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Kinderarmut Deutschlands Hungerleider

31.01.2007 ·  Die Kinderarmut in Deutschland steigt: Viele Schüler können sich zu Hause nicht einmal mehr jeden Tag satt essen. Die Suppenküche ist oft die einzige Zuflucht. Mit viel Engagement versuchen dort ehrenamtliche Helfer, den Kindern ein Familienersatz zu sein.

Von Katrin Hummel
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Ein lichtdurchfluteter Raum, sechs reichgedeckte Tische mit gelben Wachstischdecken. „Soll ich öffnen?“, ruft eine der Mitarbeiterinnen nach hinten, in die Küche. „Ja“, ruft es zurück. Sie schließt die Tür auf, über eine kleine Treppe drängen zwei Kinder in den Raum. Sie stürzen sich, die Jacken noch an, auf den erstbesten Tisch und stopfen sich jeder eine der Brötchenhälften mit Schokoaufstrich in den Mund, die dort bereit liegen. Sie essen im Stehen, gucken nicht links und nicht rechts. Erst nach einigen Minuten gierigen Kauens sind sie ansprechbar. Freimütig erzählt der sechs Jahre alte Nick (alle Kindernamen von der Redaktion geändert), dass er heute bis auf die Brötchenhälfte noch nichts gegessen hat, „nur getrunken, Cola“. Seine siebenjährige Schwester sagt, sie habe in der Schule gefrühstückt.

Nicht erst seit in Deutschland von immer neuen Fällen vernachlässigter Kinder berichtet wird, kümmert sich Inge Rehbein um Mädchen und Jungen, die zu Hause oft nicht einmal genug zu essen bekommen. Bereits vor zwei Jahren hat die gelernte Familienpflegerin darum in den Räumen der evangelischen Kirche in Gütersloh eine Kindersuppenküche mit angrenzenden Spielzimmern eröffnet. Seitdem kommen jeden Freitag zwischen 13 und 15 Uhr etwa 30 bis 40 Kinder zum Mittagessen, zum Teil mit ihren Eltern. Doch die etwa 60 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Suppenküche wollen den Kindern noch mehr bieten als eine warme Mahlzeit - sie wollen ihnen Werte wie Respekt und Toleranz vermitteln.

„Hier essen unsere Gäste von morgen“

„Als wir hier angefangen haben, haben wir das Gefühl gehabt, so, wie manche Kinder sich äußern, gucken sie zu Hause den ganzen Tag Pornofilme und sind gewaltbereit“, sagt Inge Rehbein. Inzwischen habe sich das geändert: „Wir sind an sie rangekommen.“ Wärme und Verlässlichkeit bieten die Mitarbeiterinnen den Kindern, sie stärken sie und vertrauen ihnen, sie nehmen sie an und ernst. Dennoch sieht Inge Rehbein die Situation realistisch: „Der größte Teil der Kinder wird es trotzdem nicht schaffen. Hier essen unsere erwachsenen Gäste von morgen.“

Nach und nach füllt sich die Suppenküche, die Kinder stehen an für Käsesuppe, Rosenkohl, Kartoffeln, Putenrollbraten, Milchreis und Apfelmus. Die zehn Jahre alte Ricarda, ein hübsches dunkelhaariges Mädchen mit langen, dünnen Beinen, antwortet auf die Frage, was ihr hier am besten gefalle: „Hier kann ich viel essen.“

Auf Nachfrage berichtet sie, zu Hause gebe es nicht immer etwas zu essen, vor allem abends nicht. Dann gingen sie und ihre drei Geschwister „einfach so“ schlafen. Sie räumt ein, dass ihr Magen dann knurre und sie deswegen manchmal nicht einschlafen könne. „Dann kneife ich die Augen ganz fest zu“ - sie macht es vor -, „dann tun die weh, und dann klappt das Schlafen manchmal.“ Wenn nicht, bleibe sie wach. Und am nächsten Morgen? „Manchmal nehmen wir hier Brot mit und lassen das für morgens in der Schule. Wenn ich kein Brot habe, gibt mir meine Freundin manchmal was ab.“

„Geld ist schon am Ersten des Monats fast auf null“

Für einige Familien, deren Kinder hierherkämen, sei das mitgenommene Essen aus der Suppenküche das einzige, was sie am Abend hätten, sagt Inge Rehbein, die ihre Gäste auch manchmal zu Hause besucht. Von fast allen kennt sie die Lebensgeschichte, fast allen haben sie oder ihre Mitarbeiterinnen auch schon einmal geholfen, wenn es um andere Dinge als das Essen ging. „Wenn man am Tisch sitzt und zusammen isst, erzählen die Menschen, was sie bewegt.“ Deswegen haben sich die zwölf Mitarbeiterinnen, die an diesem Freitag im Dienst sind, auf die verschiedenen Tische verteilt und sprechen die Mütter und Väter der Kinder während des gemeinsamen Essens direkt an.

