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Lebensmittellobby : Schwer umworben

  • -Aktualisiert am

„Werbung wirkt“: Das Angebot an verführerischen Produkten für Kinder ist groß. Bild: picture alliance / fStop

Da bei Kindern bestimmte Hirnareale noch nicht ausgereift sind, können sie sich gegen den Einfluss von Werbung nicht schützen. Das nutzt die Lebensmittelindustrie geschickt - und preist ungesunde Produkte auch in Schulen an.

          Das wollte ich schon immer haben!“, schreit meine fünf Jahre alte Tochter verzückt, als sie in der Werbung ein Getränk im Alubeutel sieht, das es jetzt auch mit Elfe und Einhorn drauf gibt. „Was ist das denn?“, frage ich zurück. Aufgeregt wedelt sie mit den Händen in der Luft und sagt: „Das ist total lecker.“

          Foodwatch sieht das anders. Die Verbraucherschutzorganisation hat das Produkt gerade mit dem „Goldenen Windbeutel“ für die dreisteste Werbemasche bei einem Kinderprodukt ausgezeichnet. Grund: zu viel Zucker, zu wenig echter Saft - damit keine Kaufoption für mich. Doch nach dem Satz: „Bitte, kaufst du mir das, Mama?“ folgen für gewöhnlich lange Diskussionen. Ich versuche, mich diesmal nicht einwickeln zu lassen, und flüchte in die Hoffnung: Das wird sie bald wieder vergessen. Doch neben der Erfahrung sagt auch die wissenschaftliche Erkenntnis, dass das nicht so ist: Drei- bis Sechsjährige schneiden beim Merken von Werbemelodien oder typischen Markenzeichen sehr gut ab.

          Unser Nachwuchs sieht die Markenbotschaften überall, tagtäglich: im Fernsehen, im Internet, in Zeitschriften, auf Plakaten. Das Fatale dabei: Für Kinder ist es noch schwierig, Werbung überhaupt als solche zu erkennen. Vor allem wenn Anbieter Produktwerbung und reine Information auf unzulässige Weise vermischen.

          Gerade für die Werbung der Lebens- und Genussmittelindustrie sind Kinder die Hauptzielgruppe. Das Angebot an verführerischen Produkten ist groß. Angepriesen werden sie mit Slogans, die nach Gesundheit klingen: Da gibt es die „leichte Zwischenmahlzeit“ oder die „Extraportion Milch“ sowie das „knochenstärkende Kalzium“. Die Produkte erweisen sich allerdings im Vergleich zu anderen Lebensmitteln oft als fetter, zuckerhaltiger und kalorienreicher, kurzum ungesünder.

          Der Werbeetat für Süßigkeiten ist besonders hoch

          Eine Marketingmethode, die sich bei Kindern als großer Verkaufsschlager erwiesen hat, ist das Merchandising. Auf Dinos passend zu „Jurassic“ Park folgte Harry Potter, dann kam „Star Wars“. Auf dem Schulhof sind Figuren, Aufkleber und Bildchen aus derartigen Filmen ein wichtiges soziales Instrument, darüber werden Beziehungen aufgebaut - „Werbung wirkt“. Sind Eltern nicht bereit, Joghurts mit bunten Urzeittieren, Kekse mit dem bebrillten Zauberlehrling oder Getränke mit Elfen zu kaufen, setzen Kinder den Großteil ihres Taschengeldes dafür ein. Laut dem Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest gaben Kinder und Jugendliche im Jahr 2010 fast 19 Milliarden Euro für Süßigkeiten, Eis, Getränke und Spielzeug aus. Ein lohnendes Geschäft also, das sich die Industrie etwas kosten lässt. Der Werbeetat für Süßigkeiten liegt laut Foodwatch etwa hundertmal höher als der für Obst und Gemüse. Beängstigende Zahlen angesichts des wachsenden Adipositasproblems in der Gesellschaft.

          In Deutschland gelten etwa zehn Prozent der Kinder im Vorschulalter als übergewichtig. Insgesamt sind fünfzehn Prozent aller Heranwachsenden zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, jeder zweite bis dritte davon sogar stark, und sie werden immer schwerer.

          Doch statt in Schulen und Kindergärten über gesunde Ernährung aufzuklären, hat auch an diesen Orten die Lebensmittellobby Einzug gehalten, wie unter anderem die Initiative „Lobbycontrol“ kritisiert. Ganz praktisch heißt das: Die Industrie wird immer häufiger Sponsor für Sportprojekte, Musikgeräte oder unterhaltsame Veranstaltungen von Schulen. Für Kindergärten gibt es kostenlose Produktproben. Und nicht zuletzt bietet die Industrie kostenlose Unterrichtsmaterialien zu relevanten Themen an, unter anderem auch zur Ernährung. Die bereitgestellten Materialien mögen bequem für Lehrer sein, doch die Inhalte sind auch mal einseitig zugunsten der Industrie ausgerichtet, tragen die Logos der Unternehmen, und zum Teil werden Produktnamen statt der Nahrungsmittelkategorie genannt. Besonders sogenannte Junkfood-Marken sind nach Angaben vn Foodwatch in den Schulen präsent.

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