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Leben in Städten Eine toxische Mischung

 ·  Städte machen krank. Aber warum? Ist es der Stress, der Lärm, die Menschendichte oder die Einsamkeit? Oder kommt es eher darauf an, was in den Städten mit den Menschen passiert?

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© F1online „Wir müssen herausfinden, warum das so ist“: In Städten ist die Gefahr psychisch zu erkranken höher als auf dem Land.

Der Immobilienmakler lebte in Berlin, als alles zusammenbrach. Er wusste schon länger, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Seit er aus London zurückgekehrt war, seit die Mutter seiner Tochter sich von ihm getrennt hatte, war er nicht mehr richtig froh. Eine neue Partnerin, die ihn bald wieder verließ, beschwerte sich über seine Unruhe: Jede Umarmung verkomme zu einem hektischen Rückenreiben. Der Immobilienmakler blieb trotzdem in Bewegung, immer unterwegs zum nächsten Erfolg. Er arbeitete nachts, er arbeitete am Wochenende, er arbeitete feiertags, und Montagmorgen ging er zur Uni, um seinen Master zu machen. Achtzig-, Neunzigstundenwochen waren das. „Man denkt, man ist so eine Maschine“, sagt der Immobilienmakler.

Was folgt, ist das gängige Szenario einer Depression: Irgendwann zog er die Rollos morgens nicht mehr hoch. Er ging nicht ans Telefon. Er mied Kommilitonen und Kollegen. Er ging nicht zum Friseur, weil „ich keine Lust hatte, mit dem Friseur zu reden“. Er schaffte nicht einmal mehr den Weg zum Supermarkt. Zu viele Leute, sagt er: „Ich habe mich vor der Stadt zurückgezogen.“ Selbst der weite Blick von seiner Dachterrasse hin zum Alexanderplatz munterte ihn nicht mehr auf.

Depression bis 2030 Volkskrankheit Nummer eins

Kein Depressiver macht die Stadt, in der er lebt, verantwortlich für seine Krankheit. Kein Arzt erklärt die Schizophrenie seiner Patienten mit deren Wohnort in Tokio, Paris oder New York. Typischerweise greifen bei psychischen Erkrankungen soziale, psychologische und genetische Faktoren ineinander. Studien jedoch haben nachgewiesen, dass Städter doppelt so gefährdet sind, an einer Schizophrenie zu erkranken, wie Menschen auf dem Land. Die Wahrscheinlichkeit, eine Depression zu bekommen, liegt in der Großstadt um etwa 40 Prozent höher, bei Angststörungen sind es 20 Prozent. Und weil sich dieses Risiko offenbar nicht damit erklären lässt, dass psychisch anfällige Menschen mit Vorliebe in Städte ziehen würden, sagt Mazda Adli, Oberarzt an der Charité Berlin: „Wir müssen herausfinden, warum das so ist.“

Die Zeit drängt. Lebte 1950 etwa ein Drittel der Weltbevölkerung in Städten, ist es heute die Hälfte, 2050 sollen es 70 Prozent der Menschheit sein. Schon jetzt zählen psychische Leiden zu den Krankheiten, die hohe Kosten verursachen und die Patienten besonders stark beeinträchtigen. In Deutschland sind Depressionen zum häufigsten Anlass für Krankschreibungen und damit für Arbeitsausfall geworden. Und selbst wenn das vermutlich weniger auf einen Anstieg der Erkrankungsrate zurückzuführen ist als darauf, dass sich mehr Menschen trauen, zum Arzt zu gehen: Für die Industrienationen erwartet die Weltgesundheitsorganisation bis 2030 den Aufstieg der Depression zur Volkskrankheit Nummer eins.

Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die größere Anfälligkeit der Städter für Seelenleiden etwas mit Stress zu tun hat. Vermutet hat man das schon länger: Stress kann schließlich das Auftreten oder den Verlauf von Schizophrenien, Depressionen und Angststörungen beeinflussen. In einem Experiment, das vergangenes Jahr für Aufsehen sorgte, haben Wissenschaftler vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim nun erstmals nachgewiesen, dass das Hirn eines Städters stärker auf Stress reagiert als das eines Landbewohners: Je größer die Stadt, in der ein Studienteilnehmer lebte, desto aktiver war im Versuchssetting der sogenannte Mandelkern, die Amygdala. Auch die Frage, ob jemand auf dem Land oder in der Stadt aufgewachsen war, wirkte sich auf die Hirntätigkeit aus.

„Es liegt nicht an den Städten per se“

„Zugverkehr unregelmäßig“ steht über der Anzeigetafel von Gleis 6 am S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße, dort, wo die Züge über den Hauptbahnhof in Richtung Potsdam fahren. Ein Donnerstag, zwölf Uhr Mittag. Im Sekundentakt spült die Rolltreppe neue Menschen auf den Bahnsteig. Menschen mit Stadtplänen. Menschen in Anzügen. Menschen, die Fahrräder schieben. Wer allein unterwegs ist, starrt ins Nichts, als wäre er nicht anwesend. „Hör zu, mein Zug ist da“, ruft eine Frau in ihr Handy, als endlich die S-Bahn einfährt, „das wird jetzt ein Kampf. Modell Sardinenbüchse.“

