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Leben mit einer schizophrenen Tochter : „Ich stelle mir vor, der Kopf ist durchlässig“

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Kunst als Therapie: Dieses Bild hat Berg-Peers Tochter Lena im Jahr 1998 während eines Aufenthaltes in der Psychiatrie gemalt. Bild: privat

Zwischen Schuldgefühlen und Loslassen, zwischen Wahnvorstellung und Angst – eine Mutter spricht über das Leben mit einer schizophrenen Tochter.

          Frau Berg-Peer, wenn man auf einer Party über die erwachsenen Kinder redet, und Sie werden gefragt, was Ihre Kinder so machen – was antworten Sie?

          Ich sage, dass ich vier Kinder und drei Enkelkinder habe, von denen das erste schon sein Studium abgeschlossen hat. Wenn es um meine Tochter Lena geht, sage ich: Sie ist mit 17 Jahren an Schizophrenie erkrankt, aber erfreulicherweise ist es jetzt seit einer Weile stabil. Ich benenne die Krankheit sofort.

          Wie sind die Reaktionen?

          Leider gucken die meisten Leute erschreckt und weichen aus: „Kannst du mir noch einen Schluck Wein geben?“ oder „Gestern war ich im Theater, tolles Stück.“ Dann gibt es viele Menschen, die Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen haben. Mit denen tauscht man sich aus. Und es gibt welche, die einfach fragen: Schizophrenie - wie ist denn das? Die sind mir die liebsten. Dann kann man erzählen.

          Dann erzählen Sie doch bitte: Schizophrenie - wie ist denn das?

          Wie die meisten psychischen Krankheiten ist Schizophrenie zunächst mit einer wahnsinnigen Angst verbunden. So habe ich das jedenfalls beobachtet. Die Menschen werden nervös und können manchmal tagelang nicht schlafen. Meine Tochter zittert dann so. Eine fürchterliche innere Unruhe ist das. Und diese Angst macht sie aggressiv - aus Abwehr. Sie hat Angst vor dem Einschlafen. Vor Nachbarn. Angst, dass hinter den Bildern an der Wand Kameras sind, die sie die ganze Zeit in böser Absicht beobachten. Das sind dann Dinge oder Ereignisse, die nur in ihrer Realität vorkommen. Meine Tochter hat mich einmal nicht wiedererkannt. Oder sie fragte mich flehend, ob ich in Auftrag gegeben hätte, sie umbringen zu lassen. Das nennt man Positivsymptome.

          Was ist daran positiv?

          Das habe ich mich auch immer gefragt. Aber es geht darum, dass Dinge, die es nicht gibt, zusätzlich wahrgenommen werden. Nach meiner Erfahrung sind allerdings die Negativsymptome viel belastender. Dieser totale Rückzug, die Affektverflachung, von der meine Tochter Gott sei Dank nicht so betroffen ist, der Verlust der Fähigkeit, zusammenhängende Gedanken zu verfolgen, die Unfähigkeit, irgendetwas zu tun, dem Tag Struktur zu geben, aufzustehen, sich für irgendwas zu entscheiden. Dagegen helfen bislang auch keine Medikamente.

          Aber in guten Phasen ist Ihre Tochter wie früher?

          Wie früher? Das ist ein großes Thema. Sie fragt sich ja selbst: Wie wäre ich geworden, wenn ich diese Krankheit und diese Medikamente nicht bekommen hätte? Mir blutet da immer das Herz. Lena ist jetzt 31 Jahre alt und ein sehr kluger und liebenswürdiger Mensch, sie gewinnt Menschen, hält Freundschaften. Das betone ich, weil genau das bei vielen von Schizophrenie Betroffenen abklingt. Sie verarmen an sozialen Kontakten. Allerdings hat meine Tochter auch in den guten Phasen einen größeren Bedarf an Alltagscoaching. Diese Brüchigkeit, die Ängste, das ist nicht plötzlich weg. Man wird nach solchen Einbrüchen nicht plötzlich ein stabiler Mensch.

          Trotzdem lebt Ihre Tochter allein. Sie hat eine Ausbildung gemacht und regulär gearbeitet, sie kauft ein und sorgt für sich.

          Sie lebt ein ganz normales Leben. Aber es gibt Phasen, in denen das nur mit größter Anstrengung geht oder sich in ihrer Wohnung das unvorstellbare Chaos in ihrem Kopf spiegelt. Ich stelle mir immer vor, dass der Kopf durchlässig ist. Sie hat überhaupt keine Möglichkeit, sich abzuschotten, alles dringt in gleicher Weise ungefiltert auf sie ein. Das ist eine permanente Unruhe, da kann man nicht Pullover falten.

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