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HIV Leben mit dem neuen Aids

 ·  Auf dem Aids-Kongress in Hannover geht es vor allem darum, Vorurteile abzubauen. Denn obwohl in Deutschland so viele HIV-Infizierte leben wie nie zuvor, ist der Umgang mit dem Virus alles andere als normal.

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Vor zehn Jahren hat er sich niedergelassen und behandelt in seiner Praxis schwerpunktmäßig auch viele HIV-Positive. Dass der „Herr Doktor“ selbst seit 13 Jahren mit dem HI-Virus infiziert ist, wissen die wenigsten seiner Patienten. Martin wollte zunächst nicht auf die Bühne der Niedersachsenhalle im Hannover Congress Centrum kommen, um an der Veranstaltung „HIV im Erwerbsleben“ teilzunehmen. Er wollte lieber anonym bleiben, seine Antworten auf die an ihn zuvor gerichteten Fragen hatte er sogar schon schriftlich eingereicht. Nun aber sitzt er doch vor dem großen Publikum und berichtet persönlich von seinem Arbeitsalltag.

Schnell wird klar, warum er seine HIV-Infektion lieber verschweigt. Erst kürzlich sei ein Mann zu ihm gekommen, um einen Aids-Test machen zu lassen. Als der Arzt nach dem Grund fragte, erzählte ihm sein Patient, er habe gehört, der Pächter einer Kneipe, die er hin und wieder besuche, sei HIV-infiziert. Ob er denn mit dem Mann ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt habe, will der Arzt wissen. Natürlich nicht. Er sei ja nicht schwul. Aber allein mit dem Mann in einem Raum gewesen zu sein brachte den Patienten dazu, sich sicherheitshalber mal testen zu lassen. „Mir blieb erst mal die Luft weg“, sagt Martin.

In Deutschland leben so viele HIV-Infizierte wie nie zuvor

„Aids und Arbeit“ ist nur eines der Themen bei dem fünften Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress (DÖAK) in Hannover, der an diesem Samstag endet. Alle zwei Jahre treffen sich mehr als 1000 HIV-Behandler und Forscher vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, um sich auszutauschen. Dabei wird über neue Studienergebnisse gesprochen, in Hannover etwa über die Chemo-Prophylaxe, bei der die vorsorgliche Einnahme antiviraler Medikamente eine HIV-Infektion vermeiden soll, oder auch über Themen, wie sie die Betroffenen aus der „Community“ umtreiben. Und so passt das Motto des DÖAK vor allem zu dem gesellschaftspolitischen Schwerpunkt der Veranstaltung: „WISSENschaft Dir Perspektiven“.

Dreißig Jahre nach der Entdeckung einer Krankheit, die später den Namen Aids bekommen sollte, beklagen viele HIV-Positive, dass sie, sobald ihre Infektion bekannt wird, noch immer von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Dabei leben inzwischen in Deutschland so viele HIV-Infizierte wie nie zuvor. Rund 70.000 Menschen tragen das Aids-Virus in sich, jedes Jahr kommen knapp 3000 neu diagnostizierte Fälle hinzu, obwohl nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Kondomnutzung in Deutschland inzwischen einen Höchststand erreicht hat: Der Anteil derjenigen mit mehreren Sexualpartnern, die immer, häufig oder gelegentlich Kondome verwenden, lag im Jahr 2010 bei 86 Prozent. Im Jahr 2000 waren es 79 Prozent, noch zehn Jahre früher 63 Prozent.

Trotzdem infizieren sich weiterhin jedes Jahr viele vor allem junge Menschen. Ein Grund ist eine seit Jahren stetige Zunahme von weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten (unter anderen Clamydien, Syphilis und Gonorrhoe), die das Risiko einer HIV-Infektion massiv erhöhen können. Zudem wissen viele HIV-Positive nichts von ihrer Ansteckung. Und gerade sie sind häufig Überträger des Virus.

Mit einer HIV-Infektion kann man leben, sogar arbeiten

Zugleich steigt der Anteil der älteren Infizierten, denn Aids ist von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung geworden. Jeder vierte HIV-Positive ist mittlerweile älter als 50 Jahre. Dank der immer besseren Medikamentengruppen, die kombiniert und zunehmend auch ohne schwere Nebenwirkungen eingesetzt werden, kann der größte Teil von ihnen arbeiten: Fast zwei Drittel der Infizierten sind berufstätig, das heißt, auf durchschnittlich 1000 Beschäftigte kommt inzwischen eine Person, die das Virus in sich trägt.

