25.09.2006 · Erstmals hat das Robert-Koch-Institut mit einer Studie umfassende Erkenntnisse über die Gesundheit der Kinder in Deutschland gewonnen. Auch hier verstärkt Armut die Probleme: Die Kinder sind häufiger übergewichtig und bewegen sich weniger.
In Deutschland leidet fast jedes dritte Mädchen in der Pubertät unter Eßstörungen. Dies ist ein Ergebnis einer am Montag veröffentlichten neuartigen Großstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Sie belegt auch, daß nicht nur Übergewicht, sondern auch Allergien und Bewegungsstörungen den Jungen und Mädchen zunehmend zu schaffen machen. Wer in einer armen oder Migranten-Familie aufwächst, muß mit weit größeren Gesundheitsrisiken leben als Kinder aus wohlhabendem Elternhaus.
Die Untersuchung unter dem Kürzel Kiggs mit 17.600 Teilnehmern bis 17 Jahren liefere erstmals ein umfassendes Bild der Gesundheit der Heranwachsenden in Deutschland, erklärte Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth vom Robert-Koch-Institut. Damit würden Ansatzpunkte sichtbar, wo man einschreiten und besser vorbeugen sollte. Gesundheits-Staatssekretärin Marion Caspers-Merk sagte zu, die neuen Informationen zu berücksichtigen.
Mit Eßstörungen und Krankheiten wie Magersucht, Eß-Brech-Sucht oder auch Fettsucht fielen bei den Elf- bis Siebzehnjährigen im Mittel 21,9 Prozent auf. Bei Jungen sind es 15,2 Prozent, bei Mädchen hingegen 28,9 Prozent. Im Alter von 17 Jahren leiden sogar 30,1 Prozent der Mädchen unter Eßstörungen. Der Anteil von Auffälligkeiten ist bei Jugendlichen „mit niedrigem sozioökonomischem Status“ mit 27,6 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Altersgenossen aus der „oberen Sozialschicht“ (15,5 Prozent).
Die besonderen Probleme, mit denen Kinder aus armen Familien kämpfen, werden auch bei den Zahlen zum Übergewicht und zur Bewegung sichtbar. So sind insgesamt 15 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Für „Kinder aus sozial benachteiligten Schichten“ und aus Zuwandererfamilien sei der Anteil aber höher, heißt es in der Studie.
Weniger Allergien in armen Familien
Kindern von Zuwanderern und von Eltern mit wenig Geld mangelt es auch häufiger an Bewegung. Die Häufigkeit von regelmäßigem Sport liegt den Zahlen zufolge um den Faktor zwei bis drei niedriger als beim Durchschnitt. Insgesamt ergab die Großstudie, daß acht von zehn Kindern bis zehn Jahre fast täglich im Freien spielen. Jedes zweite treibt mindestens einmal in der Woche Sport. Bei den Elf- bis Siebzehnjährigen geben 84 Prozent an, sie kämen mindestens einmal die Woche ins Schwitzen und außer Atem. Trotzdem sind Bewegungsstörungen häufig. So schaffen 43 Prozent der Kinder keine normale Rumpfbeuge bis zur Fußsohle. Mehr als ein Drittel kann nicht rückwärts balancieren.
Deutlich seltener als Oberschichtkinder fallen Kinder aus armen Familien wegen Allergien auf. Wurde in der „Unterschicht“ in der Studie ein Anteil von 13,6 Prozent ermittelt, so waren es in der „Mittelschicht“ 17,8 Prozent und in der „Oberschicht“ 18,9 Prozent. Die Belastung durch Umweltgifte wie Blei oder Quecksilber hat seit einer ersten Umweltstudie aus dem Jahr 1992 deutlich abgenommen. Ausnahme ist die Gefahr durch Passivrauchen: Jedes zweite Kind lebt zusammen mit mindestens einem Raucher. Entsprechende Rückstände im Urin weisen den Angaben zufolge sogar auf eine wachsende Belastung durch Zigarettenrauch hin.
Für die Studie waren bei Kindern unter elf Jahren die Eltern befragt worden, bei den Jugendlichen darüber die Kinder.