Zum Beispiel Paul Smith, Dienstag, 10.30 Uhr, Royal Horticultural Halls im Londoner Stadtteil Westminster. Auf den ersten Blick macht es der britische Designer mit seiner Mode für Frühjahr und Sommer potentiellen Magersuchts-Wächtern nicht ganz leicht: Er hüllt seine Models in ziemlich weite Entwürfe. Der Stoff verbirgt aber nicht die typischen Totenkopf-Gesichtchen mit den kleinen Höhlen zwischen Kinn, Ohr und Wangenknochen - Gesichter, die wie dazu gemacht sind, am Ende des Laufstegs fragend-aufmüpfig in die Objektive der Fotografen zu schauen. Bermudas schlackern auf schmalen Hüften, die auf dem Catwalk professionell nach vorn geschoben werden. Weite weiße Blusen geben den Blick auf knochige Schlüsselbeine frei. Auch Jacketts mit Goldknöpfen können nicht kaschieren, daß diese Mädchenleiber unnatürlich dünn sind. Unter den fließenden Kleidchen zeichnen sich winzige Brüste ab.
In Madrid ist es offenbar einfacher, den grassierenden Schlankheitswahn auf den Laufstegen einzudämmen. Die in dieser Woche laufenden Madrider Schauen „Pasarela Cibeles“ halten - als erster renommierter Schauenort - magersüchtige Models von den Laufstegen fern. 68 Models wurden gemessen und gewogen. Fünf wurden für zu leicht befunden. Die Defilees mit der Mode für Frühjahr und Sommer haben ohne sie begonnen. Einige Models hatten sich erst gar nicht für die „Pasarela Cibeles“ beworben, weil sie, wie eine es ausdrückte, „nicht wie Jockeys vor einem Pferderennen“ behandelt werden wollten. Solche Reaktionen zeigen das Unbehagen in der Mode- und Modelbranche an der neuen Regel. Einige der Models, die Madrid nun meiden müssen, sind gleich nach London weitergereist.
„Wandelnde Skelette erfüllen Aufgabe nicht“
Sonst hält sich die Kritik an der neuen Norm in Grenzen. Die Direktorin der Pasarela, Cuca Solana, weist darauf hin, daß Model von Modell komme und damit auch Vorbild bedeute: „Wandelnde Skelette erfüllen diese Aufgabe nicht.“ Die Ministerpräsidentin der Autonomen Region Madrid, Esperanza Aguirre, die zusammen mit Bürgermeister Alberto Ruiz Gallardon ein Mindestgewicht für Models auf der mit öffentlichen Mitteln subventionierten Veranstaltung durchgesetzt hatte, äußert die Hoffnung, daß die Designerschauen in Mailand oder Paris bald ähnliche Vorgaben machen. Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, die einen Body-Mass-Index von 18 als Untergrenze nennt, müßte zum Beispiel ein 1,70 Meter großes Model mindestens 50 Kilogramm wiegen. Im vergangenen Jahr hatte es in Madrid Proteste nach Auftritten einiger unterernährt wirkender Frauen gegeben. Dieses Mal zollt die Vereinigungen zum Kampf gegen Anorexie und Bulimie den Lokalpolitikern Beifall für die zusammen mit den Modeschöpfern und Model-Agenturen ausgehandelten Regeln. Eine Sprecherin weist darauf hin, daß sechs Prozent der jungen Spanier zwischen zwölf und 21 Jahren, davon neunzig Prozent Mädchen, Eßstörungen hätten. Nur die Umweltschützer hatten an den zum ersten Mal im Retiro-Park abgehaltenen Schauen etwas auszusetzen: Beim Aufbau des Laufstegs waren 44 Bäume beschädigt worden.
Magermodels: Keiner will Skelette sehen
In Italien, wo am Wochenende die Designerschauen beginnen, kommt die Warnung vor zu mageren Models zur rechten Zeit. Am Dienstag abend begannen im Kurbad Salsomaggiore die italienischen Miss-Wahlen. Bis zum Ende der Woche zelebriert man Abend für Abend die Musterung der neuen Schönsten, und die Fernsehzuschauer haben ein gewichtiges Wort mitzureden. Für Mode, Werbung, Konferenz- und Messeveranstaltungen werden dauernd neue Gesichter gesucht. Die Bürgermeisterin von Mailand, Letizia Moratti, in der letzten Regierung Berlusconi Unterrichtsministerin, verlangt Regelungen ähnlich wie in Madrid. Zu viele Models seien mager, geradezu krank. Darüber dürfe man nicht leichtfertig hinweggehen. Es sei ein echtes Problem für viele Mädchen, die so aussehen wollen wie die Models. Der Präsident der Mailänder Modekammer, Mario Boselli, sieht das jedoch gelassener. In Jahrzehnten habe er nur zwei krankhaft magere Models gesehen.
Freiheit bei der Auswahl der Models
Ähnlich die Reflexe der Mode-Fachleute in Paris. Die Federation Francaise de la Couture, du Pret-a-Porter des Couturiers et des Createurs de Mode äußert sich nicht offiziell, hält nichts von Verordnungen. Jeder Modemacher müsse selbst auswählen können. Bei den weit mehr als 100 Defilees und zahlreichen weiteren Showroom-Präsentationen wäre es auch weit schwieriger, Kontrolleure einzusetzen als bei den 27 Einzelschauen in Madrid. Die Modeschöpfer brauchten die Freiheit bei der Auswahl der Models, so die Meinung. Schließlich setzt Jean Paul Gaultier auch mal alte oder Alexander McQueen auch mal behinderte Models ein - und das wolle man ja auch nicht unterbinden.
