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Krankenhaus-Hygiene : Handgemacht und hausgemacht

Am besten aseptisch: Tausende lebensgefährliche Infektionen könnten vermieden werden, wenn sich Ärzte und Pfleger noch öfter die Hände waschen würden Bild: REUTERS

Sepsis ist die dritthäufigste Todesursache. Die oft mangelnde Hygiene im Krankenhaus liegt vielerorts am Zeitdruck, zu wenigen Desinfektionsspendern und der Ignoranz mancher Ärzte.

          Am Ende weiß der Patient nicht mehr, wann er geboren wurde. Das Fieber jagt ihn durch siedende Wahnwelten, dann reißt und rüttelt Eiseskälte am Körper, so dass das Krankenhausbett hin und her rollt. Plötzlich stürzt das Fieber jäh aus den Vierziger-Höhen der Temperaturkurve ab und lässt den Patienten schweißgebadet mit 36,9 zurück. Aber nur, um bald darauf den Körper wieder aufzuheizen für die nächste Höllenfahrt.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Fieber bei einer Sepsis-Erkrankung ist nur die verzweifelte Reaktion des Körpers auf den Bakterieneinfall. Denn wie blutrünstige Krieger überschwemmen die Bakterien über den Blutstrom schließlich den ganzen Körper. Wenn eine Infektion - zum Beispiel eine kleine Entzündung an der Einstichstelle eines Katheters - nicht mehr lokal begrenzt bleibt, wird die Entzündung zur Sepsis. Und die Gifte der Bakterien führen zu Infektionen in allen Organen. Alle werden sie kapitulieren müssen: zuerst oft die Nieren, dann folgen schnell Lunge, Leber, Herz und Darm.

          Der erste internationale „Welt-Sepsis-Tag“

          Wenn alle Antibiotika versagen, bleibt schließlich nur noch, den Patienten beim Sterben zuzuschauen: Der Körper wird grotesk aufgeschwemmt, weil sich in den Organen als Reaktion auf die giftigen Ausscheidungen der Bakterien Flüssigkeit ansammelt, bis diese Flüssigkeit in das Gewebe überquillt, weil die Blutgefäße sie nicht mehr halten können. Ein Organ nach dem anderen versagt den Dienst, innerhalb weniger Stunden tritt der Tod ein - multiples Organversagen.

          Papst Johannes Paul II., der Schauspieler Christopher Reeves, Fürst Rainier von Monaco und Rudolf Augstein starben an einer Sepsis, die Tochter des Hollywood-Stars Johnny Depp und der Popsänger George Michael überlebten eine schwere Sepsis nur knapp. Die Krankheit hat zwar Tausende Opfer, aber die haben kaum eine Lobby. Um das zu ändern, werden an diesem Donnerstag auf der ganzen Welt Ärzte, Pfleger und Betroffene anlässlich des ersten internationalen „Welt-Sepsis-Tages“ mit Veranstaltungen über die gefährliche Krankheit informieren. Denn sie betrifft Entwicklungsländer wie Industrienationen, alte und kranke, gesunde und junge Menschen.

          Hände waschen: Die wichtigste Hygieneregel

          Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr 400.000 bis 600.000 Patienten an Infektionen, die sie im Krankenhaus erworben haben - sogenannten nosokomialen Infektionen. Jährlich sterben bis zu 15.000 Menschen, weil sich die Infektion zu einer tödlichen Sepsis entwickelt, obwohl die Patienten vielleicht mit einer unspektakulären Diagnose ins Krankenhaus kamen: Lungenentzündung, Blinddarmentzündung, Hüftgelenksersatz. So ist Sepsis die dritthäufigste Todesursache in Deutschland.

          Meist sind es die mit Bakterien besiedelten Hände des Krankenhauspersonals, die während der Wundbehandlung oder beim Katheterlegen die Keime auf den Patienten übertragen. Doch auch über verunreinigte Beatmungsschläuche, Venen- oder Blasenkatheter oder während einer Operation gelangen die gefährlichen Keime in den Blutkreislauf. Die Folge sind Lungenentzündungen, Harnwegsinfektionen oder Abszesse an der Einstichstelle von Zugängen.

          Nicht alle nosokomialen Infektionen sind vermeidbar, doch etwa 1.500 bis 4.500 Menschen könnten noch leben, wenn eine Banalität, die einfachste Hygieneregel überhaupt, befolgt würde: sich die Hände zu desinfizieren. Die Gründe für die fehlende Desinfektion sind ebenso banal: Zeitmangel, Unwissenheit und Ignoranz.

          Die Spender sind oft ungünstig positioniert

          Es fängt schon damit an, dass die Spender für Desinfektionslösung oft zu weit weg hängen, draußen vor dem Patientenzimmer zum Beispiel. „Ärzte und Personal müssen sich vor und nach jedem Kontakt mit infektiösem Material die Hände desinfizieren“, sagt Frank M. Brunkhorst, Leiter des Forschungs- und Behandlungszentrums „Sepsis und Sepsisfolgen“ am Universitätsklinikum Jena. Studien zeigen, dass in der Mehrheit der Fälle (60 Prozent), in denen die Händedesinfektion dringend nötig gewesen wäre, die Hände eben nicht desinfiziert wurden.

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