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Hochsensibilität : Wenn die Welt zu viel von dir fordert

  • -Aktualisiert am

Hochsensibel zu sein ist anstrengend. Ob es eine Krankheit ist, darüber sind sich Experten nicht einig. Bild: Allan Sanders

Manche Menschen nehmen Gerüche, Geräusche oder Bilder viel intensiver wahr als andere. Für die Betroffenen ist das eine Last. Aber ist es auch eine Krankheit?

          Bevor Ute Pinkert durch die Fußgängerzone ihrer Wahlheimat Erlangen läuft, setzt sie ihre Brille ab. Die Brille, das versteht sich von selbst, ist Pinkert von ihrem Augenarzt verschrieben worden, damit sie ihre Umgebung präziser wahrnehmen kann. Die anderen Menschen, die Waren in den Schaufenstern, die Vögel auf der Parkbank. Doch Pinkert hält es nicht besonders gut aus, Dinge genau wahrzunehmen: Sie meidet Parfümerien, weil die Gerüche ihr wie eine Springflut in die Nase steigen. Sie fährt nicht gerne U-Bahn, weil es in den Wagen oft eng und laut und voll ist. Sie erfindet Ausreden wenn sie zu Partys eingeladen wird, weil ihr die Musik und die Gespräche der anderen schier unerträglich laut erscheinen.

          Gerüche, Geräusche, Bilder, Geschmäcker oder Ertastbares – jeden dieser Reize nimmt Ute Pinkert stärker wahr als die meisten anderen Menschen. Die Reize können dazu führen, dass sie sich schon nach wenigen Minuten extrem gestresst fühlt und den Drang verspürt, sich zurückzuziehen. Wenn andere sich auf der Autobahn auf ihr Überholmanöver konzentrieren und die Stimme des Nachrichtensprechers im Radio für einige Minuten nahezu ignorieren, zwingt Pinkerts Körper sie dazu, auf beides gleichermaßen zu achten. Nach einer Autofahrt ist sie meist völlig erschöpft. Sie selbst sagt: „Mir fehlt so etwas wie ein Filter.“ Pinkert hat das Gefühl, dass die Welt zu viel von ihr fordert. Was für andere ganz normaler Alltag ist, ist für sie oft eine Qual, von der sie immer wieder Ruhepausen braucht.

          Es gibt Psychologen, die sagen: Ute Pinkert ist mit einem besonders empfindlichen Nervensystem geboren und dadurch hochsensibel – so wie angeblich jeder fünfte Mensch auf der Welt. Entstanden ist der Begriff schon im Jahr 1987, doch bis heute weiß niemand ganz genau, was er beschreiben soll: Ist Hochsensibilität eine Charaktereigenschaft? Ist sie genetisch bedingt? Nicht einmal die grundlegendste Frage ist bislang geklärt: Gibt es tatsächlich Menschen, die mit einem besonders empfindlichen Nervensystem geboren werden? Und wenn ja: Woran liegt das?

          Angeborenes Temperament mit Überschneidungen zum Autismus

          Sandra Konrad ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bundeswehruniversität in Hamburg und eine von wenigen Forschern, die sich mit dem Thema beschäftigen. Konrad vermutet, dass es sich bei Hochsensibilität um ein angeborenes Temperament handelt, das im Laufe des Lebens durch prägende Erlebnisse stärker oder schwächer werden kann. Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, dass es Überschneidungen mit anderen psychologischen Phänomenen gibt, beispielsweise mit Autismus. „Es könnte passieren, dass wir nach weiteren Jahren der Forschung eines Tages zu dem Schluss kommen, dass Hochsensibilität kein eigenständiges Phänomen ist“, sagt Konrad.

          Gerüche, die andere nur leicht stören, etwa von Zigarettenkippen, belasten Hochsensible stark.

          Bislang existieren einige Fragebögen, von denen ihre Entwickler behaupten: Wer die Fragen beantwortet, bekommt eine gute Einschätzung, ob er hochsensibel ist oder nicht. Die Parameter dafür sind aber alles andere als klar: Wissenschaftler streiten zum Beispiel darüber, ob Hochsensible in einer eigenen Welt leben, die sie grundsätzlich anders wahrnehmen, oder ob es einen fließenden Übergang von normal empfindsamen zu hochsensiblen Menschen gibt.

          Andererseits gibt es bereits einige Belege dafür, dass hochsensible Menschen Reize tatsächlich grundlegend anders verarbeiten: Die amerikanische Psychologin Elaine Aron beschäftigt sich seit der Entdeckung ihrer eigenen Hochsensibilität vor rund 30 Jahren intensiv mit dem Thema. 1987 ließ sich Aron operieren und hatte anschließend den Eindruck, dass der Eingriff sie ungewöhnlich stark mitgenommen hatte. Sie suchte eine Therapeutin auf, die nichts Krankhaftes feststellen konnte, Aron aber als hochsensibel bezeichnete.

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