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Impfgegner und Aids-Leugner Kreuzzug gegen die Schulmedizin

Sie geben sich wissenschaftlich und sind doch nur Scharlatane: Trotzdem finden Impfgegner, Aids-Leugner und auch die „Germanische Neue Medizin“ immer neue Anhänger.

© dpa Vergrößern Alternativmediziner freuen sich über Zulauf

Keine andere sogenannte Impfstudie hat in Europa wohl mehr Schaden angerichtet als die des Briten Andrew Wakefield. Darin behauptete der Mediziner, dass es einen Zusammenhang zwischen der kombinierten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln bei Kindern und - in der Folge - eine erhöhte Autismusrate gebe. Wakefields Untersuchung, die 1998 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ erschien, brachte Verunsicherung, die Impfbereitschaft sank in vielen Ländern Europas beträchtlich. Bis heute beziehen sich Impfkritiker und -gegner auf die Wakefield-Studie. Ausgerechnet die Dreifach-Impfung, die Kinderärzte einsetzen, um ihren kleinen Patienten zwei Stiche weniger verpassen zu müssen, geriet in Misskredit - und mit ihr gleich alle anderen Impfungen.

Wakefield wurde für seine „Studie“ von impfkritischer Seite bezahlt, er fälschte seine Studienergebnisse, bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis für seine Thesen, stattdessen wird sie in etlichen seriösen Untersuchungen auf der ganzen Welt immer wieder widerlegt, und „Lancet“ widerrief den Artikel Wakefields wegen offensichtlich inkorrekter Teile - das alles bleibt in pseudowissenschaftlichen Werken zum Beispiel eines Hans U. P. Tolzin unerwähnt. Tolzin, der nicht etwa Arzt ist, sondern gelernter Molkereifachmann, betreibt die Internetseite www.impfkritik.de und gibt zudem den „Impfreport“ heraus, eine „Zeitschrift für unabhängige Impfaufklärung“.

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Die angeblichen Ergebnisse Wakefields thematisierte er in der Ausgabe „Autismus, Quecksilber, Impfung: Der geleugnete Zusammenhang“. Tatsächlich hatten Impfkritiker schon in den neunziger Jahren versucht, eine Verbindung zwischen dem in geringen Mengen Quecksilber enthaltenden Konservierungsstoff Thiomersal, der in vielen kosmetischen und pharmazeutischen Produkten eingesetzt wird, und dem Auftreten von Autismus bei Kindern herzustellen. Für einen solchen Zusammenhang gibt es bis heute keinen Beweis. Trotzdem halten Impfgegner daran fest. Dass Thiomersal nicht in dem kombinierten Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln enthalten ist (und niemals war), dass überhaupt längst für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar sind - auch darüber gehen Impfgegner hinweg.

medizin-impfen © dpa Vergrößern Alle, die sich einer Impfung gegen das H1N1-Virus verweigerten, vergessen, dass eine rechtzeitige Impfung etliche zehntausend Schweinegrippe-Opfer wohl gerettet hätte.

Die böse Pharmaindustrie

Wissenschaftlich überzeugen kann man Gegner der Schulmedizin nicht. Alle Gegenargumente stammen ihrer Meinung nach von einer großen Koalition aus Gesundheitsbehörden, Ärzten und vor allem der Pharmaindustrie. Sie erst mache die Menschheit krank, um an Leid und Elend der Welt so richtig zu verdienen. Tatsächlich scheint gerade das Gewinnstreben der großen pharmazeutischen Konzerne zunehmend auch in Deutschland Menschen auf den Plan zu rufen, die mit der rein wissenschaftlich begründeten Schulmedizin hadern.

Das einstige Vertrauen in die Errungenschaften des medizinischen Fortschritts ist verflogen, Gesundheit ist zum Selbstverständnis einer Gesellschaft geworden, die nun nach den Nebenwirkungen des Erfolgs und der ständig wachsenden Zahl an Medikamenten fragt. Übertriebene Vorsorge könne doch nicht das Allheilmittel sein, wie allein schon die „angebliche“ Pandemie Schweinegrippe bewiesen habe. Alle, die sich einer Impfung gegen das harmlose H1N1-Virus verweigerten, fühlen sich nun bestätigt - und vergessen dabei, dass es zwar nicht Hunderttausende, aber immer noch etliche zehntausend Schweinegrippe-Opfer gegeben hat, die eine rechtzeitige Impfung wohl gerettet hätte.

Krankheit als Folge von Schockerlebnissen

Alternativmediziner, die eine „natürliche“, „biologische“, „ganzheitliche“ Medizin anbieten, können sich über Zulauf freuen. Leider aber auch Scharlatane wie Tolzin, der Berliner Arzt Garri R. oder der vermeintliche „Wunderheiler“ Ryke Geerd Hamer, der sich auf einer Art Kreuzzug gegen die Schulmedizin sieht. Tolzin bekennt sich ausdrücklich zur „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) des „Arztes“ Dr. Hamer, dem schon vor mehr als 20 Jahren die Approbation entzogen wurde. Trotzdem arbeitet der vermutlich 75 Jahre alte Hamer weiterhin als Mediziner. Deswegen wurde er bereits mehrfach verurteilt. Ihm vertrauen sich verzweifelte Eltern an, deren Kinder an Krebs erkrankt sind und denen sie eine Chemotherapie ersparen wollen. Ihre Hoffnung aber, Hamers „Eiserne Regel des Krebs“ sei mehr als eine abstruse Theorie, wurde meist enttäuscht.

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