18.04.2004 · Die Infektion von zwei Sexdarstellern mit dem Aidsvirus HIV hat Amerikas milliardenschwere Pornoindustrie weitgehend zum Stillstand gebracht. Filmproduzenten plädieren für eine zweimonatige Quarantäne.
„Angst“, sagt Mary Carey. „Das ist es, was im San Fernando Valley umgeht, nackte Angst.“ Die Sex-Darstellerin denkt ans Aussteigen seit die Hiobsbotschaft durch „Pornywood“ raste, jenes sonnige Tal unweit von Hollywood, wo Amerikas Milliarden schwere Sexfilmindustrie konzentriert ist: „Darren James ist HIV positiv!“ Seit letzten Donnerstag liegt die Branche weitgehend lahm, lassen sich hunderte ihrer Akteure erneut auf Aids testen.
Mindestens eine Filmpartnerin - eine junge Kanadierin, die erst seit drei Monaten Pornos drehte - soll der populäre Darsteller James vor laufender Kamera ungewollt angesteckt haben. Insgesamt könnte er den todbringenden Virus bei Dreharbeiten auf 14 Frauen übertragen haben. Die wiederum hatten in den drei Wochen zwischen James' letztem negativen Test und der HIV-Diagnose am vergangenen Donnerstag Sexdrehs mit 51 männlichen Kollegen, wie die amerikanische Vereinigung der Produzenten von „Erwachsenen-Filmen“ ermittelte.
Enthaltsamkeit bis MItte Juni
Nun hat die „Porno-Filmakademie“ ihre mehrere hundert Mitglieder zu einem Krisengipfel gebeten. Noch bis Mitte Juni sollen die Studios, die zusammen jährlich rund 4000 Filme und Videos auf den Markt bringen, Enthaltsamkeit üben. „Erst nach einer 60-Tage-Quarantäne können wir wissen wir, ob sich HIV weiter ausgebreitet hat oder nicht“, sagt Sharon Mitchell.
Die Ärztin, die einst selbst ein Sex-Star war, leitet die Adult Industry Medical Healthcare Foundation, die Betriebsklinik der Branche. Alle drei Wochen müssen sich deren mehr als 1200 Akteure auf HIV und andere Erreger untersuchen lassen. Nur wenn sie „sauber“ sind, dürfen sie vor der Kamera intim werden.
Mit dieser Regelung hofften die Bosse der wahrscheinlich größten Pornoindustrie der Welt eine Wiederholung des HIV-Skandals von 1998 zu verhindern. Damals hatte ein Darsteller fünf Partnerinnen infiziert, ehe er aus dem Verkehr gezogen wurde. Der neue Fall „ist ein Weckruf für uns alle“, sagt Carey, die sich vergangenes Jahr in tief ausgeschnittenen Blusen und mit einem Anti-Aids-Programm um das kalifornische Gouverneursamt beworben hatte. „Wir brauchen die Kondompflicht für alle Filme.“
„Filme ohne Überzieher verkaufen sich besser“
Bislang wurden nur in 17 Prozent der amerikanischen Pornos Kondome verwendet, sagt Mitchell. „Filme ohne Überzieher verkaufen sich viel besser.“ So mancher Produzent befürchte Einbußen, wenn nur noch „Gummi-Filme“ gedreht werden dürften. 2003 wurden die Umsätze der Pornobranche auf 13 Milliarden Dollar (10,8 Milliarden Euro) geschätzt, was der Staatsverschuldung des südamerikanischen Landes Ekuador entspricht.
„Wir dürfen nicht nur aufs Geld sehen“, verlangt die einstige Porno-Darstellerin und heutige Studiochefin Jill Kelly. „Schließlich geht es hier um Menschenleben.“