Dass Aids aber nicht mit anderen chronischen Krankheiten wie Diabetes zu vergleichen ist, zeigt sich nicht zuletzt im Erwerbsleben. Ein HIV-Positiver, der offen mit seiner Erkrankung umgeht, hat kaum Chancen, eine Arbeit zu bekommen. Als Grund werde dann natürlich nicht die Infektion angegeben. „Man ist einfach zu jung, zu alt, überqualifiziert oder spricht eine Fremdsprache zu wenig“, sagt Siegfried Schwarze vom Community-Board des Kongresses. Wer eine Arbeit hat, sich infiziert und die Ansteckung publik macht, wird oft von den Kollegen gemobbt - selbst wenn es sich um eine Stelle bei einer kirchlichen oder sozialen Einrichtung handelt, wie eine der Teilnehmerinnen auf dem Podium erzählt. Meist sorgen die Fehlzeiten des Arbeitnehmers für Unmut: Was bei einer Krebserkrankung hingenommen wird, macht man einem Aidskranken schnell zum Vorwurf, denn er ist ja vermeintlich selbst schuld an seiner Situation. Umfragen zeigen, dass viele Deutsche noch immer der Meinung sind, Aids sei eine Strafe für unmoralisches Verhalten.

Schwule infizieren sich häufig, Frauen selten

Kein Wunder, dass nur drei von 100 infizierten Frauen es überhaupt wagen, offen über ihre Infektion zu sprechen. Selbst innerhalb der eigenen Familie verschweigen die meisten ihre Ansteckung. Frauen aber sind unter den HIV-Infizierten noch immer klar in der Minderzahl; nur etwa 13.000 sind in Deutschland betroffen. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern: Im vergangenen Jahr wurde der Aidserreger bei 2700 Männern neu diagnostiziert und nur bei knapp 300 Frauen.

Fast zwei Drittel der Infizierten sind Schwule. Besorgniserregend ist vor allem die Situation bei den unter Dreißigjährigen, wie Osamah Hamouda vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) berichtet. Junge Schwule ließen sich allerdings vergleichsweise oft und regelmäßig testen, sodass ihre Infektion früh erkannt werde. Das gelte gerade bei Älteren und bei Menschen, die sich auf heterosexuellem Wege infiziert oder die einen Migrationshintergrund haben, nicht. So sei bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten das Vollbild Aids bereits ausgeprägt.

Suizide unter Infizierten sind keine Seltenheit

Von Aids spricht man, wenn das Immunsystem eines Infizierten schon so stark geschwächt ist, dass andere opportunistische Erkrankungen auftreten. An ihnen kann ein Arzt unschwer eine HIV-Infektion auch ohne Test erkennen. Dazu gehört vor allem eine durch einen Pilz verursachte Lungenentzündung (Pneumocystispneumonie), bis heute eine häufige Todesursache. Doch in den Zeiten des sogenannten „neuen Aids“, in denen ein HIV-Infizierter in Deutschland fast eine Lebenserwartung wie ein gesunder Mensch hat - die Differenz liegt bei geschätzten zehn Jahren -, hat sich auch die Mortalität der Patienten stark geändert. Inzwischen sterben sie am häufigsten an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, was auch in der Normalbevölkerung die häufigste Todesursache ist, gefolgt von Krebs und Infektionen.

Besonders hoch allerdings ist bei HIV-Infizierten mit 15,4 Prozent der Anteil der Suizide. Mit schuld daran ist nicht allein die Diskriminierung und Stigmatisierung durch die Gesellschaft, sondern oft auch eine Selbststigmatisierung. Viele HIV-Positive fühlen sich schuldig und verantwortlich für ihre Probleme. Sie können ihre Krankheit nicht akzeptieren. Die Folge sind Depressionen, die oftmals auch mit Alkohol und Rauschgift bekämpft werden, wie Statistiken belegen.

Eine früh einsetzende Therapie ist wirtschaftlich günstiger

Ein weiterer Aspekt, über den auf dem DÖAK gesprochen wird, sind die wachsenden Therapiekosten. Bis Ende 2010 dürften annähernd 50.000 HIV-Positive eine antiretrovirale Behandlung bekommen haben. Bislang schätzen die Aidsorganisationen in Deutschland, dass die Therapie eines HIV-Infizierten insgesamt rund eine halbe Million Euro kostet, allerdings steigen die Kosten derzeit jährlich um mehr als fünf Prozent an.

Norbert H. Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/Aids und Mitglied des Nationalen Aids-Beirats des Bundesgesundheitsministeriums, schätzt die durchschnittlichen Jahreskosten auf 25.000 bis 30.000 Euro - „wahrscheinlich sind es etwas weniger“. Das summiert sich im Jahr auf etwa 1,25 Milliarden Euro. Bei einer geschätzten Behandlungsdauer von 30 Jahren ergeben sich auf diese Weise 40 Milliarden Euro.

„Ein frühzeitiger Therapiebeginn ist dabei finanziell deutlich günstiger als ein späterer“, erläutert der Immunologe von der Uniklinik in Bochum, „da so bereits früh auftretende, kostenintensive Behandlungen vermieden werden können.“ Auch gesamtwirtschaftlich ist nach Angaben Brockmeyers ein früherer Therapiebeginn günstiger, „aufgrund der damit verbundenen verlängerten Lebensarbeitszeit“.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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