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Leben ohne Geruchssinn Wie hinter einer Glasplatte

Wenn der Geruchssinn verloren gegangen ist, kann man auch nicht mehr schmecken. Von vielen Gefühlen ist man ebenfalls abgeschnitten. Fast könnte man depressiv werden. Eine Betroffene berichtet aus ihrem Leben mit der Anosmie.

© ddp Vergrößern Nichts mehr riechen zu können ist traurig und gefährlich

Kein Mensch, der nicht selbst davon betroffen ist, kann sich vorstellen, was es wirklich bedeutet, nichts mehr riechen zu können. Zuletzt fiel mir das im Sommer auf: Ich habe es einer sehr guten Freundin erzählt, es war ein langes und intensives Gespräch, sie hat sehr viel Anteil daran genommen. Etwa eine halbe Stunde später saßen wir nebeneinander in einem Vortrag, und sie fragte mich: „Ich habe gestern total viel Knoblauch gegessen – habe ich eigentlich Mundgeruch?“ Ich antwortete: „Klar, du stinkst wie ein Otter.“ Bis sie es verstand, das dauerte.

So geht es mir oft. Selbst meine Familie kann sich nicht immer vorstellen, wie sehr mir mein Geruchssinn fehlt. Kürzlich kam mein Mann in die Küche und fragte mich: „Was ist denn hier los?“ Ich sagte: „Ich glaube, nichts.“ Das Ventil des Dampfkochtopfs war kaputt, die Kartoffeln waren angebrannt. Einen Moment lang konnte er sich nicht vorstellen, dass ich es nicht gerochen hatte. Zum Teil gefährde ich mich und andere deshalb sogar. Das verunsichert mich. Nicht nur, dass ich den Kindern Schokoladenpudding serviert habe, in den ich nichtsahnend umgekippte Schlagsahne gerührt hatte. Ich habe auch Schimmelpilzentferner eingeatmet, bis es im Kopf anfing zu brennen. Oder Essigessenz, die piekste irgendwann im Körper. Es ist ungesund, und auch psychisch ist es belastend. Ich denke dann: Du kannst deinen Körper nicht schützen, weil dein Geruchssinn nicht funktioniert. Ich atme jede Menge ungesunde Moleküle ein, zum Beispiel bei der Arbeit. Da wird die Herrentoilette über die Damentoilette entlüftet. Wenn ich sie besuche und daran denke, halte ich die Luft an. Aber oft vergesse ich es. Wenn es mir wieder einfällt, fühle ich mich von innen schmutzig.

„Jetzt müssen wir im Trüben fischen“

Vor 13 Jahren wurde ich das erste Mal an den Polypen operiert, weil ich nichts mehr riechen konnte. Danach war der Geruchssinn immer mal wieder weg, weil sie nachgewachsen waren. Dann wurden sie entfernt, und ich hatte ihn wieder. Nur das letzte Mal, als er wieder verschwunden war, waren keine Polypen da. Der HNO-Arzt sagte: „Jetzt müssen wir im Trüben fischen um herauszufinden, woran es liegt.“ Wir haben nichts gefunden. So geht es den meisten.

Sicher ist nur, dass meine Riechzellen nicht zerstört sind. Denn nach einer ayurvedischen Ganzkörpermassage konnte ich vor einigen Monaten auf einmal wieder riechen: Ich stieg in das Auto meines Mannes und roch den Zigarettenrauch. Nach einigen Stunden ließ die Wirkung aber wieder nach und verschwand schließlich ganz. Das verleitet mich zu der Annahme, dass die Ursache psychisch ist: Mein Körper will mir irgend etwas sagen, was ich nicht wahrnehmen kann. Es ist ein Signal an mich. Ich versuche im Moment traditionelle chinesische Medizin, um gelassener zu werden. Meine Lehrerin hat mir gesagt, in meinem Kopf sei es so dicht, dass der Geruchssinn sich ausgeschaltet haben könnte. Ich habe in der Tat viel um die Ohren. Zwei kleine Kinder, einen Job als Leiterin einer Bildungseinrichtung mit vier Mitarbeitern und 90 Dozenten. Einen Mann, der berufsbedingt selten zu Hause ist. Einen kranken Vater, um den wir alle uns sorgen, die Vermietung der Wohnungen meiner Eltern, den Bau unseres Hauses. Und das sind nur die wichtigsten Punkte.

Wenn da jetzt Hundekot dabei ist ...