Die Zentren der Mode lassen sich also kaum beeindrucken. Im Gegenteil: Wie durch Zufall sind die Pariser Marken mit den meisten dünnen Models gleichzeitig auch modisch führend - bei den Damen Balenciaga, bei den Herren Dior Homme. Der Berliner Markus Ebner, der schon vielfach als Casting Director gearbeitet hat, sagt: „Die extremsten Silhouetten sind wegweisend.“ Daher habe Dior-Designer Hedi Slimane, der in den vergangenen Jahren den Trend zu extrem engen Schnitten vorgegeben hat, bei den Herrenschauen im Juli 14 und 15 Jahre alte Schüler auf den Laufsteg gestellt. Andere Designer folgen den Trendgebern offenbar nicht nur in modischen Fragen. Auf den New Yorker Schauen, von denen Ebner gerade zurückgekehrt ist, sind ihm viele Mädchen aufgefallen, „die nur aus Haut und Knochen bestanden“.
Über Models definieren Designer auch ihre Schauen. Große Marken wie Prada oder Jil Sander nähmen immer wieder auch sehr junge Models für die Laufstege, um unbekannte Gesichter zu zeigen und als deren Entdecker zu gelten, sagt Yannis Nikolaou, Gründer und Chef der Hamburger Agentur „Place Models“. Er widerspricht aber der Annahme, die Models würden insgesamt immer dünner und jünger. „Sie sind eben nur schöner, fitter, dünner als normale Mädchen. Keiner will Skelette!“ Magersüchtige Models kämen nicht weiter. Auch in seiner Agentur habe es zwei Fälle von krankhaft dünnen Mädchen gegeben. „Wir haben sie zur Rede gestellt und ihnen gesagt: Wenn ihr nicht zunehmt, seid ihr weg.“ Das habe geholfen. Vom Body-Mass-Index als Beurteilungsinstrument hält er wenig: „Man kann das nicht nach Gewicht entscheiden. Man muß auch Körperbau, Konstitution, Fitness berücksichtigen.“
Nicht in Ästhetik eingreifen
Die Organisatoren der London Fashion Week, die noch bis zum Wochenende läuft, wollen aus ebendiesen Gründen nicht in die Ästhetik der einzelnen Schauen eingreifen. „Welches Bild vom Körper, ob dick oder dünn, als wünschenswert angesehen wird, ist eine gesellschaftliche Frage und muß in einem größeren Kontext betrachtet werden als allein mit Blick auf die Mode“, sagt Stuart Rose, der Vorsitzende des „British Fashion Council“. Eine Debatte über Mager- wie Fettsucht sei wichtig, und der Council werde gern an ihr teilnehmen. Aber: „Eine übers Knie gebrochene Reaktion auf dieses Thema mit alleinigem Fokus auf die Modeindustrie nützt niemandem etwas.“ Damit läuft auch die Kritik der britischen Kulturministerin Tessa Jowell ins Leere. Sie hatte Regelungen gefordert: „Junge Mädchen fühlen sich minderwertig, wenn sie nicht ebenso schön sind wie die Models. Viele Fünfzehnjährige fassen sich am Morgen beim Aufstehen als erstes an den Bauch.“
Die Designern Bella Freud, die am Dienstag abend ihre Kollektion für das wiederbelebte Sechziger-Jahre-Modehaus Biba präsentierte, wirft den Schlankheits-Kritikern sogar „schlechte Manieren“ vor. Es gehöre sich nicht, sich über das Gewicht anderer Leute öffentlich Gedanken zu machen. „Ich bin wirklich schockiert. Es ist hart gegenüber den jungen Mädchen, ihnen zu sagen: Ihr müßt dieses oder jenes Gewicht haben.“ So ähnlich sieht es am Dienstag nach der Schau von Paul Smith auch das selbst sehr dünne englische Supermodel Erin O'Connor: „Eine positive, gesunde Lebensweise ist wichtig. Alle Körper sind verschieden.“ Ihre Kollegin Lily Cole zum Beispiel sei sehr erfolgreich. „Das liegt aber nicht an ihrem Body Mass Index, sondern an ihrem Talent. Sie ist klug und hat deshalb eine großartige Karriere vor sich.“ Die Debatte über Über- und Untergewicht sei trotzdem wichtig, sagt sie - justiert den breiten Reptilprint-Gürtel von „Topshop“ auf ihrer knabenhaften Taille, lächelt und verschwindet zur nächsten Schau.
Gute Initiative!
Stefanie Neubert (contactsteff)
- 19.09.2006, 21:32 Uhr
Was für ein niveauloser Hetzartikel!
Stefan Kaupisch (stereobeat)
- 19.09.2006, 23:44 Uhr
diskriminierung
hans maier (eu-phobie)
- 20.09.2006, 10:40 Uhr
Doch, ich will Skelette sehen!
Nathalie Neumann (NathiNeu)
- 20.09.2006, 11:54 Uhr
Falsches Vorbild
Birgit Schmidt (Chayra)
- 20.09.2006, 12:07 Uhr
