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Fünf Wochen weniger : In Amerika sinkt die Lebenserwartung

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Eine Menschenmenge im November in Philadelhia – zum ersten Mal seit Langem ist die statistische Lebenserwartung in Amerika gesunken. Bild: dpa

Jahrzehntelang war sie immer bloß gestiegen – jetzt geht die Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten plötzlich zurück. Wissenschaftler sind besorgt.

          In den Vereinigten Staaten geht die Lebenserwartung zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren zurück. Nach einer Studie des Nationalen Zentrums für Gesundheitsstatistik (NCHS) sank die durchschnittliche Lebenserwartung der Amerikaner zwischen den Jahren 2014 und 2015 um etwa fünf Wochen auf 78,8 Jahre. In den Jahren zuvor hatten der Mediziner Jiaquan Xu und die anderen Autoren der Untersuchung vergleichsweise stabile Zahlen registriert.

          „Selbst wenn der jetzt beobachtete Rückgang der Lebenserwartung nur ein Ausreißer sein sollte, haben wir ein echtes Problem“, sagte Jonathan Skinner, Professor für Gesundheitspolitik am Dartmouth College in New Hampshire, der Zeitung „USA Today“. Wie die Autoren der Studie feststellten, nahm die Zahl der Todesfälle durch Herzerkrankungen, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen unerwartet zu. Das Nationale Zentrum für Gesundheitsstatistik verzeichnete auch mehr Tote durch Alzheimer, Schlaganfälle, unbeabsichtigte Verletzungen, Nierenleiden und Suizid, die neben Krebserkrankungen und Grippe in Amerika traditionell zu den häufigsten Todesursachen zählen.

          Während das Sinken der Lebenserwartung Anfang der neunziger Jahre der Aids-Epidemie und ungewöhnlich starken Grippewellen zugeschrieben wurde, gibt der Rückgang der Lebenserwartung im Jahr 2015 vielen Forschern Rätsel auf. „Es ist ungewöhnlich, und wir wissen nicht, was passiert ist“, sagte Jianquan Xu, der Hauptautor der am Donnerstag veröffentlichten Studie, der „Washington Post“.

          Unfälle, Drogenmissbrauch und Fettleibigkeit nehmen zu

          Der Epidemiologe verwies unter anderem auf die Zunahme unbeabsichtigter Verletzungen durch Autounfälle, Alkohol und Drogenmissbrauch um mehr als drei Prozentpunkte. Auch die Zahl der Todesfälle durch Herzerkrankungen, der häufigsten Todesursache unter Amerikanern, stieg abermals um einen Prozentpunkt. „Hier machen sich die Folgen von Fettleibigkeit bemerkbar“, sagte Tom Frieden, der Leiter des Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention. Nach Untersuchungen der Robert-Wood-Johnson-Stiftung und weiterer Forschungseinrichtungen liegt die Quote der stark Übergewichtigen in den meisten amerikanischen Bundesstaaten bereits höher als 15 Prozent. Seit Jahren lassen sich immer mehr Amerikaner wegen Stoffwechselerkrankungen und Bluthochdruck behandeln.

          Bei Krebserkrankungen registrierte die NCHS-Studie dagegen einen Rückgang der Todesfälle um etwa 1,7 Prozentpunkte. Xu machte dafür eine sinkende Zahl von Rauchern, Früherkennung und verbesserte Therapien verantwortlich. Im Jahr 2015 starben etwa 158 von 100.000 Amerikanern an Krebs, im Jahr 2014 waren es noch 161. Insgesamt blieben Krebsleiden nach Herzerkrankungen in den Vereinigten Staaten aber die zweithäufigste Todesursache.

          Bei Männern sank die durchschnittliche Lebenserwartung zwischen den Jahren 2014 und 2015 von 76,5 Jahren auf 76,3. Bei Frauen verringerte sich die Lebenserwartung um etwa einen Monat auf 81,2 Jahre. Auch im Vergleich mit anderen entwickelten Ländern schneiden die Vereinigten Staaten eher schlecht ab. Bei der jährlichen Erhebung des CIA World Factbook nahm Amerika im Jahr 2015 nach Monaco (89,5Jahre), Japan (84,7Jahre) und Singapur (84,68 Jahre) bei der Lebenserwartung nur den 43. Platz ein. Deutschland belegte mit einer geschätzten Lebenserwartung von 80,57 Jahren den 32. Platz.

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