15.06.2011 · Seit 1981 haben sich 65 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert - knapp die Hälfte ist an Aids gestorben. Aids ist zu einer globalen Krankheit geworden, doch auf jedem Kontinent bietet sich ein anderes Bild.
Von Peter-Philipp SchmittAls vor 30 Jahren der erste Beitrag in einer Fachzeitschrift über eine merkwürdige Häufung von Lungenentzündungen erschien, die durch einen Pilz ausgelöst wurden, ahnte niemand, dass aus dem in Los Angeles beobachteten Phänomen eine globale Seuche werden würde. Die Verfasser wiesen in ihrem Text schon damals auf eine mögliche Verbindung zum „homosexuellen Lebensstil“ hin. Schnell war die Rede von der „Schwulenkrankheit“.
Der erste Name, der offiziell für sie verwendet wurde, lautete denn auch Grid – „Gay-related Immune Deficiency“. Erst im Sommer 1982 wurde aus dem Immundefekt, der mit dem Sexualverhalten der Patienten zu tun haben musste, das vermeintlich politisch korrektere Aids – „Acquired Immune Deficiency Syndrome“. Damit hoben seine Namensgeber hervor, dass man sich die Krankheit „holen“ konnte oder eben auch nicht. Aids war demnach also selbstverschuldet, eine Infektion, die erst durch die (auch homo-)sexuelle Freizügigkeit in den siebziger Jahren den Nährboden fand, der sie schließlich zur Pandemie werden ließ. Und das zunächst vor allem in von Homosexuellen frequentierten Badehäusern, was Aids schnell zur „Lustseuche“ werden ließ.
Dabei waren Homosexuelle längst nicht die einzig Betroffenen. Neben homosexuellen Männern erkrankten an dem noch unbekannten Virus besonders oft auch Heroinabhängige. Damit war Aids von Anfang an auch eine „politische Krankheit“, und sie ist es bis heute. Denn zumindest in den westlichen Gesellschaften ist sie überwiegend in jenen Gruppen verbreitet, die durch Gesetze oder Vorurteile ausgegrenzt wurden und werden.
Das führte zumindest anfangs dazu, dass mancher glaubte, diese „soziale Krankheit“ beträfe ihn nicht. Solange das Virus innerhalb bestimmter Kreise zirkuliere, erledige sich das Thema irgendwann von selbst. Dann breitete sich Aids in Afrika aus. Doch noch lange gingen die Regierungen der Industrienationen davon aus, dass die Aids-Epidemie in Afrika nicht zu behandeln sei: Zu schnell breite sich die Krankheit aus, zu teuer wäre eine Therapie für Millionen Infizierter. Erst im Jahr 2000 wurde auf der 13. Weltaidskonferenz im südafrikanischen Durban das „Menschenrecht auf medizinische Behandlung“ akzeptiert.
30 Millionen Menschen sind an Aids gestorben
Seit 1981 haben sich etwa 65 Millionen Menschen mit dem HI-Virus angesteckt. Knapp 30 Millionen sind bislang gestorben. Von den etwa 34 Millionen Infizierten haben annähernd 6,6 Millionen Zugang zu lebenserhaltenden Aids-Medikamenten. 15 Jahre hatte es gedauert, bis 1996 endlich erstmals eine wirksame Therapie zur Verfügung stand. Noch einmal 15 Jahre sollten vergehen, bis offiziell anerkannt wurde, dass HIV-Positive, die konsequent ihre Medikamente nehmen, nicht mehr infektiös sind, weil sie so gut wie keine Viren mehr übertragen. Würde man also bis 2020 alle HIV-Infizierten mit Medikamenten versorgen, ließen sich sieben Millionen Todesfälle und zwölf Millionen Neuansteckungen verhindern.
Aids ist eine globale Krankheit geworden, und doch bietet sich auf jedem Kontinent ein anderes Bild. In Europa infizieren sich noch immer vor allem Homosexuelle, in Nordamerika grassiert das Virus anteilmäßig am stärksten unter Schwarzen, in Asien – besonders im ehemaligen sowjetischen Einflussgebiet – sind intravenöse Rauschgiftgebraucher und Prostituierte besonders betroffen, in Afrika überwiegend Frauen und Kinder. Während Aids in den Industrienationen inzwischen als chronische Krankheit gilt und die Zahl der Neuinfektionen sich auf einem wenn auch teilweise hohen Niveau eingependelt hat, ist Aids in den meisten Regionen Welt nach wie vor eine kaum zu kontrollierende, tödliche Krankheit.
Der Kampf gegen die Krankheit wurde zum Kampf für die Gleichstellung
Eine HIV-Infektion lässt sich vermeiden. Schon 1982 wurden die ersten Broschüren und Empfehlungen über „safer sex“ veröffentlicht. Zugleich wurde zum Kampf gegen Promiskuität aufgerufen. Geschrieben wurden die Broschüren von Homosexuellen in San Francisco. Sie waren es auch, die jene Selbsthilfegruppen gründeten, aus denen bald überall einflussreiche politische Bündnisse erwuchsen. Denn Aids war noch lange ein Synonym für Stigmatisierung und Diskriminierung. Der Kampf gegen die Krankheit wurde so auch zu einem Kampf für die Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen.
Zwar werden Homosexuelle weiterhin in einem Drittel der Staaten auf der Welt verfolgt oder mit dem Tode bedroht. In den Ländern aber, in denen Schwule von Anfang an besonders von Aids betroffen waren, sind sie inzwischen fast gleichberechtigt. Dabei war Homosexualität bis 1990 noch im Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation aufgeführt und galt somit als „Krankheit“.
Einen ähnlichen Sinneswandel könnte es in der Rauschgiftpolitik geben. Auf der 18. Weltaidskonferenz in Wien im vergangenen Jahr stand die HIV-Epidemie in Osteuropa und damit Rauschgiftgebrauch als Hauptinfektionsweg im Mittelpunkt. Mehrere Delegierte, darunter einige ehemalige Staatspräsidenten aus Südamerika, sprachen sich für eine Entkriminalisierung von Abhängigen aus warben für Opiat-Substitutionstherapien und Nadeltausch-Programme. Damit allein könnten jedes Jahr zehntausende HIV-Infektionen vermieden werden.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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