10.01.2005 · Tabakliebhaber schwören auf die Zigarette zum Kaffee. Im Heimatland von Espresso und Cappuccino gehört das der Vergangenheit an - was nicht nur die vielen Raucher, sondern auch manche Wirte nervt.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomAn der Gesundheit führt kein Weg vorbei, wohl aber am Rauchen. Deshalb wird auch in Italien die Folterschraube zunehmender Rauchverbote weiter angezogen. Seit Montag um null Uhr ist vom Alpenkamm bis hinunter nach Sizilien in allen öffentlichen Lokalitäten Rauchen verboten.
Das betrifft jetzt vor allem Ristoranti und Kaffee-Bars, aber auch alle staatlichen Ämter, Behörden und öffentlich-rechtlichen Anstalten. Daß es der fürsorgliche Staat und der Gesundheitsminister Sirchia damit ernst meinen - nicht nach dem Grundsatz: zwar verboten, aber toleriert! -, erfuhren sofort nach Mitternacht unbekümmerte Neapolitaner, die um einen Regelverstoß nie verlegen sind.
Stadtpolizisten mit preußischem Amtsverständnis
Ein 22 Jahre junger Bursche wurde um 0.01 Uhr von einer privaten „Streife“ der Verbraucherschützer in einer Bar an der Piazza Vanvitelli mit einer brennenden Zigarette ertappt; pflichtbewußte Vigili Urbani, Stadtpolizisten mit preußischem Amtsverständnis, forderten die Mindeststrafe von 27 Euro. Nicht weit davon entfernt mußte der Besitzer einer Bar 50 Euro herausrücken, weil er keine Verbotshinweise angebracht hatte. Damit auf diese Weise jedoch nicht die lockere italienische Lebensart in Verruf komme, beeilte der Gesundheitsminister sich zu versichern, die Kontrollen würden streng sein, die Strafen jedoch in den nächsten zwei Monaten mild ausfallen.
Das Kabinett unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi führt mit dieser schärferen Ächtung den Kampf der Vorgängerregierungen gegen die Raucher entschieden weiter. Zwar haben die Italiener mit 79 Jahren schon eine hohe Lebenserwartung: um ein Jahr mehr als die Deutschen, von Nord nach Süd steigend. Doch die soll noch höher werden.
Erstes Rauchverbot schon 1975
Schon 1975 erging in Italien das erste generelle Rauchverbot für öffentliche Verkehrsmittel, Krankenhäuser, Schulen, Kinos und Theater. 1992 dehnte man es auf die staatliche Fluglinie „Alitalia“ im Inland, im Jahr 2000 auf alle Flüge aus. Im Dezember 1995 verfügte die Regierung ein Rauchverbot für öffentliche Stätten, ließ jedoch noch so viele Ausnahmen zu, daß die Prohibition noch nicht richtig greifen konnte.
Immerhin wurde Rauchen so unsozial, daß die staatlichen Eisenbahnen im vergangenen Jahr ihre Raucherabteile ganz aufgaben, was ihnen auch erhebliche Reinigungskosten ersparte.
Treppenabsatz im Fadenkreuz
Nun herrscht scharfe Apartheid zwischen Rauchern und Nichtrauchern. Ristoranti und Bars müssen etwa streng getrennte und gut ventilierte Raucherräume anbieten, wenn sie ihre Nikotinkunden nicht verlieren wollen. Schon diskutiert man darüber, ob Rauchen auch auf dem Treppenabsatz eines Mietshauses verboten ist oder verboten werden kann. Es sei gleichsam alles an den Zigaretten verboten, heißt es sarkastisch - nur nicht der hochbesteuerte Verkauf der Tabakwaren.
Das schlagende Argument liefern die Passivraucher. Denn die passionierten Raucher lassen sich trotz aller Gesundheits-Kreuzzüge nicht allzusehr beeindrucken. Durch die zunehmende „Ausgrenzung“ dieser Minderheit von 13 Millionen (rund 25 Prozent der Bevölkerung) sank in Italien nach Angaben der Gesundheitsbehörden die Zahl der Raucher zwischen 2003 und 2004 trotz aller Kampagnen nur um 700 000.Bei den einsichtigen Männern ging die Nikotinabhängigkeit um drei Prozent zurück; bei den Frauen wuchs sie um sechs Prozent.
Verbotsgegner: Nikotin schafft Wohlbefinden
Auch die jetzigen Verbote werden - wie ähnliche Maßnahmen in Irland gezeigt haben - die Zahl der Raucher voraussichtlich nur um rund zwei Prozent drücken können. Schon outen sich selbstbewußt bekennende Raucher, wie etwa Verteidigungsminister Antonio Martino, und rühmen sich der Wohltaten des Nikotins.
Eine Zigarette oder gar eine Zigarre werde nicht aus Todes- oder Krankheitssehnsucht geraucht, heißt es erklärend. Sie vertreibe vielmehr Frust, Ärger, Nervosität und was sonst noch; man könne sich besser konzentrieren, schlafe in vielen Fällen sogar ruhiger; man nehme auch nicht an Gewicht zu, ohne Zigaretten kämen die Kilos nur so angeflogen. Kurzum, Nikotin schaffe ein Wohlbefinden oder verjage Unbehaglichkeiten.
Erste Gruppen gegen Nikotin-Apartheit
Würde der Tabakgenuß entzogen, verlange der Körper nach Ersatz gegen die Mißlichkeiten des modernen Alltags. Ganz egal, antworten die Nichtraucher. Es sei wissenschaftlich erwiesen, daß Mitraucherinnen in einer Raucherfamilie ein doppelt so hohes Brustkrebsrisiko hätten, wie es in rauchfreien Lebensgemeinschaften bestehe. Eine allgemeine Erfahrung bewahrheitet sich auch in Italien: Je mehr Rauchverbote bestehen, desto allergischer wird man gegen die beargwöhnte Minderheit der Raucher.
Doch die Minderheit reicht aus, die Gesetze durch einen Volksentscheid wieder in Frage zu stellen und jene Vorschriften wieder abzuschaffen, die im täglichen Leben als zu lästig empfunden werden. In Mailand haben sich schon die ersten Gruppen gebildet, die ein Referendum gegen die Nikotin-Apartheid anstrengen wollen.