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Kinder, die an Nägeln kauen : Die Finger hat man eben immer dabei

Eine weitverbreitete Angewohnheit: Je nach Untersuchung kauen zwischen 28 und 45 Prozent der Kinder an ihren Nägeln Bild: Corbis/ableimages

Etwa jedes dritte Kind kaut an seinen Nägeln. Als Ursache wurden früher schwere psychische Komplexe ausgemacht. Heute raten Experten zur Gelassenheit. Nur in extremen Fällen ist psychologische Hilfe notwendig.

          Manchmal, wenn sie abends an seinem Bett sitzt und die Haut rund um seine Fingernägel eincremt, fühlt sie sich wie eine Versagerin. Sie fragt sich dann: Was mache ich falsch, was machen wir als Eltern falsch? Was geht in diesem Kind vor, und warum können wir ihm nicht helfen?

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gesine W. ist Mitte Vierzig, Lehrerin und Mutter des zehnjährigen Leon, der seit zwei Jahren an seinen Fingernägeln kaut. Drei bis vier Nagelmillimeter fehlen an allen zehn Fingern. Sie findet, dass es schrecklich aussieht, krank. Sie hat überlegt, woran es Leon mangelt, ob sie ihm noch mehr Sicherheit geben könne, noch mehr Ruhe und Liebe. „Aber das hat er eigentlich alles“, sagt sie, während sie am Küchentisch in einem hübsch restaurierten Fachwerkhaus sitzt und hinaus auf den Bauerngarten schaut. „Ich möchte ihm helfen und kann es nicht.“

          Eine Krankheit ist es meist nicht

          Sie war mit ihm schon bei der Hausärztin, bei der Homöopathin - ohne dass er aufgehört hätte. Leon knabbert beim Fernsehen, beim Nachdenken, beim Spielen und auf dem Fußballplatz. Sie hat sich das Hirn zermartert, was ihn belasten könne. „Vielleicht setzt er sich selbst zu sehr unter Leistungsdruck. Er hat manchmal so einen Hang zum Perfektionismus. Vielleicht leidet er darunter, dass er der Zweitkleinste in seiner Klasse ist? Aber deshalb Nägel kauen, ist das nicht unverhältnismäßig?“ Gesine W. ist ratlos.

          „Nägelkauen ruft bei den Eltern meistens einen größeren Leidensdruck hervor als bei den Kindern“, sagt die Psychologin Antje Hunger aus dem münsterländischen Lünen. „Dabei bessert es sich manchmal von selbst wieder. Man sollte nicht sofort mit Kanonen auf Spatzen schießen, bei den meisten Kindern ist es nur eine harmlose Angewohnheit.“ Und zwar eine weit verbreitete: Je nach Untersuchung kauen zwischen 28 und 45 Prozent der Kinder an ihren Nägeln.

          Eine Krankheit ist es meist nicht, mag es die Eltern noch so sehr belasten. Solange sich das Kind durch das Nägelkauen nicht verletzt - solange also die Finger nicht blutig oder entzündet sind -, sollte man nach einhelliger Meinung der Psychologen erst einmal ein paar Monate lang abwarten, ob es von selbst wieder aufhört. Erst wenn ein Kind (oder ein Erwachsener) tatsächlich darunter leidet, zählt man Nägelkauen zu den Impulskontrollstörungen; also zu psychischen Störungen, die dazu führen, dass Betroffene Dinge immer wieder tun, obwohl sie zu ihrem eigenen Schaden sind.

          „Eine Alternative zum Nägelschneiden“

          Was also tun, wenn das Kind immer weitermacht? „Irgendwann wird Aufhören schwer, weil Nägelkauen schnell automatisiert wird“, sagt Jürgen Hoyer, Professor für Psychologie an der TU Dresden. „Man merkt bald nicht mehr, wenn man es tut, und die Finger hat man eben immer dabei.“ Bitterextrakt zum Auftragen auf die Finger könnte theoretisch eine Option sein, bleibt aber wirkungslos, wenn er nicht ganz zu Beginn angewendet wird, noch bevor das Verhalten automatisiert ist. Auch Bestrafungen helfen nichts, und ein gutgemeintes „Reiß dich zusammen“ verpufft: „Entweder, das Kind kann nicht aufhören und verzweifelt, dann leiden Eltern und Kind. Oder es macht heimlich weiter.“

          Wirkungsvoller sei es da schon, dem Kind zunächst ein leicht zu erreichendes Ziel zu setzen und erste Erfolge gebührend zu feiern. Wenn ein Nagel auch nur einen Millimeter gewachsen sei, solle es stolz auf sich sein. Vor allem die Zwischenschritte seien wichtig: Das „Hör auf“ müsse durch ein „Verzichte einfach manchmal darauf“ ersetzt und ein großes Problem in kleine Schritte zerlegt werden, so der Professor. Wenn das auch nichts bringe, sei der Gang zum Psychologen eine gute Option. Doch manchmal sei gerade bei Kindern Nichtstun eine Möglichkeit: „In der Pubertät gibt es eine gute Chance, dass sich die Dinge ändern, weil das Nägelkauen dann als peinlich erlebt wird. Oft setzt ein zarter Hinweis von Gleichaltrigen gute Impulse“, sagt Hoyer.

          Abwarten, das ist der Weg, den die Mutter des dreizehn Jahre alten Lasse geht. Lasse ist der mittlere von drei Brüdern, die Eltern haben eine schlimme Scheidung hinter sich, aber die Mutter ist trotzdem ganz gelassen: „Ich kann es nicht besonders schlimm finden, weil er es immer nur dann tut, wenn ich es nicht sehe“, sagt die Chemikerin. Es sei für ihn eine Alternative zum Nägelschneiden, er behaupte, er komme mit der Schere nicht zurecht. „Er bohrte früher auch immer in der Nase. Da kann man nichts machen“, sagt die Mutter. „Ich fände es schlimmer, wenn er krumm sitzen würde.“

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