http://www.faz.net/-gum-8zllj

Immunsystem : „Wir haben die Bösewichte“

  • -Aktualisiert am

Normalerweise soll das Immunsystem mit seinen verschiedenen Zellen uns vor Krankheiten schützen. Bei Autoimmunerkrankungen kämpfen Immunzellen gegen den eigenen Körper. Kann da ein „Reset“ des Systems helfen? Bild: Science Photo Library

Immunologe Andreas Radbruch im Gespräch über den „Immun-Reset“: eine Therapieform, die das menschliche Immunsystem völlig neu startet und so Menschen hilft, die an chronisch entzündlichen Krankheiten leiden.

          Herr Professor Radbruch, Sie behandeln Patienten durch einen „Immun-Reset“: Sie löschen das Immunsystem von Patienten und starten es neu. Wie genau funktioniert das?

          Die Behandlung ist abgeleitet von einer Krebsbehandlung: Als Erstes mobilisiert man im Menschen körpereigene blutbildende Stammzellen, die im Knochenmark wohnen. Sie werden wie bei der Knochenmarktransplantation eingesammelt und eingefroren. Dann wird der Patient mit Antikörpern behandelt, die die allermeisten Zellen des Immunsystems abtöten. Dazu geben wir eine Chemikalie, die aktivierte Lymphozyten zerstört, eine Art der Abwehrzellen. Nach alldem bekommt der Patient die eigenen blutbildenden Stammzellen wieder, die man vorher konserviert hat.

          Eine Mischung aus Chemotherapie und Knochenmarktransplantation also, eine solche Behandlung birgt doch einige Risiken.

          Sicher, das Risiko, an einer Infektion zu sterben, ist erhöht, weil man während der Zeit der Therapie kein Immunsystem hat. Bis jetzt kommen deshalb nur Patienten in die Immun-Reset- Therapie, die auf bisherige konventionelle Therapien überhaupt nicht ansprechen: Menschen, bei denen die Krankheit immer weiterschreitet und droht sie umzubringen.

          Bei welchen Krankheiten kommt diese Therapie überhaupt in Frage?

          Das ist ein Querschnitt durch die ganze Bandbreite der chronisch entzündlichen Krankheiten: Multiple Sklerose und andere Nervenentzündungen, Allergien, Darmentzündungen, systemische Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder Sklerodermie oder Blutgefäßentzündungen. Es gibt über zweihundert solcher Krankheiten. Jede einzelne ist nicht unbedingt häufig – aber wenn man alle zusammennimmt, dann leidet ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung daran.

          Professor Andreas Radbruch ist wissenschaftlicher Direktor vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin
          Professor Andreas Radbruch ist wissenschaftlicher Direktor vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin : Bild: Privat

          Wie entscheiden Sie, welche Patienten das Risiko der Therapie eingehen sollten?

          Das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum Berlin, ein Leibniz Institut, arbeitet im Rahmen des Leibniz Wissenschaftscampus „Chronische Entzündung“ eng mit der Berliner Charité zusammen. Dort besprechen sich die leitenden Oberärzte sehr genau mit den Kandidaten. Sie weisen auf Vor- und Nachteile hin, natürlich auch auf die Risiken. Letztendlich entscheiden die Patienten selbst, ob sie das machen wollen oder nicht. Seit 1997 haben wir 22 Menschen so behandelt, weltweit waren es mehr als 2000.

          Und wie geht es diesen Patienten heute?

          Mit dem Immun-Reset konnten wir sechzig bis siebzig Prozent der Patienten heilen. Die ältesten wurden vor 20 Jahren behandelt und sind bis heute gesund.

          Jetzt wollen Sie eine abgeschwächte Form des Immun-Resets zur Standardtherapie machen – sogar für Menschen, die auf konventionelle Behandlungen ansprechen.

          Genau. Wir beobachten unsere Patienten während und nach der Behandlung extrem genau. So haben wir bereits herausgefunden, dass das Immunsystem bei Patienten nach dem Immun-Reset quasi das eines kleinen Kindes ist. Wir lernen viel darüber, wie es altert und wie man es wieder neu aufbauen kann, aber auch was in Patienten passiert, die einen Rückfall bekommen. Einmal pro Woche besprechen sich das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum und die Berliner Charité. Dann diskutieren wir: Wie können wir Therapien entwickeln, die gezielter sind? Sie sollen den Schutz des Immunsystems bestehen lassen und nur die krankmachenden Zellen aus dem Immunsystem entfernen. Das ist unsere eigentliche Wissenschaft und gibt eine ganz neue Perspektive.

          Weitere Themen

          200 Schlangen in Wohnung Video-Seite öffnen

          Kurioser Fund : 200 Schlangen in Wohnung

          In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires haben die Behörden bei einem Mann etwa 200 Schlangen gefunden. Sie waren vermutlich für den Schwarzmarkt gedacht.

          Auf der Suche nach perfekter Balance Video-Seite öffnen

          Slackline-Profi : Auf der Suche nach perfekter Balance

          Er balancierte bereits an den spektakulärsten Orte der Welt. Im vergangenen Sommer spannte der Extremsportler Lukas Irmler sein Kunstfaserband in den Südtiroler Dolomiten – eine größere Herausforderung als erwartet.

          Topmeldungen

          Entschärfte Bombe am Gallus

          Fliegerbombe entschärft : Kartoffelsuppe in der Geisterstadt

          Die Fliegerbombe am Gallus ist erfolgreich entschärft worden. Viele Bewohner werden die Nacht dennoch nicht so schnell vergessen. Streifzug durch ein Viertel im Ausnahmezustand

          Die Zukunft des Diesel : Zwingt das EU-Recht zu Fahrverboten?

          Wird der Streit um Fahrverbote für saubere Luft womöglich in Luxemburg entschieden? FAZ.NET hat die wichtigsten Punkte aus der Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht zusammengefasst.

          Neues Formel-1-Auto : Mercedes und ein „Kunstwerk“ auf vier Rädern

          Die Formel 1 präsentiert ihre Autos für 2018. Auch Weltmeister-Team Mercedes zeigt den neuen Silberpfeil. Einen Schönheitswettbewerb gewinnt der Bolide nicht. Aber der Blick bleibt an einem umstrittenen Titangestell hängen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.