Ein alleinerziehender Vater sitzt mit einer alleinerziehenden Mutter ganz in der Ecke an einem Tisch, ihre Kinder spielen draußen. Der Mann, der einen Ein-Euro-Job als Hausmeister hat, lebt mit seinen beiden drei und acht Jahre alten Söhnen von 599 Euro im Monat, die sich nach seinen Angaben aus Unterhaltsvorschuss, Kindergeld und dem Lohn für den Ein-Euro-Job zusammensetzen. Wie genau, weiß er nicht. „Ich weiß nur, dass ich, auch wenn wir hier jede Woche essen, am Ende des Monats nicht mehr Geld habe als am Anfang. Weil das Geld schon am Ersten des Monats fast auf null ist.“

Eine andere alleinerziehende Mutter berichtet, während einer Zeit der Arbeitslosigkeit sei bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden, inzwischen lebten sie und ihre Tochter von Einkaufsgutscheinen, alle zehn Tage einer im Wert von 40 Euro für Lebensmittel und Hygieneartikel. „Mein Antrag auf Hartz IV wird seit Monaten geprüft, ich habe seit drei Monaten keine Miete mehr gezahlt.“

„Für viele sind wir die Familie“

Die Mehrzahl der anwesenden Kinder habe Eltern, die nicht in der Lage seien, einfachste Alltagssituationen zu bewältigen, sagt Inge Rehbein. Bei einer Familie liege der Müll zu Hause einen halben Meter hoch in der Wohnung, bis vor kurzem habe sie keinen Herd besessen. Bei einer anderen Mutter sei alles so verwüstet, dass man nur auf einem schmalen Gang durchs Wohnzimmer gehen könne. Doch diese zum Teil alkoholkranken, depressiven oder suchtabhängigen Menschen ließen sie ohne Scheu in ihre Wohnung - das zeige, wie sehr sie sich von ihr angenommen fühlten. „Eine Frau ist mal direkt nach der Entbindung aus dem Krankenhaus hierhergekommen“, erzählt sie, „für viele sind wir die Familie.“

Aus diesem Grunde organisiert die Suppenküche, die an anderen Wochentagen auch für Erwachsene geöffnet ist, auch die Beerdigungen ihrer Gäste. Einen ganzen Ordner hat Inge Rehbein schon gefüllt mit selbstgeschriebenen Grabreden und Fotos der Verstorbenen. Mit allen verfügbaren Autos fahren die Mitarbeiterinnen und Gäste zu den Beisetzungen, danach findet ein würdiger Abschluss bei selbstgebackenem Kuchen in der Suppenküche statt. „Nur ein einziges Mal waren neben uns auch echte Familienangehörige am Grab.“

Inzwischen sind die meisten Kinder satt, sie haben so viel gegessen, dass die Mitarbeiterinnen in der Küche „nachkochen“ mussten - Nudeln mit Tomatensoße. In den Spielzimmern und am Kicker ist es inzwischen voller als im Essensraum. Die Kinder können mit Puppen spielen, Ketten aufziehen, malen, toben oder sich etwas vorlesen lassen und sich dabei ankuscheln. „Ich freu' mich schon beim Aufstehen darauf, ich denke dann, heute kann ich spielen, rumtoben, essen und basteln“, sagt Ricarda. Zu Hause hätten sie und ihre sieben, neun und zwölf Jahre alten Geschwister nur Murmeln und Puppen, „und die Spiele, die wir an Weihnachten in der Suppenküche gekriegt haben“. Sonst nichts.

„Helfen aus Mitleid passiert bei uns nicht“

Ricardas Mutter, eine kräftige junge Frau mit einem silbernen Eckzahn, ist inzwischen gegangen. Wie also kommt Ricarda nachher nach Hause? Sie zuckt mit den Schultern. „Wir erleben das immer wieder, diese Beziehungsunfähigkeiten zwischen Eltern und Kindern“, sagt Inge Rehbein. „Da nimmt sich die Mutter einen Teller und isst und guckt nicht, ob ihr Kind was hat.“ Die Mitarbeiterinnen gingen dann mit dem Kind zu dem Tisch, an dem die Mutter esse, und sorgten dafür, dass die beiden gemeinsam äßen. „Aber mit ganz viel Fingerspitzengefühl, damit die Eltern nicht dastehen wie die Idioten.“

Zahlreiche Schulungen haben die Mitarbeiterinnen inzwischen absolviert, sie gehen liebevoll, aber professionell mit ihren Gästen um. „Helfen aus Mitleid passiert bei uns nicht“, sagt Inge Rehbein. „Wir haben feste Regeln und auch eine Abgrenzung für uns, wir wollen nämlich nächste Woche die gleiche Leistung wieder bringen.“

Bevor die Suppenküche schließt, dürfen alle Kinder abgepacktes Essen und Kleidung einstecken. Ricarda langt kräftig zu. Was gibt es bei ihr zu Hause zu essen, wenn nicht gerade Freitag ist? „Wenn ich aus der Schule komme, kommen zwei Frauen und bringen was, oder meine Mutter geht zur Tafel und bringt was mit.“

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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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