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Samstag, 11. Februar 2012
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Korea und der Klonskandal Professor Hwang schlägt zurück

17.12.2005 ·  Der Skandal um mögliche Fälschungen des Klonpioniers Hwang Woo-suk ist nicht nur ein Wissenschaftsskandal. Ganz Korea ist ob der Fehlbarkeit seiner Ikone verunsichert. Hwang will sich allerdings nicht als Fälscher bezeichnen lassen.

Von Anne Schneppen
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Ein Land steht unter Schock. Fassungslos verfolgen die Südkoreaner das Drama, das sich zwischen Hörsaal und Medien, Regierungsbank und Labor zuspitzt. Wer sagt die Wahrheit? Wer kennt sie? Wer steht auf welcher Seite? Ein ungeheuerlicher Vorwurf ist erhoben worden, Behauptungen, die stark genug sein können, ein nationales Vorbild vom Podest zu stoßen, Zukunftsträume zunichte zu machen und die Aktien in den Keller zu treiben. Und das alles wegen einer Kontroverse, die für die meisten in ihren Einzelheiten kaum verständlich sein dürfte.

Am Abend noch hatte Roh Sung-il, einst ein wohlwollender und unterstützender Partner des Klonforschers Hwang, das Faß ins Rollen gebracht: Hwang Woo-suk habe ihm gegenüber Fälschungen in seiner Forschungsarbeit eingestanden. Von elf Stammzellenlinien, die Hwang gemeinsam mit 24 weiteren Autoren im Wissenschaftsmagazin "Science" dargelegt hatte, seien neun manipuliert, sagte Roh. Es könne gut sein, daß für die im Aufsatz beschriebenen Forschungen überhaupt keine embryonalen Stammzellen benutzt worden seien. Daß falsches Bildmaterial verwendet wurde, scheint indes klar.

„Fehlerhafte Abbildungen“

Am Freitag dann, die Nationaluniversität von Seoul hatte schon ihr Untersuchungsgremium vorgestellt, der Ministerpräsident eilig eine Krisensitzung einberufen, kehrte Südkoreas bekanntester Wissenschaftler in die öffentliche Arena zurück. In einem überfüllten Hörsaal brach das Blitzlichtgewitter über Hwang herein, der nach Wochen sein selbst auferlegtes Schweigen beendete. Doch dann versagten erst einmal die Mikrofone. Gut zehn Minuten blickte der Professor hilfesuchend in die Runde, mit bleichem Gesicht und angespannten Mundwinkeln. Das Versagen der Technik wirkte fast wie ein Komplott. Schließlich drang seine Stimme doch durch, aber die Botschaft war anders, als viele erwartet hatten: Hwang schritt zur Verteidigung, wies Fälschungsvorwürfe vehement zurück, erklärte fehlende Proben und stellte zumindest für einige Stammzellinien baldige Aufklärung in Aussicht. Sechs seien wegen Kontaminierung verloren, die anderen fünf eingefroren und könnten überprüft werden. "Ich kann klar sagen, daß wir patientenspezifische Stammzellen produziert haben und daß wir die Technologie besitzen, dies zu tun." Inhaltlich gebe es in dem "Science"-Artikel vom Frühjahr nichts zu korrigieren. Wegen "fehlerhafter Abbildungen" habe er im Einvernehmen mit den anderen Autoren darum gebeten, den Artikel zurückzuziehen.

Noch ist der Schaden für Professor Hwang nicht abzusehen, für Korea aber wiegt er schwer. Am Freitag morgen sprach ein Professor von Hwangs Universität von einem "Tag der nationalen Schande". Wenn die Vorwürfe wahr seien, werde die gesamte Nation "traumatisiert", fürchtete gar ein Abgeordneter der Regierungspartei, der eine Hwang-Sympathisantengruppe von rund 40 Parlamentariern anführt. Im Fernsehen kam eine Hausfrau zu Wort: "Wir sind auf Wolken gelaufen und abgestürzt." Auch wenn Hwang sich verteidigte, die Zweifel sind geschürt, und die Vorwürfe kommen jetzt nicht nur aus dem Ausland oder von einem gefährlich "investigativen" Fernsehsender, sondern aus den eigenen Reihen.

