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HIV-Prävention : Aufs Kondom verzichten?

Neue Botschaft: Unter bestimmten Voraussetzungen können HIV-Infizierte beim Sex auf ein Kondom verzichten Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Aidshilfe überrascht mit einer neuen Position, die jahrelange Arbeit womöglich in Gefahr bringen könnte. In einem Positionspapier wird nahegelegt, dass HIV-Infizierte, die therapiert werden, unter bestimmten Voraussetzungen beim Sex auf ein Kondom verzichten können.

          Vor fast 15 Monaten hatte die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) in der Schweiz ein Positionspapier veröffentlicht, das seither nicht nur die Deutsche Aidshilfe in Erklärungsnöte brachte. Darin wurde nahegelegt, dass HIV-Infizierte, die therapiert werden, unter bestimmten Voraussetzungen beim Sex auf ein Kondom verzichten können. So zumindest konnten es viele Betroffene verstehen. Das aber schien die HIV-Prävention der vergangenen 25 Jahre auf den Kopf zu stellen. Monatelang wurde in den Aidshilfen diskutiert. Sollte man sich den Schweizern anschließen und jahrelange Arbeit womöglich in Gefahr bringen?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ganz nach dem Slogan der neuen DAH-Kampagne „Ich weiß, was ich tu“ haben sich die Verantwortlichen nun zu einem eigenen Positionspapier durchgerungen und es am Mittwoch auf der Internetseite der Aidshilfe veröffentlicht. Es bestätigt im Grunde die Schweizer Position. Einleitend heißt es, „dass die antiretrovirale Therapie (ART) die Lebenserwartung von Menschen mit HIV deutlich erhöht und die Lebensqualität vieler Positiver wesentlich verbessert“ habe. Sie habe „einen wichtigen primärpräventiven Nebeneffekt: das Ansteckungsrisiko wird deutlich vermindert“.

          Lebensweltorientierte Prävention und Gesundheitsförderung

          Wie schon die EKAF weist die DAH auf Voraussetzungen hin, die dazu führen, dass auch ein HIV-Positiver als nicht infektiös gelten kann: Die Viruslast ist seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze, die antiretroviralen Medikamente werden konsequent eingenommen, beim Sexualpartner liegen keine Schleimhautdefekte zum Beispiel als Folge sexuell übertragbarer Infektionen vor. Dann, so heißt es bei EKAF und DAH, ist das Risiko einer HIV-Übertragung so gering wie bei Sex unter Verwendung von Kondomen. „Unsere bisherigen Safer-Sex-Botschaften werden durch diese Aussage sinnvoll und wirksam ergänzt; in der Prävention eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten.“

          Die DAH vertritt den Ansatz der „lebensweltorientierten Prävention und Gesundheitsförderung“. Schon das Kondom barg ein Restrisiko, war und ist aber viel sicherer als ungeschützter Geschlechtsverkehr. Einen hundertprozentigen Schutz indes, auch das schreibt die DAH, gebe es „nur bei Abstinenz“, die wiederum dauerhaft nicht „lebensnah“ sei. „Wir vertreten den Standpunkt, dass auch ,Besser-als-nichts-Strategien' wichtige Pfeiler im Köcher der Prävention sind.“

          Die Gefahr ist aber groß, dass die zusätzliche Präventionsbotschaft nicht von jedem verstanden wird. Allerdings sprachen Ärzte schon lange vor der EKAF-Veröffentlichung mit einigen ihrer HIV-positiven Patienten über die Unwahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung unter bestimmten Bedingungen. Gerade Partner in festen Beziehungen, womöglich mit Kinderwunsch, stören sich auf Dauer an dem Kondom. Vielleicht möchten sie sogar ein Kind auf natürlichem Wege zeugen, was ihnen die Medizin inzwischen ermöglicht. Auch das ist keine ganz neue Erkenntnis, wird aber ausdrücklich im Positionspapier der Aidshilfe erwähnt. Über die nötige Selbstverantwortung (und sei es nur, seine Medikamente regelmäßig einzunehmen), verfügen aber längst nicht alle HIV-Positiven. Viele wissen zudem nichts von ihrer HIV-Infektion. Sie zu erreichen ist die eigentliche Herausforderung nicht nur der Aidshilfen - wie die seit Jahren in Deutschland kontinuierlich wieder steigenden Infektionszahlen beweisen.

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