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Kommentar : Die Fehler im Kampf gegen Ebola

Liberianische Frauen feiern in der Hauptstadt Monrovia, nachdem die Weltgesundheitsorganisation das Land für Ebola-frei erklärt hat. Bild: dpa

Die Weltgemeinschaft hat im Kampf gegen Ebola ein schlechtes Bild abgegeben. Die Seuche hat in Westafrika drei nahezu ruinierte Länder hinterlassen. Und: Ebola ist längst nicht besiegt.

          Liberia ist Ebola-frei. Das ist eine gute Nachricht der Weltgesundheitsorganisation (WHO), selbst wenn darin nicht viel Gehalt steckt: Sie besagt nur, dass in dem westafrikanischen Land seit sieben Wochen kein infizierter Patient mehr gefunden wurde, der nachweislich an dem gefährlichen Virus gestorben ist. Das ist schon ein Erfolg, auch wenn Liberia natürlich nicht Ebola-frei ist - genauso wenig, wie es Sierra Leone und Guinea, die es ebenfalls massiv getroffen hat, sein werden. Die beiden Nachbarländer stehen nach WHO-Angaben ebenfalls kurz davor, die Neuinfektionen in den Griff zu bekommen. Offiziell fände dann die schlimmste Ebola-Epidemie, die es je gab, mit mehr als 26.000 Erkrankten und rund 11.000 Toten zwar ihr Ende. Der Ebola-Erreger aber hat sich südlich der Sahara schon lange fest eingenistet.

          Das Virus überdauert unerkannt in Tieren wie in Menschen. Das Risiko eines abermaligen Ausbruchs ist groß, wie der Fall des Amerikaners Ian Crozier zeigt. Der 44 Jahre alte Arzt hatte sich vergangenen September als Helfer in Sierra Leone infiziert. Crozier wurde in seine Heimat ausgeflogen, er überlebte das hämorrhagische Fieber in einer Spezialklinik in Atlanta und galt seither als geheilt. Monate später klagte er plötzlich über massive Beschwerden seines linken Auges. Wie sich herausstellte, hatte das Virus im Auge nur geschlummert und war wieder aktiv geworden.

          Krankheit hat drei Länder nahezu ruiniert

          Infektionskrankheiten sind hartnäckig und unberechenbar. Das einzige wirksame Mittel gegen den nächsten und zurzeit leider unvermeidlichen Ebola-Ausbruch ist eine Schutzimpfung. Nur so ließe sich dem Virus beikommen, könnten die Reservoire auf Dauer bekämpft und ausgerottet werden. Gleich mehrere Wirkstoffe werden zurzeit in Westafrika, aber auch in Deutschland, in der Schweiz und den Vereinigten Staaten getestet. Dass die Epidemie nun abklingt, ist für die Wissenschaftler dabei nur bedingt eine gute Nachricht. Erst dank der großen Zahl an Versuchspersonen konnten überhaupt mehrere vielversprechende Impfstoffkandidaten und Virostatika getestet werden. In Westafrika musste bereits eine Studie aus Mangel an Patienten abgebrochen werden. Trotzdem könnte es noch in diesem Jahr erste Ergebnisse geben.

          Der gesundheitliche Schaden, den Ebola hinterlassen hat, ist aber wesentlich größer und verheerender, als es die WHO-Statistik zu den Infektions- und Todeszahlen erahnen lässt. Die Krankheit hat drei Länder nahezu ruiniert. Von funktionierenden Gesundheitssystemen konnte schon vor dem Ausbruch vor gut einem Jahr in Sierra Leone, Liberia und Guinea keine Rede sein; nicht einmal die Grundversorgung war vorhanden. Es steht zu befürchten, dass es während der Krise Zehntausende zusätzliche Todesfälle gab, weil Patienten nicht ausreichend oder gar nicht behandelt werden konnten.

          An Malaria, Tuberkulose und HIV allein dürften noch einmal elftausend Menschen gestorben sein, weil sie keine Medikamente bekommen hatten. Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren ist in den vergangenen zwölf Monaten genauso stark gestiegen wie die von werdenden Müttern, die bei Komplikationen während der Geburt starben, weil sie aus Angst vor Ebola keinen Arzt aufsuchten und lieber zu Hause blieben. In einigen Gebieten Westafrikas sollen Krankenstationen monatelang gemieden worden sein, so dass sie nun erst wieder mühevoll aufgebaut und instand gesetzt werden müssen.

          Zu spät und zu schwach reagiert

          Viele Kinder gingen nicht zur Schule, viele Studenten nicht in die Universitäten, große Teile der Bevölkerung nicht zur Arbeit. Das öffentliche Leben kam zeitweilig fast völlig zum Erliegen. Um fünf bis zehn Jahre sind die drei sowieso schon armen Länder wirtschaftlich zurückgeworfen worden. Auf absehbare Zeit werden sie am Tropf hängen. Auch die Bundesregierung hat das erkannt und im April ein Sonderprogramm von zweihundert Millionen Euro für den Aufbau der Gesundheitssysteme aufgelegt. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) hat Ebola zudem auf die Agenda des G-7-Treffens im Juni gesetzt. Dann will sie über Versäumnisse reden und daraus Lehren für die Zukunft ziehen.

          Die Fehler liegen allerdings auf der Hand und sind bereits benannt. Sie werden bei fast jeder Katastrophe aufs Neue begangen. Auch die Schuldigen sind ausgemacht: Die WHO selbst geißelt sich seit einigen Wochen und gibt zu, auf diese Krise zu langsam, zu spät und zu schwach reagiert zu haben. Bereits im März vergangenen Jahres hatten Ärzte vor dem Ausbruch einer Epidemie gewarnt, im August, nachdem schon tausend Menschen gestorben waren und die Seuche außer Kontrolle geraten war, erklärte die WHO Ebola zu einem internationalen Gesundheitsnotfall. Im September gab es endlich auch erste Hilfszusagen aus Berlin; die Bundesregierung ernannte sogar einen Sonderbeauftragten.

          Das Perfide an diesem Notfall ist, dass die Weltgemeinschaft wieder einmal den Eindruck vermittelte, sie sehe der Katastrophe so lange wie möglich tatenlos zu. Als es nicht mehr anders ging und der moralische Druck zu groß wurde, war sie schließlich bereit, Verantwortung zu übernehmen. Dieser Moment, so sieht es zumindest für die Menschen in Afrika aus, war erst erreicht, als sich auch Bürger aus Amerika und Europa mit Ebola infizierten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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          Quelle: F.A.Z.

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