Auf der Bühne: die drei Tenöre. Die jungen Männer singen gar nicht schlecht – und schwitzen schrecklich in ihren schwarzen Sakkos. Der Applaus in dem Zelt mit seinen zehn Reihen billiger blauer Plastikstühle will gar nicht enden. Die Sänger verbeugen sich wieder und wieder. Danach tritt die „Conscious Marimba Band“ mit ihren Xylophons und Trommeln auf. Und wieder klatscht und johlt das Publikum begeistert mit. Zwischendurch wird an diesem Nachmittag noch ein selbstgeschriebenes Gedicht mit dem Titel „Believe!“ („Glaube!“) vorgetragen, und auch Nombini Mnqika erhebt stolz ihre Stimme: „Ich bin stärker als das Virus“, ruft sie ins Mikrofon. Und: „Wenn ich sterbe, stirbt auch das Virus.“ Bei jedem ihrer Sätze jubeln die Jungen und Mädchen auf. Den größten Beifall aber bekommt die Theatergruppe, die Alltägliches aus dem Township Khayelitsha bei Kapstadt zum Besten gibt. Die Hauptpersonen: ein in Kunstpelz gehüllter Zuhälter, drei gierige junge Mädchen, ein älterer Herr mit Gehstock, eine verängstigte Frau mit Perlenkette, ein betrunkener Vater, der seine Tochter verprügelt, weil sie sich mit HIV infiziert hat.
Das Thema im Zelt an diesem heißen Tag lautet: „Ich bin verantwortlich, wir sind verantwortlich, Südafrika stellt sich seiner Verantwortung“. Ganz ernsthaft wurde am Anfang des Nachmittags über die schlimmste Katastrophe der noch jungen Nation seit der Apartheid gesprochen. An der Tafel stehen noch einige Antworten zu der Frage: „What is HIV?“ Die Jugendlichen, die sich hier nach der Schule zu einem weiteren Unterricht versammelt haben, wissen genau, was HIV ist – und trotzdem haben sie es noch einmal an die Tafel geschrieben: „Krankheit“, „Virus“, „Virus, das mein Immunsystem angreift“, „Tod“ steht dort zu lesen. Was HIV für einen Menschen bedeuten kann, wird dann auch noch auf unterhaltsame Weise vorgespielt: wie das junge Mädchen, das sich für Sex verkauft und mit dem Virus infiziert, von Freundinnen, Familie und Township verstoßen wird; oder wie der junge Mann, der sich im Suff auf ungeschützten Verkehr einlässt, später jämmerlich zu Grunde geht.
Gemüse und Olivenöl gegen Aids
Im Südafrika des Jahres 2010 wirken die Stücke fast ein wenig überholt: Denn viele im Zelt haben sich schon mit dem HI-Virus angesteckt, und sie leben noch, sitzen im Kreise ihrer Freunde und stellen sich – wie Nombini Mnqika – mutig sogar auf der Bühne ihrer Krankheit. Das Land am Kap ist auf dem Sprung, und das nicht nur, weil in genau drei Monaten die Fußballweltmeisterschaft erstmals in Südafrika und damit in Afrika überhaupt stattfindet. Nach vielen verlorenen Jahren stellt sich die Regierung in Pretoria endlich ihrer Verantwortung und hat inzwischen das größte Aids-Programm der Welt auf den Weg gebracht. Inzwischen bekommen fast eine halbe Millionen Menschen die Medikamente, die ihnen so lange vorenthalten wurden; nach Angaben des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria benötigten aber mindestens 1,7 Millionen Patienten eine Therapie. Insgesamt sind fast sechs der knapp 48 Millionen Südafrikaner mit HIV infiziert, also jeder achte im Land.
Keine andere Nation ist so massiv von Aids getroffen wie Südafrika: Vor allem schuld daran ist die Politik der Aids-Leugner um den ehemaligen Staatspräsidenten Thabo Mbeki und seine im Dezember 2009 gestorbene Gesundheitsministerin Tshabalala Msimang. Sie wurde „Doktor Rote Beete“ genannt, da sie Gemüse und Olivenöl statt Medikamenten gegen Aids propagierte. Eine aktuelle Studie der Harvard School of Public Health kommt zu dem Ergebnis, dass Mbekis Regierung in den Jahren 2000 bis 2005 den Tod von mindestens 330 000 Südafrikanern zu verantworten hat, die vorzeitig an Aids starben, weil sie nicht behandelt wurden. Allein etwa 30 000 Kinder, so die Harvard-Forscher, hätten sich in der Zeit mit dem HI-Virus infiziert, obwohl es längst Möglichkeiten gab, eine Übertragung von einer Mutter auf ihr Kind mit Medikamenten zu verhindern.
Die Zahl der Neuinfektionen sinkt
Mit der rigiden Politik einher gingen Stigmatisierung und Diskriminierung. Die Krankheit, obwohl sie fast jede Familie im Land betraf, wurde verteufelt, Infizierte ausgegrenzt. Selbst Todkranke wollten sich nicht auf das Virus testen lassen. Nun aber, rechtzeitig zur WM, steht das Land an einer Zeitenwende. Nirgendwo sonst ist das vielleicht so stark zu spüren wie in Khayelitsha, einem der größten Townships des Landes mit 750.000 Einwohnern. Hier hatte die südafrikanische Erfolgsgeschichte im Kampf gegen Aids vor einem Jahrzehnt ihren Ursprung. Gegen alle Widrigkeiten begann die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ schon 2001, Aidskranke mit antiretroviralen Medikamenten zu behandeln. Anfangs versteckt, weil sich kaum jemand auch nur in die Nähe der Mediziner wagte, aus Angst, die Krankheit könnte offenkundig werden. Bald schon aber wurde Khayelitsha zu einem Modellprojekt zur Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten.
Der Druck auf die Regierung Mbeki wuchs. Ein einschneidendes Datum: der 6. Januar 2005. Nelson Mandela, gestützt auf den Arm seiner Frau, Graa Machel, machte an jenem Tag öffentlich, dass sein Sohn Makgatho Mandela mit 54 Jahren an Aids gestorben war. Zugleich sagte er – auch an die Adresse Mbekis gerichtet: „Lasst uns diese Krankheit nicht verstecken“, damit aus ihr eine normale Krankheit wie Tuberkulose oder Krebs werden könne. Heute ist Aids noch immer keine normale Krankheit, doch wird sie mittlerweile in ganz Südafrika wie eine solche behandelt. Mit Erfolg: Die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Ohne die Hilfe internationaler Organisationen könnte das Land die Epidemie, die vor allem junge Menschen trifft, nicht in den Griff bekommen. Zu den größten Geldgebern gehört der Globale Fonds, der das Land seit 2004 mit mehr als 100 Millionen Dollar unterstützt hat. Direktor Michel Kazatchkine lobt ausdrücklich die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung Jacob Zuma, die sich große Ziele gesetzt hat: Schon bald sollen alle Aidskranken, die eine Therapie benötigen, mit Medikamenten versorgt werden. Dafür allein will Zuma im laufenden Haushalt gut eine Milliarde Dollar ausgeben.
Zugleich schadet Zuma selbst vermutlich am meisten seiner neuen Aidspolitik. Nicht weil der polygam lebende Siebenundsechzigjährige Kinder mit seinen fünf Ehefrauen hat. Er hat auch weiter ungeschützten Sex mit anderen Frauen. Besonders kritisiert wurde Zuma auch, weil er zunächst am Weltaidstag Anfang Dezember hatte verlauten lassen, er werde sich – öffentlich – auf HIV testen lassen. Wenig später verweigerte er sich diesem Ansinnen wieder.
