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Medizinische Unterversorgung : „Ein Chirurg für das ganze Land“

  • -Aktualisiert am

Verheilt ein Bruch nicht richtig, kann das Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft des gesamten Landes haben. Bild: dpa

Schlecht versorgte Brüche und versäumte Operationen fordern in den ärmsten Regionen der Welt die meisten Todesopfer. Eine deutsche Medizinstudentin ist Teil einer Harvard-Forschungsgruppe mit, die das Problem bekämpft. Ein Interview.

          Mehr als 140 Millionen Operationen zu wenig werden nach den Berechnungen amerikanischer Ärzte jedes Jahr in den armen Regionen der Welt ausgeführt. So kümmern sich in Sambia gerade einmal 97 Chirurgen um 16 Millionen Einwohner. In Ruanda gibt es jedes Jahr Tausende Verkehrsunfälle, aber nur zwei Neurochirurgen, die Hirnverletzungen behandeln können. Die schlechte chirurgische Versorgung in vielen Entwicklungsländern fordert inzwischen jedes Jahr mehr Todesopfer als Malaria, Tuberkulose und HIV zusammen. Die deutsche Medizinstudentin Magdalena Gründl, 25, arbeitet an der Eliteuniversität Harvard in einer Forschungsgruppe, die dieses Problem bekämpfen will.

          Frau Gründl, warum ist die chirurgische Versorgung in Entwicklungsländern so ein Problem?

          Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen liegt es an der schlechten Hygiene. Viele Patienten sterben nach einem simplen Eingriff an den Folgen einer Wundinfektion, weil sie nicht unter sterilen Bedingungen behandelt wurden. Andere schaffen es aufgrund der schlechten Straßen und des fehlenden Transports gar nicht erst rechtzeitig ins Krankenhaus. In Sambia zum Beispiel lebt ein Viertel der Einwohner zwei Stunden oder mehr von der nächsten Klinik entfernt. Und dann fehlen einfach Ärzte. Laut Weltgesundheitsorganisation sollte ein Land pro 100.000 Einwohner je 20 Anästhesisten, Chirurgen und Gynäkologen haben. In Entwicklungsländern gibt es manchmal aber nur einen oder zwei.

          Was bedeutet das für die Länder?

          Insgesamt haben fünf Milliarden Menschen keinen Zugang zu guter Chirurgie und Anästhesie, oder sie können sich diese nicht leisten. Etwa 17 Millionen sterben jedes Jahr daran. Das ist etwa ein Drittel aller Todesfälle auf der Welt. Dazu kommen noch die Menschen, die ihr Leben lang von einem Unfall gezeichnet sind: Auch ein Beinbruch, der nicht richtig behandelt wird und falsch zusammenwächst, kann jemanden in einem Entwicklungsland dauerhaft arbeitsunfähig machen. Er muss dann von seiner Familie versorgt werden. Weil das tausendfach passiert, wird die Wirtschaftskraft dieser Länder massiv geschwächt.

          Die Entwicklungshilfe kämpft seit Jahren gegen Infektionskrankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose. Warum tut bislang kaum jemand etwas für eine bessere Chirurgie?

          Das Geld großer Firmen und Stiftungen geht fast zu 100 Prozent in die Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Ich denke: Malaria kann nach Europa oder in die Vereinigten Staaten eingeschleppt werden – vor einem schlecht verheilten Bruch müssen sich die Industrieländer nicht fürchten. Das ist vielleicht ein Grund. Dass die betroffenen Länder selbst bisher kaum etwas getan haben, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte nicht geglaubt haben, dass es sich überhaupt um ein massives Problem handelt. Lange hat niemand gezählt, wie viele Menschen sterben oder arbeitsunfähig werden, weil relativ einfache Verletzungen nicht versorgt werden. Aber jetzt kommt langsam Bewegung in das Thema.

          Vor knapp sechs Jahren hat der amerikanische Chirurg John G. Meara die Forschungsrichtung Global Surgery begründet. Heute gehören Sie zu diesem Team dazu. Was machen Sie genau?

          Ich bin seit Juli vergangenen Jahres dabei. In den Jahren zuvor sind meine Kollegen in verschiedenen Entwicklungsländern von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren und haben konkrete Daten gesammelt: Sie haben sich angeschaut, ob die Operationssäle mit dem Stromgenerator betrieben werden oder am Netz hängen, wie steril die Behandlungsräume sind, und gezählt, wie viele Ärzte es von welcher Fachrichtung gibt. Das war nötig, um den Regierungen klarzumachen, wie dringend sie handeln müssen.

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