15.04.2010 · Dutzende deutsche Apotheken stehen in Verdacht, wirkungslose Krebsmedikamente auf dem „Grauen Markt“ billig erworben und anschließend teuer verkauft zu haben. Bisher ist unklar, ob Patienten dadurch gesundheitliche Schäden davontrugen.
Gegen bundesweit rund 60 Apotheken laufen inzwischen nach Informationen des NDR Ermittlungen wegen Verdachts des Millionenbetrugs mit Krebsmedikamenten. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte bereits im Januar einen Apotheker aus Mittelbaden angeklagt. Das Programm NDR Info berichtete am Donnerstag, dass auch die Staatsanwaltschaft im niedersächsischen Verden Anklage erhoben hat.
Verfahren gibt es demnach unter anderem gegen Apotheker in Augsburg, Braunschweig, Celle, Kiel, Mainz, Münster und Wuppertal. In Oldenburg und Hamburg seien bereits Geldstrafen verhängt worden.
Die Gewinnspanne erhöht
Nach Angaben der Mannheimer Staatsanwaltschaft steht der Apotheker aus Mittelbaden im Verdacht, Zytostatika zur Krebsbehandlung auf dem „Grauen Markt“ über Händler im Ausland erworben zu haben. Auf diese Weise könne er 20 bis 35 Prozent Kosten gespart haben. Er habe in Kauf genommen, im Inland nicht verkehrsfähige Arzneimittel zu erhalten. Der Angeklagte soll seine Gewinnspanne erhöht haben, indem er bei den gesetzlichen Krankenkassen den Preis für zugelassene Originalprodukte geltend machte. Allein im Jahr 2006 waren es laut Justizbehörde 795 Rezepte; der Gesamtschaden der Kassen beläuft sich auf 420.000 Euro.
Ob Krebspatienten gesundheitlich geschädigt wurden, ist unklar. Laut Staatsanwaltschaft hatte der Apotheker den Wirkstoffgehalt der Mittel bei der Herstellung der individuellen Infusionslösungen nicht geprüft. Die Ermittler haben bei sichergestellten Zytostatika keine Hinweise darauf gefunden, dass diese wirkstofflos oder gesundheitsschädlich gewesen wären.
Krebs-Mittel aus dem Ausland zu auffällig günstigen Konditionen
Ermittlungen laufen laut Mannheimer Staatsanwaltschaft gegen einen weiteren Apotheker sowie gegen drei Pharmahändler, von denen der Apotheker die nicht verkehrsfähigen Medikamente teilweise bezogen haben soll.
Nach dem Bericht von NDR-Info war die Masche aufgeflogen, weil einem Pharma-Großhändler ein Krebs-Mittel aus dem Ausland zu auffällig günstigen Konditionen angeboten wurde. Bei der Überprüfung der Substanzen habe sich herausgestellt, dass das über die Schweiz und Dubai gelieferte Präparat wirkungslos gewesen sei. Der Pharma-Großhändler benachrichtigte daraufhin die Krankenkassen, die Nachforschungen anstellten.
Vertrauensverlust bei den Patienten
Allein die AOK Niedersachsen beziffert den Schaden nach Angaben von Sprecher Klaus Altmann auf über zwei Millionen Euro. Nach seinen Schätzungen könnte das Gesamt-Minus für alle Kassen im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen. Auch die Techniker Krankenkasse bestätigte dem NDR entsprechende Erkenntnisse. Die Ersatzkassen rechnen mit einer Schadenssumme von mindestens zehn Millionen Euro.
Viel schwerer als der finanzielle Aspekt wiege allerdings der Vertrauensverlust bei den Patienten, wurde TK-Sprecher Hermann Bärenfänger zitiert. Viele Krebserkrankte machten sich Sorgen, möglicherweise wirkungslose Medikamente bekommen zu haben.
Der Pharma-Experte Gerd Glaeske bezeichnete das Vorgehen der betroffenen Apotheker als kriminell. Wenn diese kriminelle Energie auch noch zu Lasten der Gesundheit einzelner Menschen gehe, die wirkungslose Medikamente erhalten hätten, sei das absolut inakzeptabel und müsse strafrechtlich verfolgt werden. Seiner Meinung nach handelt es sich bei dem Fall offenbar nur um die Spitze des Eisbergs. „Wir reden über ein Ausmaß, das wir wahrscheinlich gar nicht richtig benennen können“, so Glaeske. Nach seinen Angaben werden jährlich Zytostatika-Rezepturen im Wert von mehr als eine Milliarde Euro bei den Krankenkassen abgerechnet. Bundesweit haben etwa 300 Apotheken eine Zulassung für die Zytostatika-Zubereitung.