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Impfung Arm oder Po?

Lebendimpfungen, tote Keime, Sechsfachimpfungen und Impfspray: 16 Fakten rund um das Thema Impfen

© dapd Vergrößern Keine Angst, in das Gesäß wird nicht mehr geimpft, da die Gefahr zu groß ist, einen Nerv zu verletzen

Von der Mama geklaut

Da kommt man auf die Welt und wird sofort von ungezählten Erregern besiedelt. Neugeborene haben genug zu tun, um sich im Leben zurechtzufinden, da können sie sich nicht auch noch um die Immunabwehr kümmern. Das zumindest hat sich wohl die Natur gedacht und Kindern einen Schutz mit auf den Weg gegeben. Einen sogenannten Nestschutz. Die Mutter überträgt während der Schwangerschaft Antikörper auf das Kind, damit es in den ersten Lebenswochen gerüstet ist.

Er lebt noch

Der Name verrät es schon. Bei Lebendimpfstoffen werden quicklebendige Bakterien und Viren in den Körper gespritzt, die aber keine Erkrankung mehr hervorrufen können. Die Erreger werden während der Herstellung des Impfstoffs so abgeschwächt, dass sie ihre Pathogenität verlieren. Als eine Bedrohung erkennt der Körper sie dennoch und beginnt, Antikörper zu bilden. Ein Probelauf für den Ernstfall. Dringt nun der Erreger, gegen den geimpft wurde, abermals in den Körper ein, kann dieser schneller eine spezifische Immunantwort hervorrufen, als wenn der Körper noch nie mit dem Keim in Berührung gekommen wäre. Beim Kampf gegen abgeschwächte Erreger kann der Organismus mit leichtem Fieber und Schlappheit reagieren. Zu den Lebendimpfungen zählen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken.

Tot, aber wertvoll

Tote Keime können keine Erkrankung hervorrufen. Der menschliche Organismus erkennt sie dennoch als störende Eindringlinge und beginnt, sich gegen sie zu wehren. Dieses Prinzip steckt hinter einem Totimpfstoff. In ihm befinden sich abgetötete Viren oder Bakterien, manchmal auch nur Bestandteile von ihnen. Auf die imitierte Erkrankung reagiert der Körper mit der Bildung von Antikörpern. Diphtherie, Kinderlähmung, Keuchhusten oder Tetanus werden als Totimpfstoff verabreicht.

Hilfe von außen

Passive Impfungen sind die schwächste Form des „Impfens“. Der Körper muss für den eigenen Schutz kaum etwas tun. Ihm werden nämlich fertige Antikörper gespritzt, die direkt einsatzbereit sind. Eine schnelle Wirkung, die aber nur kurz anhält. Passive Impfungen werden deshalb meist in akuten Fällen angewendet, wenn keine Zeit für eine körpereigene Immunabwehr bleibt - wie beim Verdacht auf eine Tollwut-Infektion.

Einer für alle

Beim Impfen geht es nicht nur um den eigenen Schutz. Wer sich impfen lässt, trägt auch zum Schutz aller bei. Wer gegen eine Erkrankung immun ist, kann den Erreger nicht auf andere übertragen. Je mehr geimpfte Menschen in einer Region leben, desto weniger Chancen haben bestimmte Viren und Bakterien, jemanden zu finden, bei dem sie sich einnisten können. In Ländern wie Deutschland, in denen bestimmte Infektionskrankheiten als ausgerottet gelten, kann eine solche Herdenimmunität aber auch negative Folgen haben: Krankheitsbilder wie die Kinderlähmung sind im Alltag nicht präsent. Sie werden nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Doch Viren und Bakterien kennen keine Ländergrenzen. Sie können nach Deutschland eingeschleppt werden, auf Ungeimpfte treffen und wieder zur Bedrohung werden.

Nicht nur für Kleine

Die meisten Infektionserkrankungen, gegen die es Impfstoffe gibt, gelten im Volksmund als Kinderkrankheiten - zuweilen als harmlose. Doch der Begriff Kinderkrankheit führt in die Irre. Es handelt sich nicht um Erkrankungen, die nur Kinder bekommen können. Kinderkrankheiten heißen so, weil sie hoch ansteckend sind und ohne Impfschutz die meisten schon im Kindesalter treffen. Erkranken Erwachsene an Windpocken, Keuchhusten und Co., kann die Lage ernst werden. Diese Erkrankungen nehmen bei Erwachsenen häufig einen schweren Verlauf. Deshalb rät die Ständige Impfkommission auch Erwachsenen, sich noch gegen Kinderkrankheiten zu immunisieren, auch wenn sie als Kind die Erkrankungen durchgemacht haben. Trotz Husten, Jucken, Fieber und Leid im jungen Alter kann man sich nicht lebenslang auf eine Immunität verlassen.

Aus fünf mach eins

Es klingt nach einer Flut an Erregern: Vierfach-, Fünffach- oder gar Sechsfachimpfungen. Kann das ein Kinderkörper überhaupt bewältigen? „Kein Problem“, sagen Experten. Im Alltag sind Kinder einer viel größeren Zahl an Keimen ausgesetzt. Die Ständige Impfkommission rät ausdrücklich zu Kombinationsimpfstoffen, bei denen mit einem einzigen Piks gleich gegen mehrere Erkrankungen geimpft wird. Durch eine statt fünf Spritzen reduziert sich auch die Menge an Begleit- und Konservierungsstoffen, die mit einer Impfung in den Körper gelangen.

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