „Die politische Antwort wird aber nicht eine Olympiade der Verbote sein“, versicherte Seehofer, der freimütig zugab, dass auch er das Idealgewicht nur in Sichtweite habe. Beim Essen und Trinken sei es anders als beim Rauchen. „Wir werden nicht als Oberlehrer agieren, sondern aufklären und informieren.“
Bei den freiwilligen Nährwert-Informationen will er auf der Packung künftig auch eine Angabe darüber, wie viel einer Tagesration im Produkt steckt. Seehofer lehnte aber wiederum ein Ampelsystem nach britischem Vorbild ab, bei dem Produkte mit einem roten Kennzeichen markiert werden, die etwa zu viel Zucker enthalten. „Wir brauchen bei der Information einen vernünftigen Mittelweg zwischen einem allzu einfachen Ampelsystem und einem zu komplizierten Beipackzettel.“
Es gibt auch gute Nachrichten
Bei der regionalen Verteilung der Übergewichtigen zeigt sich, dass bei den Männern die meisten Dicken in Schleswig-Holstein anzutreffen sind. Auf den nächsten Plätzen folgen die Hessen und die Baden-Württemberger. Bei den Frauen sind die regionalen Unterschiede ausgeprägter, und es gibt eine andere Rangfolge: Die meisten weiblichen Pfunde findet man im Saarland, in Sachsen und in Thüringen. Die beiden Hansestädte Hamburg und Bremen könnten den Deutschen in dieser Wertung ein Vorbild sein: Sie haben bei Frauen und bei Männern die wenigsten Dicken.
Bei den Fragen zur Ernährung zeigt die Umfrage, dass mehr als 90 Prozent der Deutschen ihren Energiebedarf falsch einschätzen. Die Bürger achten zwar auf die (bislang meist freiwilligen) Nährwert-Angaben auf der Packung, doch zu ebenfalls 50 Prozent beziehen sie ihre Informationen aus den Medien. In der gesundheitlichen Risiko-Einschätzung liegt die Ernährung weit hinten: Man achtet eher auf Pestizide oder auf andere Rückstände als darauf, ob man womöglich zu viel oder zu fett isst. Es gibt in der Studie indes auch gute Nachrichten. Die mittleren Altersgruppen haben in den vergangenen zwanzig Jahren beim Gewicht tendenziell abgenommen. Bei den Frauen zwíschen 20 und 40 sind weniger als ein Drittel übergewichtig; bei den Mänern gilt dies jedoch nur für die Altersgruppe bis 30 Jahre.
„Alles, was auf dem Acker wächst, ist gesund“
„Da hat sich das Gesundheitsbewusstsein offenbar verbessert“, sagte Professor Gerhard Rechkemmer, der Präsident des Max-Rubner-Insituts, das die Studie anfertigte. Entwarnung gab er auch bei den Jugendlichen; da seien 75 Prozent „im normalen Bereich“. An den Richtlinien für eine gute Ernährung hat sich nach Ansicht des Professors trotz der vielen, vermeintlich neuen Erkenntnisse nichts Fundamentales geändert. Man ernähre sich ausgewogen, wenn man für einen hohen Anteil an Kohlehydraten sorge und reichlich Obst und Gemüse esse. Seehofer nannte auf Befragen eine noch einfachere Maxime: „Alles, was auf dem Acker wächst, ist gesund“.
Zwölf Prozent der Deutschen halten eine Diät ein, doch die meisten tun es wegen einer Erkrankung. Nur fünf Prozent sagten, sie wollten damit abnehmen. Bei jungen Frauen zwischen 14 und 34 Jahren sind es acht Prozent, die wegen des Gewichts Diät halten, und damit doppelt so viele bei den jungen Männern.
Zum Repertoire gehört mehr als nur die Tiefkühlpizza
Der kulturkritische Verdacht, dass in Deutschland die schönsten und teuersten Küchen stehen, aber kaum noch gekocht wird, findet in der Studie keine Bestätigung. Zwei Drittel der Frauen und ein Drittel der Männer schätzen ihre Fertigkeiten im Kochen mit sehr gut bis gut ein. Bei den Frauen steigt diese Kochfähigkeit mit zunehmendem Alter, bei Männern gibt es dagegen eine jüngere Spitzengruppe - es sind die Männer zwischen 35 bis 50. In dieser Männer-Kohorte attestieren sich die meisten das Prädikat sehr gut bis gut.
Selbst beim männlichen Nachwuchs sieht es mit dem Kochen gar nicht so schlecht aus, beherrscht man offenbar weiterhin mehr als das virtuose Hantieren mit der Tiefkühlpizza: Bei den Männern zwischen 19 und 24 Jahren schätzt sich immerhin ein Viertel als guter Koch ein.
SPD Süppchen
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