21.11.2005 · Die Ermittlungen gegen einen Fleischvertrieb in Gelsenkirchen dauern an. Möglicherweise verdorbenes Fleisch wurde in riesigen Mengen aus dem Verkehr gezogen.
Im Skandal um Gammelfleisch aus einem Betrieb in Gelsenkirchen haben die Behörden am Montag weitere verdächtige Lieferungen sichergestellt. Nachdem schon am Wochenende in einem Betrieb in Melle bei Osnabrück 71 tonnen verdächtiges Fleisch sichergestellt worden war, wurden in Niedersachsen abermals mehr als 50 Tonnen beschlagnahmt, in Hamburg wurden etwa elf Tonnen aus dem Verkehr gezogen. Zuvor waren schon in Gelsenkirchen 60 Tonnen Rind- und Putenfleisch sichergestellt worden. Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, ob das sichergestellte Fleisch verdorben ist oder nicht.
Nach Angaben des NRW-Verbraucherschutzministeriums ist seit dem 27. Oktober keine vom Fleischhändler Domenz in Gelsenkirchen eingelagerte Ware mehr in den Verkauf gelangt. An diesem Tag war das erste verdächtige Fleisch entdeckt worden. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt derzeit gegen Domenz wegen Betrugs und möglicher
Verstöße gegen das Lebensmittelrecht. „Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen“, betonte Staatsanwalt Wilhelm Kassenböhmer.
Lebensmittelüberwachung straffen
Wieviel verdorbenes Fleisch über den Gelsenkirchener Betrieb in den Handel gelangt ist, können die Behörden noch nicht sagen. Zwischen dem ersten Verdacht und der Durchsuchungsaktion der Staatsanwaltschaft waren drei Wochen vergangen.
Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Eckhard Uhlenberg (CDU) will als Konsequenz aus dem abermaligen Skandal die Lebensmittelüberwachung straffen. Die Kontrollen müßten beschleunigt werden. Die Stadt Gelsenkirchen wies die Kritik zurück. Die Kontrolleure hätten „umsichtig und schnell gehandelt“.
„Mehrere Jahre tiefgefroren“
Uhlenberg beruhigte, daß das beschlagnahmte Fleisch angeblich nicht gesundheitsgefährdend sei. Bei mikrobiologischen Untersuchungen seien „keine krankheitsgefährdenden Keime“ nachgewiesen worden. Das Fleisch sei jedoch „über einen Zeitraum von mehreren Jahren tiefgefroren“ worden. „Auf diesen Fleischprodukten zeichnet sich Gefrierbrand ab“, sagte Uhlenberg. Nach dem Auftauen entspreche die Ware wegen „Farb- und Geruchsabweichungen“ nicht mehr den Anforderungen der Untersuchungsämter. Daher werde dieses Fleisch von den Behörden als „nicht mehr zum Verzehr geeignet“ beanstandet.
Die genaue Herkunft des Fleischs ist noch nicht geklärt. Domenz habe in ganz Europa gehandelt, berichtete das Düsseldorfer Ministerium. Gesichert sei, daß in diesem Jahr 9,2 Tonnen Fleisch - überwiegend Pute - nach Brandenburg geliefert wurden, und zwar an einen Dönerhersteller in Mittenwalde und an eine Firma in Rathenow. An Brandenburger Imbißbuden sind nach Angaben der dortigen Behörden möglicherweise schon 815 Kilogramm Putenfleisch an die Verbraucher verkauft worden.
Fleisch vermutlich „nur“ alt
In Niedersachsen wird das sichergestellte tiefgefrorene Fleisch zur Untersuchung nun in kleine Proben zerlegt. Nach dem Auftauen soll geprüft werden, ob es verdorben ist. „Wir sind verhalten optimistisch, daß es nicht gesundheitsschädlich, sondern nur alt ist“, sagte ein Sprecher des niedersächsischem Landwirtschaftsministeriums.
Erst Anfang November war ein Fleischskandal in Niedersachsen bekannt geworden. Ein 45 Jahre alter Unternehmer war in Verdacht geraten, aus seinem Betrieb im Kreis Cloppenburg verdorbenes Geflügelfleisch in den Handel gebracht zu haben. Der Betrieb wurde geschlossen, die Ermittlungen laufen weiter.