Am meisten vermisse ich, dass ich meine Kinder nicht riechen kann. Ich kann sie spüren, aber ihr Geruch würde noch tiefer liegende Instinkte ansprechen. Ich kann es kompensieren, ich liebe sie natürlich ebenso sehr, als könnte ich sie riechen. Aber es fehlt. Und wenn sie dann aus dem Wald nach Hause kommen und ich ihre Gummistiefel von Schlamm und Dreck befreie – dann denke ich schon mal: Wenn da jetzt Hundekot dabei ist, ich würde es nicht merken. Man sieht es ja nicht. Ich ekele mich jedes Mal.

Weil ich nichts rieche, schmecke ich auch nichts. Das ist genauso schlimm. Ich kann nur noch salzig, süß, bitter und „umami“ unterscheiden. Umami ist ein Begriff, der einen fleischigen Geschmack bezeichnet, wie er zum Beispiel auch durch den Geschmacksverstärker Glutamin erzeugt wird. Weil das nicht genug ist, um zu beurteilen, ob mir etwas schmeckt oder nicht, konzentriere ich mich auf die Konsistenz der Speisen, auf ihre Farbe, Knackigkeit und Temperatur. Wenn das alles blass ist, mag ich es nicht. Am besten gefallen mir überbackener Ziegenkäse und Fleisch. Aber generell lege ich auf Essen und Getränke keinen Wert mehr. Drei Kilo habe ich abgenommen, seit ich nichts mehr rieche, dabei bin ich sowieso schon sehr dünn.

Als würde ich mir die Ohren zuhalten

Um nicht traurig zu werden, konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich noch wahrnehmen kann. Was ich sehen, hören und unter meinen Füßen spüren kann, welche Gefühle Farben in mir auslösen. Denn auch Emotionen werden ja durch Düfte geweckt. Ich vermisse die Behaglichkeit von Kaffeeduft, den Geruch von Zwiebeln, die in Olivenöl angebraten werden. Wenn ich koche, fühle ich mich, als stünde ich hinter einer Glasscheibe. Das trennt mich vom Genuss. Und auch den Geruch meines Elternhauses vermisse ich. Wenn ich meine Eltern besuche, ist das, als würde ich mir die Ohren zuhalten. Ich spüre, dass etwas fehlt.

Manchmal habe ich eine Geruchs-Fata-Morgana: Ich rieche etwas, zum Beispiel Kaffee, obwohl gar keiner da ist. Weil ich es mir so sehr wünsche. Das Nicht-Riechen ist dann wie ein Phantomschmerz. Wenn ich meinen Gefühlen in solchen Momenten freien Lauf ließe, würde ich deprimiert werden. Ich steuere dann gegen, male ein Bild oder creme mich mit einer schönen Lotion ein. Aber trotzdem bin ich ernster geworden. An vielen Tagen habe ich so viel um die Ohren, dass ich mich nicht auch noch mit mir selbst beschäftigen kann. Ich schiebe das Thema dann weg, denke: Das interessiert jetzt nicht auch noch. Trotzdem verfolge ich mein Ziel weiter. Ich werde sämtliche alternativen Heilmethoden ausprobieren. Ich werde nicht aufgeben. Ich will wieder riechen können.

Anosmie

20 Prozent der Deutschen riechen sehr wenig, fünf Prozent gar nichts. Oft gelangt wegen einer mechanischen Blockade keine Luft mehr an die Geruchszellen in der Nase. Manchmal hat ein schwerer grippaler Infekt die olfaktorischen Neuronen zerstört. Oder eine Gehirnerschütterung oder ein Tumor haben das Geruchszentrum aus der Balance gebracht. Antidepressiva, Entzündungshemmer und Antihistamine können dem Riechen schaden, ebenso wie Polypen, Allergien und das Einatmen von Stoffen wie Benzol, Chlor, Rauch und Metall- oder Holzstaub. Auch Zinkmangel, eine Kadmiumvergiftung oder ein Schlaganfall können die Ursache sein. Die häufigste Ursache ist jedoch das Alter: Fast jeder Dritte über 70 ist betroffen. Selten nur gelingt es Ärzten, die Anosmie zu heilen. Steroide, Vitamine, Akupunktur oder Operationen können Besserung bringen, Kortison kann kurzfristig helfen. Ging der Geruchssinn etwa durch eine Grippe verloren, kann er in etwa zwei Dritteln der Fälle wieder zurückkommen. (mel.)

Aufgezeichnet von Katrin Hummel

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.10.2010, 14:57 Uhr

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