Folge von Übereifer und Ungeduld

Koreas jüngstes Drama entspringt zu einem großen Teil Übereifer und Ungeduld. Korea setzt nicht nur auf Genforschung und Biotechnologie, es setzte vor allem exklusiv auf Professor Hwang. In seiner Disziplin sieht man die Zukunft, neue Chancen und neue Industrien - deshalb wurde das Projekt Stammzellenforschung von staatlicher Hand so vorangetrieben wie die Entwicklung von Autos, Computerchips oder digitalem Mobilfernsehen. Hwang war Galionsfigur und Steuermann zugleich, er war der Garant, daß Korea auf diesem Gebiet führend ist, und als in diesem Jahr der Nobelpreis ausblieb, waren viele nicht nur insgeheim enttäuscht. Hwang repräsentierte Korea fast mehr als der Präsident und so, wie das Land gesehen werden möchte: innovativ, dynamisch führend, von allen respektiert. Zu Hwang konnte man sich, trotz der ethisch strittigen Materie, gemeinsam bekennen, den Stolz seiner Erfolge teilen, sich seiner selbst bestätigt fühlen. Er diente gewissermaßen als das lebendig gewordene Gütesiegel "Made in Korea". Der Staat stellte ihm zu seiner Sicherheit Leibwächter zur Seite. Wenn Hwang von seinem Institut in der Stadt zum Stall fuhr, wurde er mit Blaulicht am Stau der Autobahn vorbei eskortiert. Provinzgouverneure wetteiferten darum, Ableger seines Instituts zu beherbergen. Von der nationalen Regierung wurden ihm rund 20 Millionen Euro für seine Forschung zur Verfügung gestellt. Sie half kräftig bei der Gründung der ersten Stammzellenbank in Seoul, die in Anwesenheit des Präsidenten Roh Moo-hyun eröffnet wurde. Südkorea soll das Zentrum der weltweiten Stammzellenforschung werden. So hieß es noch im Oktober.

Der Durchbruch für den Veterinärmediziner kam Anfang 2004, als er eine Stammzellinie aus einem geklonten Embryo entwickelte. Im Frühjahr 2005 verkündete er, sein Labor habe geklonte Embryonen aus Hautzellen von Patienten gewonnen und aus ihnen elf neue Stammzellinien entwickelt, die zum Erbgut der Kranken paßten. Es folgte Klon-Hund Snuppy. Im Sommer begannen die Gerüchte zu brodeln, im Labor gehe nicht alles mit rechten Dingen zu. Im November dann das Geständnis: Zwei Mitarbeiterinnen hatten eigene Eizellen zur Verfügung gestellt, was ethisch umstritten ist. Die Vorwürfe führten in Südkorea zu überschwenglichen, patriotischen Sympathiebezeugungen. Tausende Frauen erklärten sich zur Eizellenspende bereit. Hwangs Kritiker wurden als Nestbeschmutzer verunglimpft. Derweil ließ sich Hwang als sterbenskranker Märtyrer im Hospitalbett fotografieren.

Schwer zu ertragen, daß er nicht unfehlbar ist

Die Hysterie für Hwang läßt sich wohl nur verstehen, wenn man seinen Aufstieg zur Ikone begleitet hat. Nun ist es schwer zu ertragen, daß er nicht unfehlbar ist. Vielleicht hat er sich nur gegen Neider durchzusetzen, vielleicht ist er seinem Ehrgeiz erlegen. Sein Kollege Roh, dessen Hospital die menschlichen Eizellen für Hwangs Versuche lieferte, behauptet, der Professor habe Fälschungen eingestanden. Hwang jedoch weist dies von sich. Einer von beiden lügt. Im vor Wochen noch heldenhaften Team der südkoreanischen Klonforschung herrschen Zwietracht, Mißgunst und Hilflosigkeit. Die Universität kündigte am Freitag an, mit einer Expertenkommission der Authentizität von Hwangs Arbeit auf den Grund gehen zu wollen. Dies sollen sieben Professoren der Seouler National-Universität und zwei externe Experten tun.

Klonforscher Hwang hat parteiübergreifend Fürsprecher. Nachdem er Verfehlungen in seinem Labor zugegeben und Besserung gelobt hatte, sprach sich Präsident Roh Moo-hyun persönlich für ein Ende des Streits aus. "Wir werden Professor Hwang weiterhin unterstützen und hoffen, daß er bald zu seiner Forschung zurückkehrt", hieß es noch am Montag aus dem Amtssitz des Präsidenten. Oppositionsführerin Park Geun-hye berief ebenfalls eine Pressekonferenz ein, um ihre anhaltende Unterstützung für Hwang kundzutun. Als die Fälschungsvorwürfe erhoben wurden, ordnete Ministerpräsident Lee Hae-chan eine Krisensitzung an, zu der der Minister für Wissenschaft und Technologie und der Gesundheitsminister zu erscheinen hatten. Diesmal sprang man Hwang nicht so schnell zur Seite: Eine Untersuchung sei notwendig. Die Regierung werde reagieren, wenn Ergebnisse vorlägen. Unterdessen wird schon signalisiert, daß Gentechnik und Stammzellenforschung in Korea weiter gefördert werden sollen. Mit oder ohne Hwang.

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