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HIV : Leben mit dem neuen Aids

Angefärbte HIV-Viren unter dem Elektronenmikroskop. Bild: REUTERS

Auf dem Aids-Kongress in Hannover geht es vor allem darum, Vorurteile abzubauen. Denn obwohl in Deutschland so viele HIV-Infizierte leben wie nie zuvor, ist der Umgang mit dem Virus alles andere als normal.

          Vor zehn Jahren hat er sich niedergelassen und behandelt in seiner Praxis schwerpunktmäßig auch viele HIV-Positive. Dass der „Herr Doktor“ selbst seit 13 Jahren mit dem HI-Virus infiziert ist, wissen die wenigsten seiner Patienten. Martin wollte zunächst nicht auf die Bühne der Niedersachsenhalle im Hannover Congress Centrum kommen, um an der Veranstaltung „HIV im Erwerbsleben“ teilzunehmen. Er wollte lieber anonym bleiben, seine Antworten auf die an ihn zuvor gerichteten Fragen hatte er sogar schon schriftlich eingereicht. Nun aber sitzt er doch vor dem großen Publikum und berichtet persönlich von seinem Arbeitsalltag.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Schnell wird klar, warum er seine HIV-Infektion lieber verschweigt. Erst kürzlich sei ein Mann zu ihm gekommen, um einen Aids-Test machen zu lassen. Als der Arzt nach dem Grund fragte, erzählte ihm sein Patient, er habe gehört, der Pächter einer Kneipe, die er hin und wieder besuche, sei HIV-infiziert. Ob er denn mit dem Mann ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt habe, will der Arzt wissen. Natürlich nicht. Er sei ja nicht schwul. Aber allein mit dem Mann in einem Raum gewesen zu sein brachte den Patienten dazu, sich sicherheitshalber mal testen zu lassen. „Mir blieb erst mal die Luft weg“, sagt Martin.

          In Deutschland leben so viele HIV-Infizierte wie nie zuvor

          „Aids und Arbeit“ ist nur eines der Themen bei dem fünften Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress (DÖAK) in Hannover, der an diesem Samstag endet. Alle zwei Jahre treffen sich mehr als 1000 HIV-Behandler und Forscher vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, um sich auszutauschen. Dabei wird über neue Studienergebnisse gesprochen, in Hannover etwa über die Chemo-Prophylaxe, bei der die vorsorgliche Einnahme antiviraler Medikamente eine HIV-Infektion vermeiden soll, oder auch über Themen, wie sie die Betroffenen aus der „Community“ umtreiben. Und so passt das Motto des DÖAK vor allem zu dem gesellschaftspolitischen Schwerpunkt der Veranstaltung: „WISSENschaft Dir Perspektiven“.

          ...Trotzdem: 3000 Menschen steckten sich 2010 in Deutschland an
          ...Trotzdem: 3000 Menschen steckten sich 2010 in Deutschland an : Bild: dpa

          Dreißig Jahre nach der Entdeckung einer Krankheit, die später den Namen Aids bekommen sollte, beklagen viele HIV-Positive, dass sie, sobald ihre Infektion bekannt wird, noch immer von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Dabei leben inzwischen in Deutschland so viele HIV-Infizierte wie nie zuvor. Rund 70.000 Menschen tragen das Aids-Virus in sich, jedes Jahr kommen knapp 3000 neu diagnostizierte Fälle hinzu, obwohl nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Kondomnutzung in Deutschland inzwischen einen Höchststand erreicht hat: Der Anteil derjenigen mit mehreren Sexualpartnern, die immer, häufig oder gelegentlich Kondome verwenden, lag im Jahr 2010 bei 86 Prozent. Im Jahr 2000 waren es 79 Prozent, noch zehn Jahre früher 63 Prozent.

          Trotzdem infizieren sich weiterhin jedes Jahr viele vor allem junge Menschen. Ein Grund ist eine seit Jahren stetige Zunahme von weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten (unter anderen Clamydien, Syphilis und Gonorrhoe), die das Risiko einer HIV-Infektion massiv erhöhen können. Zudem wissen viele HIV-Positive nichts von ihrer Ansteckung. Und gerade sie sind häufig Überträger des Virus.

          Mit einer HIV-Infektion kann man leben, sogar arbeiten

          Zugleich steigt der Anteil der älteren Infizierten, denn Aids ist von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung geworden. Jeder vierte HIV-Positive ist mittlerweile älter als 50 Jahre. Dank der immer besseren Medikamentengruppen, die kombiniert und zunehmend auch ohne schwere Nebenwirkungen eingesetzt werden, kann der größte Teil von ihnen arbeiten: Fast zwei Drittel der Infizierten sind berufstätig, das heißt, auf durchschnittlich 1000 Beschäftigte kommt inzwischen eine Person, die das Virus in sich trägt.

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