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Rauchverbot in Österreich? : Ciao, Tschick!

Rauch von gestern: Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel 1962 im Kaffeehaus in Wien Bild: Getty

Für Raucher ist Österreich eines der letzten Refugien. Hier muss man sich nicht unter Heizpilzen zusammendrängen, wenn man sich einen „Tschick“ anstecken will. Doch der Tod eines Journalisten hat eine neue Debatte über das Rauchverbot ausgelöst.

          Auf den ersten Blick erscheint es paradox, dass ausgerechnet der Tod eines Aktivisten der von ihm betriebenen Kampagne zum Durchbruch verhilft. Genau das aber zeichnet sich in Sachen Rauchverbot in Österreich ab. Dort hat der Tod eines Journalisten an Lungenkrebs eine Debatte über Nichtraucherschutz hervorgerufen, auf welche die Regierung in Wien binnen weniger als zwei Wochen mit einer Gesetzesankündigung reagiert hat.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Noch vor dem Sommer soll es einen Parlamentsbeschluss geben, der das Rauchen in der Gastronomie vollständig verbietet, hat die rot-schwarze Koalition in dieser Woche angekündigt. Damit würde ein Gesetz revidiert, das dieselbe Koalition erst vor fünf Jahren beschlossen hatte, und nach welchem Gastwirte teils teure Umbauten hatten vornehmen müssen.

          Grundsätzlich gilt schon jetzt für öffentliche Lokale ein Rauchverbot, aber es gibt Ausnahmen. Eine Beisl mit nur einem Gastraum von definierter Größe darf der Wirt als Raucherkneipe führen, und in größeren Lokalen darf ein klar begrenzter Raucherraum ausgewiesen werden. Die Lösung hat allerdings ein paar Schwachstellen. Ein Nichtraucher, der einen grenznahen Tisch erhält, wird vom Qualm nicht immer unbehelligt bleiben, denn auch wenn sich die Raucher an die Ausschilderung halten - der Rauch tut das nicht unbedingt.

          Die Vorschriften, wonach sicherzustellen sei, „dass der Tabakrauch nicht in den mit Rauchverbot belegten Bereich dringt und das Rauchverbot dadurch nicht umgangen wird“, sind schwer lupenrein zu verwirklichen. Die schönsten Glastüren helfen nicht, wenn die Kellner sie offenlassen, da sie wissen, dass sie gleich mit vollen Händen wieder hindurchgehen müssen. Und das Personal ist im Raucherbereich ohnehin dem Rauch ausgesetzt.

          Gesundheit : Raucherparadies Österreich

          Österreich: eines der letzten Raucher-Refugien

          Ein anderer Schwachpunkt wurde vor einem Jahr offenbar, als ein Gericht von einem Wirt einen Umbau verlangte, damit Nichtraucher nicht den Raucherbereich durchqueren müssen, um auf die Toilette zu gelangen. Das schreckte viele Gastronomen auf, die gerade erst Wände eingezogen hatten, die sie jetzt wieder anpassen oder ganz abreißen zu müssen fürchteten. Die Regierung löste das Problem mit einer weiteren Ausnahme im Tabakgesetz.

          Es wurde dadurch nicht eben konziser. Andererseits atmet eine solche legislative Unbestimmtheit eine gewisse Liberalität, die auch ihre Anziehungskraft hat. Für Menschen, die gern rauchen, ist Österreich eines der letzten Refugien. Hier muss man sich nicht draußen unter Schirmen oder Heizpilzen zusammendrängen, wenn man sich in der kühlen Jahreszeit während eines Kneipenabends einen „Tschick“ anstecken will: Es ist immer noch ein Land der Tschickisten.

          Jeder dritte Einwohner Österreichs gibt an, regelmäßig zu rauchen. Das ist im internationalen Vergleich viel. Frauen sind diesbezüglich mit 27 Prozent fast gleichauf mit den Männern, jedenfalls näher an der Männerquote als in anderen Bereichen (zum Beispiel im Nationalrat). Unter den jungen Leuten zwischen 15 und 29 hat Österreich laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sogar die meisten Raucher: 40 Prozent. Für diejenigen, die den Staat in der Pflicht sehen, die Menschen zu einem gesünderen Leben zu bewegen, und in Österreich sehen sehr viele den Staat für sehr vieles in der Pflicht, sind diese Zahlen Wasser auf die Mühlen.

          Die jetzige Debatte brandete auf, als zu Jahresbeginn der Tod von Kurt Kuch bekanntwurde, einem Redakteur der Wochenzeitschrift „News“. Im Alter von 42 Jahren war Kuch, der früher stark geraucht hatte, an Krebs gestorben. Er war bei vielen Kollegen nicht nur wegen seiner Enthüllungsgeschichten (etwa in Sachen Telekom oder Hypo Alpe Adria) geachtet, sondern auch beliebt, wovon fast staatsmännisch gehaltene Nachrufe zeugten. Bewegend war, wie offen und öffentlich er sich nach der Krebsdiagnose selbst angeklagt hatte („ich Trottel“), weil er infolge seines Lasters nicht mehr Ereignisse wie Abitur oder Hochzeit seiner Tochter werde erleben können. In den letzten Monaten seines Lebens verschrieb sich Kuch ganz einer Kampagne gegen das Rauchen, die nun gesetzliche Früchte tragen soll.

          Gastwirte sollen entschädigt werden

          Die Regierung sieht dabei allerdings nicht sehr gut aus. Sie muss sich entweder vorwerfen lassen, dass sie mit ihrem ersten gesetzlichen Anlauf 2009 Pfusch abgeliefert habe, oder dass sie jetzt überflüssig in Aktionismus verfalle; oder auch beides. Jedenfalls wird die Neuregelung für die Steuerzahler nicht kostenneutral bleiben, und damit sind nicht womöglich zurückgehende Tabaksteuereinnahmen gemeint. Denn die Gastwirte sollen für ihre Kosten aus dem Hin und Her entschädigt werden. Wie teuer das wird, soll der Finanzminister ausrechnen. Die Wirtschaftskammer Österreich hat schon gerechnet. Sie kam auf insgesamt 100 Millionen Euro.

          Da der Zug in Bewegung ist, wollen nun viele noch einen Waggon anhängen. Der Verkehrsverband VCÖ will das Rauchen auch in Privatautos verbieten lassen, wenn Kinder mitfahren. Und Familienministerin Sophie Karmasin wollte die Altersgrenze, unter der das Rauchen generell untersagt ist, von 16 auf 18 Jahre erhöhen. Die Resonanz bei ihren Kollegen, so eifrig sie ansonsten nun beim Nichtraucherschutz sind, blieb allerdings gedämpft, besonders beim Vorsitzenden der Österreichischen Volkspartei (auf deren Ticket die parteilose Ministerin im Kabinett sitzt).

          Vielleicht schwang die Befürchtung mit, die Wahlbevölkerung könne Rückschlüsse auf die Selbstachtung der Parlamentarier ziehen, die gerade erst Sechzehnjährige erstmals zur Wahl zugelassen hatten, wenn sie dieser Personengruppe zwar eine Entscheidung über die Zusammensetzung des Nationalrats zutrauten, nicht aber über ihr eigenes Konsumverhalten.

          Quelle: F.A.Z.

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