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Indonesien Sogar die Krankenhäuser qualmen

 ·  Nur in Indien und China rauchen mehr Menschen als in Indonesien. Nun regt sich in dem Land der Protest gegen die Sucht. Aktivisten verlangen von der Regierung, dass sie wenigstens die internationalen Standards übernimmt.

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Für Mujahedin ist Rauchen ein Geschäft, wenn auch ein kleines. Jeden Tag sitzt er vor der Bushaltestelle an der Imam-Bonjol-Straße, vor ihm seine winzige Vitrine mit Tabakwaren. Rund 30 Packungen gehen täglich über seine Minitheke, das macht 4,50 Euro Gewinn am Tag. „Persönlich stört es mich nicht, wenn jetzt wieder neue Gesetze kommen“, sagt er, „ich bin Nichtraucher.“ Sorge mache ihm nur sein Geschäft. „Wenn wir erwischt und eingesperrt werden, müssen wir der Polizei 200.000 Rupien (18 Euro) zahlen, um wieder rauszukommen.“

Mujahedin, der wie viele Indonesier nur einen Namen trägt, hat schon seltsame Dinge erlebt. Vor fünf Jahren verabschiedete der Gouverneur von Jakarta ein Gesetz, das Rauchen im gesamten Stadtzentrum verbot. Es war ein Start von null auf hundert. Zuvor hatte es für Raucher nicht die geringste Einschränkung gegeben, plötzlich sahen sie sich mit einem Totalbann konfrontiert. Mit sechs Monaten Gefängnis und umgerechnet 4500 Euro Geldstrafe wurde gedroht. Händler, die am falschen Ort saßen, wurden verhaftet. Tagelang stoppten die Polizisten sogar die Autos auf der Jalan Sudirman, Jakartas Hauptschlagader, um Missetäter aufzuspüren. Aber es dauerte nicht lange, und die Kontrollen erlahmten - auch weil so viele Polizisten rauchen. Eine Studie der Entwicklungshilfeagentur „Swisscontact“ ergab, dass 45 Prozent der Staatsbediensteten das Rauchverbot ignorierten.

Ein Paradies für Raucher

Seither ist Indonesien wieder das, was es immer gewesen ist: ein Paradies für Raucher. Wie in den fünfziger Jahren der Alten Welt qualmt es überall: in Amtsstuben, Bussen, Schulen, sogar in Krankenhäusern. Auch das moderne Jakarta hat sich das Laster bislang nicht vom Leib halten können oder wollen. In den mehr als 60 klimatisierten Einkaufstempeln darf geraucht werden. Selbst das Warten auf die Frau, die in der Kabine neue Kleider anprobiert, versüßen die Verkäufer mit der Frage, ob ein Aschenbecher gefällig sei.

Nun soll damit endgültig Schluss sein. So tönt es in immer kürzeren Abständen aus der Stadtverwaltung, aber auch aus dem staatlichen Gesundheitsministerium. Die Politik reagiert auf den wachsenden Druck der Bürger. Kleinere Gesundheitsinitiativen sind in anscheinend breiten Bewegungen aufgegangen. In den Zeitungen füllen sich die Leserbriefspalten mit Aufrufen an den Staat. Tausende Studenten demonstrierten im vergangenen Monat im Zentrum Jakartas für mehr Nichtraucherschutz. Selbst religiöse Verbände mischen sich ein. In der vergangenen Woche lud die „Muhammadiyah“, Indonesiens zweitgrößte muslimische Massenorganisation, erstmals zu einer Jahresversammlung ohne Aschenbecher ein. Die Führung rief ihre fast 20 Millionen Mitglieder zum Nichtrauchen auf. Kleriker streiten sich nur noch über die Frage, ob das Rauchen „haram“, also vom Islam nicht geduldet, oder nur unerwünscht sei.

Fußballer werben für die Zigarettenmarke Gudang Garang

Aktivisten verlangen von der Regierung, dass sie wenigstens die internationalen Standards übernimmt. Bislang habe Indonesien nicht einmal die UN-Rahmenkonvention zur Eindämmung des Tabakkonsums ratifiziert, moniert der Aktivist Tubagus Haryo Karbyanto von der Antiraucher-Initiative „Fakta“. Für Werbung und Marketing von Zigaretten gebe es daher so gut wie keine Grenzen.

Das lässt sich gerade während der WM besichtigen. Vor jedem Spiel rennen im Fernsehen Fußballer durch antike Kulissen und werben für die Zigarettenmarke Gudang Garang. Gleich danach beschleunigen fünf schwer motorisierte Raupen auf einer Wüstenpiste, bis sie abheben und durch die Luft wirbeln - so wird die Leichte von Surya beworben. Fast jeder zweite der beliebten WM-Werbeplätze ist für Tabak reserviert. Sport und Rauchen, so scheint es, gehen in Indonesien genauso zusammen wie Islam und Demokratie.

Die Kreteks sind Teil der indonesischen Kultur

Mujahedin, der Händler, sitzt im Schatten der gläsernen Bürotürme, was seinem Geschäft eine für Indonesien untypische Prägung gibt. Wegen der vielen Ausländer, die hier in den Banken arbeiten, verkauft er überwiegend westliche Marken. Andernorts greifen neun von zehn Rauchern zu den traditionellen Nelkenzigaretten, die einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren sind. „Die Kreteks sind Teil der indonesischen Kultur“, sagt Mujahedin.

Was der „Kretek“-Markt wert ist, ließ sich vor fünf Jahren studieren, als der amerikanische Zigarettenkonzern Philip Morris die Firma Sampoerna mit 4,8 Milliarden Dollar (fast vollständig) übernahm. Nicht nur die Zigarettenunternehmen mit ihren sechs Millionen Arbeitern florieren, auch der Staat profitiert. Obwohl die Packung in Indonesien kaum mehr als einen Euro kostet, nimmt der Fiskus mehr als sechs Milliarden Euro durch Tabaksteuern ein - das ist fast ein Zehntel aller Steuereinkünfte.

Zweijährige Kettenraucher

Mit 60 Millionen Rauchern - die Dunkelziffer nicht eingerechnet - ist Indonesien nach China und Indien die drittgrößte Rauchernation. In armen Familien soll für Kreteks laut Studien mehr Geld ausgegeben werden als für Bildung und Reis. Im vergangenen Jahr stieg der Konsum um stolze fünf Prozent. Vor allem unter jungen Frauen wird das Rauchen immer populärer, aber auch bei Kindern. Fast zwei Prozent aller Raucher sind nach einer Erhebung zwischen fünf und neun Jahre alt - und es geht es noch jünger.

Im Mai verbreiteten Filmaufnahmen Staunen, die einen zwei Jahre alten Raucher zeigten. Entdeckt wurde er von einem indonesischen Journalisten, der sein Heimatdorf in Sumatra besuchte. Der kleine Ardi Rizal, so berichtete der Vater, hatte schon im Alter von 18 Monaten begonnen. Wenn er nicht mindestens zwei Packungen am Tag konsumieren durfte, wurde er wütend. Inzwischen ist Ardi in einer Entziehungsanstalt. Über seine Fortschritte bei der Abkehr von der Sucht gibt es unterschiedliche Berichte.

„Übertriebene Maßregelungen muss hier kein Raucher befürchten“, sagt Louise Baker, die für die Weltgesundheitsorganisation WHO die indonesische Regierung berät. „Zweijährige Kettenraucher: Das ist der Punkt, von dem aus wir in Indonesien beginnen.“

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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