Stadtstress, glaubt Mediziner Adli, sei die „toxische Mischung aus sozialer Dichte und sozialer Isolation“. Aber keiner weiß genau, welche Einflüsse des Großstadtdaseins für die Psyche schädlich sind. Lärm? Die Nivellierung von Tag und Nacht durch künstliches Licht? Ein Mangel an Grün und frischer Luft? Oder geht es vielmehr um soziale Phänomene wie Armut, Diskriminierung und Gewalt, wie Andreas Heinz vermutet? „Es liegt nicht an den Städten per se“, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. „Meines Erachtens kommt es darauf an, was in der Stadt passiert.“ Das lasse sich zum Beispiel mit Untersuchungen karibischer Einwanderer in London untermauern: Besonders stark erhöht waren die Schizophrenie-Raten in den besseren Quartieren der Stadt, wo dunkelhäutige Zuwanderer stärker auffielen und nicht auf ein Netzwerk aus Landsleuten zählen konnten.

Ginge es nach Andreas Meyer-Lindenberg, dem Direktor des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, er würde alle erdenklichen Stressoren kartographieren lassen. Er würde 600 Probanden eine Woche lang mit speziell konstruierten Smartphones ausstatten, er würde ihre Wege durch die Region verfolgen und an wechselnden Aufenthaltsorten von ihnen verlangen, kurze Fragebögen zu ihrem Befinden auszufüllen. Mit Hilfe der Spezialkarten würde er dann bestimmen wollen, welche Faktoren den individuellen Stresspegel beeinflussen. Die technischen Voraussetzungen für das 1,5-Millionen-Euro-Projekt hat Meyer-Lindenberg mit Hilfe von Wissenschaftlern aus Karlsruhe und Heidelberg geschaffen. Allein, es fehlt am Geld.

Die romantische Verklärung des Landlebens hilft wenig

Das Haus ist alt, das Grundstück riesig: Die Therapeutin lebt inzwischen vor den Toren Berlins. Die Sechsunddreißigjährige wollte es nicht so weit kommen lassen wie ihr Vater, der sich nach vierzig Jahren Hauptstadt mit einem Tinnitus in die Uckermark zurückgezogen hatte. Sie fuhr nicht mehr gerne U-Bahn und sehnte sich nach einem reduzierten Leben. „So ’ne Fülle an Gesichtern brauchte ich nicht mehr“, sagt sie. Dann hatte ihr Zehnjähriger einen schweren Fahrradunfall, und die Familie zog aufs Land. Ihr jüngerer Sohn, ein aufgedrehtes Kind, schläft abends seither besser ein. Der Große hat zwar einen weiten Schulweg, aber der Verkehr macht ihm weniger Angst. Und die Therapeutin spürt den Unterschied, wann immer sie in Berlin zu tun hat: Dann kriegt sie Kopfschmerzen, wird nervös und sinkt abends wie erschlagen ins Bett.

Aus psychiatrischer Sicht scheint der Impuls vieler Familien, mit ihren Kindern ins Grüne zu ziehen, eine gute Idee: Man hat ausgerechnet, dass die Zahl der Schizophrenien um ein Drittel niedriger läge, wenn alle Menschen auf dem Land geboren wären. Aber kann es darum gehen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen? Die romantische Verklärung des Landlebens hilft so wenig wie die Verdammung des Molochs Stadt: Der Soziologe Georg Simmel hat schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Ambivalenz des Großstadtdaseins beschrieben und erkannt, dass Anonymität auch Befreiung sein kann. Der Immobilienmakler, der seine Depression überstanden hat, ist heute seltener, aber wieder gern in Berlin: „So eine Stadt gibt ja auch viel Energie“, sagt er.

Oder, wie Ricky Burdett es zuspitzt: „Nobelpreise werden nicht in Dörfern gewonnen.“ Der Direktor des Stadtforschungszentrums „LSE Cities“ an der London School of Economics mahnt zudem, die Unterschiede zwischen Städten nicht aus dem Blick zu verlieren: Berlin sei im Vergleich zu hyperdichten Millionenmetropolen wie Hongkong oder Tokio eine großzügige, grüne Stadt. Und was verraten Hirnscans aus Mannheim über die Zustände in Mumbai?

Interaktiv: Die Sinfonie der Großstadt

Andererseits weiß Burdett auch: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen Bebauung, Infrastruktur und psychologischen Faktoren.“ Ein Beispiel aus Bogotá: Dort haben kluge Stadtplaner ein Netz aus Radwegen rund um die Stadt gelegt, bevor im folgenden Jahrzehnt die improvisierten Siedlungen der Zuzügler entstanden. Während also in Saõ Paulo der Durchschnittspendler jeden Tag vier Stunden unterwegs ist und die Superreichen sich nur mit dem Privathubschrauber fortbewegen, bringen Väter und Mütter in Bogotá ihre Kinder auf dem Fahrradgepäckträger zur Schule - ein Gewinn für die Gesundheit und die Familie zugleich. Nur: Solche sozialen und psychologischen Auswirkungen trockener Planungsentscheidungen, so Burdett, seien an renommierten Fakultäten für Stadtentwicklung und Architektur kein Thema.

„Es ist Zeit zusammenzuarbeiten“, sagt deshalb Mazda Adli und wirbt für einen „Neuro-Urbanismus“: Den Risiken für die seelische Gesundheit, die aus der globalen Verstädterung erwüchsen, müssten Stadtplaner, Psychiater, Hirnforscher und Architekten vereint entgegentreten.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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