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Hygiene im Krankenhaus Im mikrobiologischen Blindflug

25.08.2010 ·  In deutschen Krankenhäusern treten Infektionen mit dem Wundkeim MRSA etwa 20 Mal häufiger auf als in den Niederlanden. Das vorbildliche System der Nachbarn kann hierzulande aber nicht einfach übernommen werden.

Von Peter-Philipp Schmitt
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In Sachen Krankenhaushygiene gelten die Niederlande als vorbildlich. Doch so einfach kann Deutschland die Errungenschaften seines Nachbarn nicht übernehmen. Das zeigt das grenzüberschreitende Projekt „EurSafety Health-net“, das unter anderem von der Europäischen Kommission und von den beteiligten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen finanziell gefördert wird. Die Gesundheitssysteme unterscheiden sich gravierend, auch was ihre Finanzierung angeht. Niedergelassene Fachärzte gibt es zum Beispiel in den Niederlanden überhaupt nicht. Wer einen Spezialisten benötigt, muss immer in das nächste Krankenhaus fahren. Daher kann der deutsche Projektleiter, Alexander Friedrich vom Institut für Hygiene an der Universität Münster, das niederländische System auch nicht einfach übernehmen. „Wir müssen es vielmehr anpassen.“

Ein Indikator für die mangelhafte Krankenhaushygiene in Deutschland ist der massive Anstieg der multiresistenten Staphylokokken (MRSA). Infektionen mit dem nur schwer zu behandelnden Wundkeim treten hierzulande etwa 20 Mal häufiger auf als jenseits der Grenze. Schuld ist nicht zuletzt der übermäßige Einsatz von Antibiotika durch deutsche Ärzte. Der sparsame Umgang mit den Medikamenten wiederum hat in den Niederlanden seit 40 Jahren Tradition. Dort hat jedes Krankenhaus einen eigenen Chefarzt für Mikrobiologie, der – unterstützt von Hygiene-Kräften – täglich allein über die Gabe von Antibiotika an die Patienten entscheidet. Für Friedrich ist das einer der herausragenden Unterschiede zu Deutschland. „Ich befürchte aber, dass mindestens zwei Generationen vergehen werden, bevor wir in Deutschland so weit sind.“ Nur fünf Prozent der deutschen Krankenhäuser haben nach Angaben Friedrichs überhaupt einen Hygienearzt. „Das heißt, 95 Prozent der deutschen Kliniken befinden sich auf einem mikrobiologischen Blindflug.“

Der „Superkeim“ ist gegen fast alle Antibiotika resistent

Im Projektgebiet in und um Münster befolgen die Krankenhäuser inzwischen den niederländischen MRSA-Standard, genannt „search and destroy“. Die multiresistenten Erreger werden zunächst gesucht, dann ausgerottet. Alle Risikopatienten werden vor oder bei der Aufnahme in eine Klinik getestet. Zur Risikogruppe gehören Personen, die zum Beispiel schon einmal MRSA-Träger waren oder Kontakt zu einem solchen hatten, die erst kürzlich in einem Krankenhaus waren, die in einem Senioren- oder Pflegeheim leben, die chronisch pflegebedürftig oder dialysepflichtig sind oder unter chronisch offenen Wunden leiden. Ist der MRSA-Test positiv, werden die Patienten in Einzelzimmern isoliert und dort nur von Pflegepersonal in Schutzkleidung behandelt.

Allerdings breitet sich MRSA nicht so einfach aus. Nur bei einer Verletzung oder einem stark geschwächten Immunsystem kann der „Superkeim“ auch für eine andere Person gefährlich werden. Die Bakterien Staphylococcus aureus kommen auf der Haut vieler Menschen vor. Erst wenn sie über Verletzungen oder bei einem chirurgischen Eingriff unter die Haut gelangen, können sie zu einer Wundinfektion führen. Besonders problematisch sind dann die MRSA-Erreger, die schon gegen fast alle Antibiotika resistent sind.

Siegel wie bei einem Drei- oder Fünf-Sterne-Hotel

MRSA-Patienten müssen aufwendig saniert werden. Auf deutscher Seite übernehmen den Fortgang der Behandlung die niedergelassenen Ärzte – darum wurde aus dem niederländischen „search and destroy“ das deutsche „search and follow“. Bislang war die MRSA-Therapie in Deutschland nicht einmal vorgesehen, sie wird selbst von den Kassen nicht bezahlt. Für das Projektgebiet an der niederländischen Grenze musste darum zunächst eine eigene Sonderziffer durch die Kassenärztliche Vereinigung eingeführt werden.

Die auf deutscher Seite beteiligten Krankenhäuser haben sich inzwischen zu einem Qualitätsverbund zusammengeschlossen. Die Kliniken, die vorgegebene Qualitätsziele erfüllt haben und dadurch ihre Patienten überwiegend vor MRSA-Infektionen schützen, bekommen das „Euregio MRSA-net Qualitäts- und Transparenzsiegel“ zugesprochen, mit dem sie sich schmücken dürfen. Fünf solcher Siegel kann man sich in zehn Jahren erarbeiten (das Projekt wurde gerade bis 2015 verlängert und soll bis Aachen und Aurich ausgedehnt werden). Die Qualität des Krankenhauses, was seine Patientensicherheit und seinen Infektionsschutz angeht, soll also an der Zahl der Siegel erkennbar sein, vergleichbar einem Drei- oder Fünf-Sterne-Hotel.

Auch die Niederlande kann noch viel lernen

Beim grenzüberschreitenden Projekt wird allerdings auch schnell klar, dass die Niederlande durchaus auch viel von Deutschland lernen können. So gibt es bei den Nachbarn bis zu dreimal weniger Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner und bis zu viermal weniger Ärzte in der ambulanten Versorgung. Die Patienten müssen zum Teil lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Dass es in den Niederlanden viel mehr Tote durch Lungenentzündungen gibt, liegt wohl auch daran, dass die entsprechenden Diagnosen häufig zu spät gestellt, die Therapien nicht rechtzeitig begonnen werden.

Den vier Säuglingen in Mainz geht es besser

Den vier Säuglingen der Mainzer Universitätsmedizin geht es Angaben der Klinik besser. Die Symptome der Bakterieninfektion gingen zurück, sagte eine Sprecherin. Sie litten jedoch weiter an ihren schweren Vorerkrankungen. Die zu früh Geborenen hatten wie sieben weitere Säuglinge, drei von ihnen starben, eine mit zwei Darmbakterien verseuchte Nährlösung bekommen. Die mikrobiologischen Untersuchungen unter anderem der Schläuche des Mischautomaten für die Nährlösungen dauerten am Mittwoch noch an. Die politische Debatte um Klinikhygiene ging unterdessen weiter - auch wenn es sich in dem Mainzer Fall nicht um die typischen Fälle mit multiresistenten Krankenhauskeimen handelt. Kliniken in ganz Deutschland kündigten an, ihre Verfahren bei der Herstellung von Infusionen zu überprüfen, wie eine Umfrage der dpa ergab. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) schloss sich Forderungen nach schärferen Regeln bei der Klinikhygiene an. (pps.)

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