16.02.2004 · Mit Unterstützung von Initiativen und Stiftungen wird in Deutschland eine Studie zur Entwicklung eines Aids-Impfstoffes realisiert. 50 Behandlungen an Probanden sollen Klarheit über die Wirkung schaffen.
Die erste klinische Studie zu einem Impfstoff gegen das HI-Virus ist in Deutschland begonnen worden. Ein Präventivimpfstoff hat, laut den Wissenschaftlern, die beste Chance die Ausbreitung der Aids-Epidemie einzudämmen. Die Universitätskliniken Bonn und Eppendorf in Hamburg, die eine Partnerschaft mit der Internationalen Aids-Impfstoffinitiative (IAVI), dem Biotechnologie-Unternhemen Targeted Genetics Corp. und dem Columbus Children's Research Institute (CCRI) eingegangen sind, beteiligen sich an der Studie. Die Erlaubnis zum Beginn der Studie wurde vom Kommittee für Somatische Gentherapie erteilt.
Der Leiter des Projekts, Jan van Lunzen, äußert sich zum Gelingen der Studie optimistisch: „Durch Präventivimpfstoffe wurden die Pocken besiegt, die Kinderlähmung nahezu ausgerottet und dutzende andere tödliche Krankheiten bekämpft. Mit dieser neuen Studie in Deutschland führen wir die Welt einen Schritt näher an einen Impfstoff heran, der Aids besiegen wird.“
Immunsystem gegen Angriff des HI-Virus rüsten
Der Name des von Targeted Genetics und CCRI entwickelten Impfstoffkandidaten ist tgAAC09, der in der Studie eingesetzt wird. Das Präparat mit dem komplizierten Namen versucht Reaktionen des Immunsystems hervorzurufen, um eine Infektion mit dem HI-Virus und die Ausbildung von Aids zu verhindern. Allerdings richtet sich der Impfstoff ausschließlich gegen HI-Viren vom Subtyp C. Diese Variante ist weltweit für die meisten Ansteckungen verantwortlich und dominiert in vielen Entwicklungsländern.
Das 200.000 Euro Projekt leitet die IAVI. Dr. Seth Berkley, Doktor der Medizin, Präsident und Vorstandsvorsitzender von IAVI: „Wir freuen uns darüber, dass die führenden Wissenschaftler Deutschlands sich den globalen Bemühungen angeschlossen haben, einen Präventivimpfstoff gegen Aids zu entwickeln. Ihr Engagement ist wesentlich in unserem Bestreben, die Entwicklung eines Impfstoffes zu beschleunigen.“ Bei Tierenerprobt, hat sich der Impfstoff-Kandidat schon als vielversprechend erwiesen. Die Versuchstiere, Affen, entwickelten nach der Behandlung mit dem Präparat Antikörper gegen das HI-Virus.
Genetisch verändertes Virus
Der Impfstoffkandidat basiert auf dem harmlosen, genetisch veränderten Adeno-assoziierten Virus tgAAC09. Amerikanische Forscher bearbeiteten es so, daß es nun eine synthetisch hergestellte Kopie von einem Teil des HIV-Erbguts enthält und daher HIV-Proteine produzieren kann. Der Bonner Leiter der Studie, Nazifa Qurishi, hält das Virus für völlig harmlos: "tgAAC09 kann sich weder im Körper vermehren, noch eine HIV-Infektion hervorrufen".
Ob der Impfstoff auch beim Menschen zu einer Immunantwort führt und ob allergische Reaktionen zu befürchten sind, das soll die Studie nun herausstellen. Mit der Hilfe von Blutproben können die Wissenschaftler dann die Antwort des Immunsystems der, mit dem Impfstoff behandelten Probanden, feststellen. Außerdem soll die Studie darüber informieren, inwieweit unterschiedliche Dosierungen des Präparats Einfluß auf Sicherheit der Impfung und Immunreaktion haben.
Auf der Suche nach Impfstoffen
Nach Schätzungen von IAVI befinden sich bereits circa 25 Präventivimpfstoffkandidaten, die, auf sechs Kontinenten verteilt, in der Phase der klinischen Erprobung sind. IAVI unterstützt fünf dieser Projekte und führte diese von der Konzept- in die Versuchsphase. Die im Jahr 1996 gegründete und derzeit in 22 Ländern aktive Organisation finanziert wissenschaftliche Partnerschaften zur Erforschung und Entwicklung von Aids-Impfstoffkandidaten. Ziel der Initiative ist es, einen dieser Impfstoffe, sobald entwickelt, unverzüglich allen Menschen zugänglich zu machen. Gesponsert wird die IAVI vorallendingen von amerikanischen Stiftungen, aber auch europäische Regierungen haben einen Anteil an der Unterstützung der Initiative.
Die bereits abgeschlossenen Testreihen mit anderen Impfstoffen gegen HIV waren allesamt erfolglos und erst seit wenigen Jahren wird verstärkt an Impfstoffen speziell für den in Entwicklungsländern verbreiteten HIV-Typ geforscht.
Doch der neu entwickelte Impfstoff könnte nach Angaben der Forscher auch auf HI-Viren in Europa und Nordamerika angewendet werden.
„Aids an mehreren Fronten bekämpfen“
Die Deutsche Aids-Stiftung zeigt sich von dem Versuch angetan. "Wir können den Kampf gegen Aids nur dann gewinnen, wenn wir an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen. Während Deutschland auch weiterhin daran arbeiten wird, Aids mit den bestehenden Mitteln einzudämmen, so müssen wir doch gleichzeitig auch nach neuen Wegen suchen, und dabei nimmt ein Präventivimpfstoff eine führende Rolle ein," so Ulrich Heide, der geschäftsführender Vorstand der Stiftung.
Reinhard Kurth, Präsident des Robert Koch-Instituts, Berlin, sagte: „Aids ist die größte medizinische Katastrophe der Neuzeit. Der Start der ersten Phase-1-Studie in Deutschland zeigt, dass hiesige Wissenschaftler weltwelt konkurrenzfähig sind. Ein Erfolg wäre schon, wenn wir einen Impfstoff hätten, der die Anzahl der Viren nach einer Infektion drastisch reduziert.“ Dieselbe Studie läuft zurzeit auch in Belgien und umfaßt insgesamt 50 Testpersonen. Bei einem Erfolg der Versuche sind weitere und umfangreichere Versuche mit tgAAC09 geplant.