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Montag, 13. Februar 2012
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Medikamente Neoklassisch gegen die Malaria

19.08.2004 ·  Die Tropenkrankheit breitet sich nicht nur aus, sie wird auch immer resistenter. Ein Klassiker verspricht nun überraschend Erfolg. Gelingt mit Beifuß der entscheidende Schlag gegen die Malaria-Erreger?

Von Joachim Müller-Jung
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Von einem Durchbruch wagte schon lange niemand mehr zu sprechen, wenn die Rede auf die Bekämpfung der Malaria tropica kam. Der Respekt vor dem gefürchteten Erreger namens Plasmosium falciparum war zuletzt sogar noch gewachsen. Nicht nur die rasante Ausbreitung von arzneimittelresistenten Plasmodien hatte die Stimmung gedämpft, auch die weitgehend in den molekularbiologischen Labors steckengebliebene Impfstoffentwicklung hat zuletzt für Rückschläge gesorgt.

Und seitdem man aus der Analyse des Erregererbgutes weiß, daß die bedrohlichste aller tropischen Krankheiten - statistisch stirbt jede Minute ein Kind daran - vermutlich schon an die hundertfünfzigtausend Jahre in einer Schicksalsgemeinschaft mit dem Menschen lebt und diesen ziemlich sicher bei seinem Auszug aus Afrika begleitete, ist die Zuversicht auf eine rasche Eliminierung des Zellparasiten praktisch auf Null gesunken.

"Durchbruch in der Malaria-Medizin"

Um so überraschender kam deshalb in diesen Tagen die Ankündigung eines "Durchbruchs in der Malaria-Medizin". Eine Mitteilung, die als Begleittext zu einer wissenschaftlichen Veröffentlichung nicht etwa von irgendwem aus der Szene lanciert wurde, sondern praktisch von höchster wissenschaftlicher Stelle: Die Organisation "Medicine for Malaria Venture" (MMV), ein vor vier Jahren unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation gegründetes und mit Stiftungsgeldern gestütztes Gemeinschaftsunternehmen von akademisch und privatwirtschaftlich tätigen Malariaforschern, hob die Publikation in "Nature" (Bd. 430, S. 900) buchstäblich in den Himmel. "Dieses Medikament könnte der größte Durchbruch in der Malaria-Behandlung in unserer Generation werden", kommentierten die Experten in Genf die Arbeit einer internationalen Forschergruppe.

Es geht um ein Medikament, das in abgewandelter Form schon seit annähernd 1500 Jahren im menschlichen Gebrauch ist - zumindest im chinesischen Kulturkreis. Dort wird der längst auch hierzulande als Heilpflanze geschätzte Beifuß (Artemisia) als fiebersenkendes Mittel genutzt. Dessen Wirksamkeit gegen den Malaria-Erreger - oder besser: die Wirkung einiger chemischer Derivate des Artemisinins - hatte man vor etwa dreißig Jahren entdeckt. Und seitdem sind solche Derivate wie das als "ACT" bekannte Mittel für die Medizin immer wichtiger geworden. Denn anders als bei den wenigen brauchbaren Malariamedikamenten wie Chloroquin oder Fansiadar entwickelten sich beim Gebrauch der Artemisininwirkstoffe bis heute keine nennenswerten Resistenzen. Jedenfalls hat man solche noch nicht entdeckt.

Klassischen Medikamente nicht mehr wirksam

Die Gewinnung und Reinigung der Naturheilmittel hat sich allerdings als so aufwendig und teuer erwiesen, daß ohne die dafür nötigen Mittel an eine flächendeckende Versorgung zumal der armen Bevölkerung im Süden mit den zehn- bis zwanzigmal so teuren Artemisinin-Präparaten vorerst nicht zu denken war. In Asien und Afrika spitzte sich indes die medizinische Situation in den vergangenen Jahren weiter zu. Aber nicht nur dort. Auch der reiche Norden hatte allen Grund, sich bedroht zu fühlen - nicht nur wegen der mittlerweile mehr als 30 000 Malaria-Fälle, die jedes Jahr nach Reisen eingeschleppt werden.

Die galoppierende Ausbreitung resistenter Plasmodien hatte die Tropenmedizin weltweit in die Bredouille gebracht. Inzwischen spricht man davon, daß die klassischen Medikamente in neunzig Prozent der Behandlungen nicht mehr wirken. Wie ein internationales Team von Genetikern in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift "Science" schreibt, sind die für diese Resistenzen ursächlichen Genmutationen vermutlich in Südostasien entstanden. Danach haben sie sich flächenbrandartig über Afrika ausgebreitet.

Es herrscht Alarmstimmung. Das zeigt auch die Veröffentlichung in "Science", die von der Londoner Tropenmedizinerin Cally Roper und ihren Kollegen mit einem gesundheitspolitischen Aufruf zum Handeln beendet wird. "Die Daten zeigen, daß die Resistenzentwicklung ein internationales Problem ist, das einer koordinierten, internationalen Antwort bedarf." Ist die Antwort womöglich in dem einen Tag zuvor in "Nature" veröffentlichten Aufsatz enthalten?

Tatsächlich scheint sich die Beschäftigung eines internationalen Teams, angeführt von amerikanischen, australischen, britischen und schweizer Wissenschaftlern, mit dem Beifuß gelohnt zu haben. Das zuerst in Universitätslabors und in Basel bei Hoffmann-La Roche entworfene und später von der indischen Firma Ranbaxy Laboratories Inc weiterentwickelte neue Medikament ist ein vom Artemisinin abgeleiteter Wirkstoff, den man künstlich hergestellt hat. Diese umständlich noch als "OZ277" oder "RBx-111160" bezeichnete Substanz hat sich in Reagenzglasversuchen und bei Tests an Mäusen unter sieben Wirkstoffkandidaten als besonders vielversprechend erwiesen.

Das Mittel - chemisch ein sogenanntes Trioxolan - soll innerhalb weniger Tage wirken und einfach anzuwenden sein. Vor allem aber ist das synthetische Produkt leicht herzustellen. Und darin steckt im Grunde der entscheidende Unterschied zu den verfügbaren Artemisinin-Präparaten. Was die Nebenwirkungen des synthetischen Präparates angeht, sind die Wissenschaftler optimistisch. Die Toxizitätstests im Labor und die ersten in Großbritannien vorgenommenen klinischen Versuche hätten gezeigt, daß das synthetische Artemisinin "verträglich" und weniger toxisch sei als das klassische Naturheilmittel. Seine Wirksamkeit und Effektivität freilich muß es erst noch in der folgenden klinischen Testphase beweisen.

Und ob es dann für die 300 bis 500 Millionen Behandlungen, die jedes Jahr nötig wären, auch tatsächlich verwendet wird, steht noch aus einem anderen Grund in den Sternen: Über den Endpreis des Arzneistoffs wagten nicht einmal die Malariafachleute von MMV zu spekulieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2004, Nr. 193 / Seite 36
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