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Medikamentenpreise : Heilung nur für Reiche

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Mitverantwortlich für die Misere ist die Hochpreispolitik großer Hersteller von Krebsmitteln wie Roche, Novartis, Celgene, Eli Lilly, Astra-Zeneca oder Bayer. In ihren Konzernzentralen in Basel, Leverkusen, London oder New Jersey tüfteln Hunderte von Spezialisten an Preisstrategien, lange bevor ein Produkt auf den Markt kommt. Die Zentrale entscheidet auch, ob das neue Präparat zuerst in Hochpreisländern wie Deutschland, Frankreich, Finnland oder der Schweiz auf den Markt kommt. Dann folgen Länder mit mittleren Preisen wie Holland oder Großbritannien. In ärmeren Ländern verzögern Konzerne gerne die Einführung. Ein hoher Pharma-Manager räumt ein: „Wir würden gewisse osteuropäische Länder am liebsten gar nicht beliefern.“

Acht mal mehr bezahlen als in Deutschland

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, sagt: „Die niedrigen Preise in Rumänien oder Bulgarien machen den Herstellern die Preise in West- und Nordeuropa kaputt.“ Schuld daran seien Rückkoppelungseffekte durch Auslandspreisvergleiche. Ein „Market Access“-Spezialist sagt: „Unser Ziel ist, keine großen Preisunterschiede zwischen den einzelnen Ländern zuzulassen.“

Für viele Insider ist unbestritten: Die Hersteller verzichten bei der Markteinführung eines neuen Krebsmittels lieber auf die Rückerstattung durch die staatliche Krankenversicherung, als zu niedrige Preise zu akzeptieren. So können sie ihre Präparate so teuer verkaufen, wie sie wollen. Und die internationalen Listenpreise hoch halten.

Viele Medikamente kosten deshalb nicht nur gleich viel in Osteuropa, sondern manchmal sogar mehr als in Westeuropa. Das zeigen Preisvergleiche und Studien. So muss ein lettischer Hautkrebspatient gemessen am Pro-Kopf-Einkommen seines Landes acht Mal mehr für das Roche-Präparat Zelboraf ausgeben als ein deutscher Patient.

Alternativen zu der umstrittenen Praxis

Roche und Novartis, die weltweit umsatzstärksten Onkologika-Hersteller, erklären auf Anfrage, dass sie ihre Preise mit nationalen Behörden abstimmten und dabei ihre Forschungsausgaben, die ökonomische Lage des Landes sowie den Nutzen ihres Produkts für Patienten und Gesellschaft berücksichtigen. Eine Roche-Sprecherin betont, man sei offen für neue Preislösungen. Ein Novartis-Sprecher sagt, man helfe auch Patienten, Zugang zu nötigen Medikamenten zu bekommen. Zu konkreten Preisen in Osteuropa äußern sich die Konzernsprecher nicht.

Die Europäische Union ist alarmiert. Eine Sprecherin sagt, die Europäische Kommission wisse, dass Auslandspreisvergleiche „negative Konsequenzen für den Zugang der Patienten“ zu Medikamenten haben könnten. Das Problem sei, dass alle 28 EU-Staaten die Preise erstattungsfähiger Medikamente selbst bestimmen. Die Kommission habe kein Mitspracherecht. Sie hat dennoch zwei Studien zu den negativen Folgen von Auslandspreisvergleichen in Auftrag gegeben.

Vor kurzem erschien nun eine der Studien. Es geht darin auch um Alternativen zu der umstrittenen Praxis. Hauptautorin ist die österreichische Gesundheitsökonomin Sabine Vogler. Sie fordert im Gespräch „erschwingliche Arzneimittelpreise, in denen sich auch die Kaufkraft eines Landes widerspiegelt“. Zudem sollten Rabatte transparent sein. Nur so lasse sich verhindern, dass Konzerne nationale „Schaufensterpreise“ wie in Lettland durchsetzten, die dazu führten, dass andere EU-Länder überteuerte Preise festlegten.

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