13.02.2007 · Mehrere Studien haben gezeigt, dass die männliche Beschneidung das Risiko einer HIV-Infektion deutlich verringert. Ein Allheilmittel ist sie nicht, doch in Gebieten, in denen sich Aids rasend schnell ausbreitet, können so Millionen Leben gerettet werden.
Von Peter-Philipp SchmittMarwick Khumalo gibt sich als verantwortungsbewusster Vater. Noch ehe amerikanische Wissenschaftler von den National Institutes of Health (NIH) im Dezember die Ergebnisse zweier Studien in Uganda und Kenia vorstellten, hatte er schon seine Söhne zur Beschneidung geschickt. „Ich will zeigen, wie ernst es mir ist“, sagt Khumalo, der die Bürger der Stadt Lobamba im Parlament von Swasiland vertritt und zeitweise Sprecher des Hohen Hauses war. Er setzt sich dafür ein, dass alle Jungen in seinem Land beschnitten werden. Sein kenianischer Kollege Jimmy Angwenui geht sogar noch einen Schritt weiter: „Um die Ausbreitung von HIV/Aids aufzuhalten, sollten Regierungen die männliche Beschneidung zur Pflicht machen.“
Ganz anders reagiert die Chinesin Ru Xiaomei Mitte Januar - gut vier Wochen nach der Veröffentlichung der viel beachteten afrikanischen Untersuchungen. Die stellvertretende Direktorin der staatlichen Kommission, die in der Volksrepublik für Bevölkerungsfragen und Familienplanung zuständig ist, glaubt, dass die Verbreitung von Aids in ihrem Land noch nicht die Ausmaße angenommen hat wie in Afrika. „Wir sollten vorsichtig sein. Die männliche Beschneidung ist in China, anders als in anderen asiatischen Ländern wie Südkorea, Japan oder Indonesien, kein großes Thema.“
Beschnittene Männer sind besser geschützt
So könnten Chinesen, bis auf die wenigen Landsleute muslimischen Glaubens, schnell eine ablehnende Haltung gegen den operativen Eingriff einnehmen. Zudem wäre eine Kampagne, die die Beschneidung befördern sollte, ziemlich teuer: „Es gibt 1,3 Milliarden Chinesen!“ Wie weit das HI-Virus sich inzwischen in China ausgebreitet hat, ist umstritten. Manche Mediziner befürchten, die Prävalenz könnte schon bald afrikanische Ausmaße erreichen.
Männer, die beschnitten sind, sind beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Frau besser vor einer Infektion geschützt als ihre unbeschnittenen Geschlechtsgenossen. Das belegen nicht zuletzt die beiden Studien aus Kenia und Uganda. Die Ergebnisse waren so eindeutig, dass die mehrjährigen Untersuchungen im Dezember 2006 aus ethischen Gründen vorzeitig abgebrochen wurden. Den noch unbeschnittenen Teilnehmern wurde der operative Eingriff dringend empfohlen.
Ansteckungsrisiko um 50 Prozent geringer
An den Studien, die vor allem von den National Institutes of Health und somit vom amerikanischen Gesundheitsministerium finanziert wurden, nahmen seit August 2003 im ugandischen Distrikt Rakai 4.996 Männer im Alter zwischen 15 und 49 Jahren und seit Februar 2002 in der Hafenstadt Kisumu im Westen Kenias 2.784 Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren teil. Nach dem Zufallsprinzip wurden die allesamt bislang unbeschnittenen heterosexuellen und HIV-negativen Männer in jeweils zwei Gruppen aufgeteilt - die eine wurde beschnitten, die andere nicht.
Alle Beteiligten bekamen zudem umfangreiche Informationen darüber an die Hand, wie man sich mit HIV infizieren kann. Regelmäßig wurden sie mit Kondomen versorgt. Im Dezember stellten die Forscher fest, dass sich bei der Studie in Uganda 43 unbeschnittene und 22 beschnittene Männer mit HIV infiziert hatten, in Kenia waren es 47 unbeschnittene und ebenfalls 22 beschnittene Männer. Die Mediziner folgerten, dass sich das Risiko einer Ansteckung mit dem HI-Virus um rund 50 Prozent verringere, wenn ein Mann keine Vorhaut mehr habe.
Protein verhindert das Eindringen des HI-Virus
Die männliche Vorhaut ist für eine HIV-Infektion besonders empfänglich, das zeigen Laboruntersuchungen schon seit langem. So sitzen an ihrer Innenseite Zellen, die von dem Virus besonders angegriffen werden - darunter Immunzellen wie die CD4-T-Helferzellen, die Fresszellen (Makrophagen), die dendritischen und die Langerhans-Zellen.
Der Erreger verfängt sich zudem leichter unter der Vorhaut, wo er in der feuchten und warmen Umgebung gut überleben kann, was das Infektionsrisiko nochmals erhöht - vor allem auch deshalb, weil die beim Geschlechtsverkehr beanspruchte Vorhaut oft kleinste Verletzungen aufweist. Da bei beschnittenen Männern darüber hinaus die freiliegende Eichel trockener ist, produzieren die Keratinozyten, die in der menschlichen Haut am häufigsten vorkommenden Zellen, mehr Keratin: Und dieses Protein verhindert ebenfalls ein Eindringen des HI-Virus.
Harnwegsinfekte und Geschlechtskrankheiten seltener
Die Erkenntnisse, dass beschnittene Männer besser vor sexuell übertragbaren Krankheiten geschützt sind, ist nicht neu. Sie geben, wie medizinische Untersuchungen bewiesen haben, seltener das humane Papillomvirus (HPV) weiter, das unter anderem verantwortlich für Penis- und Gebärmutterhalskrebs ist - Peniskarzinome sind bei ihnen sogar so gut wie unbekannt. Und auch Harnwegsinfekte und Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis treten bei Beschnittenen nicht so oft auf. Schon Mitte der achtziger Jahre wurde so erstmals ein Zusammenhang zwischen einem verminderten HIV-Infektionsrisiko und der Beschneidung beim Mann hergestellt.
Tatsächlich sind im Süden Afrikas, wo 60 Prozent der insgesamt rund 40 Millionen HIV-Infizierten leben, die Aids-Zahlen dort besonders hoch, wo die männliche Beschneidung weitgehend unbekannt ist - unter anderem in Botswana, Südafrika, Swasiland und Simbabwe. Hingegen ist die Krankheitshäufigkeit in den Ländern West- und Zentralafrikas, in denen die Beschneidung als Initiationsritus vollzogen wird, etwa in Gabun, Ghana, Kongo und Sierra Leone, wesentlich geringer. Auch in den muslimischen Ländern im Norden Afrikas, im Mittleren Osten, in der Türkei, in Pakistan und Bangladesch sowie Malaysia, Indonesien und Mauritius, scheint sich das HI-Virus weniger stark zu verbreiten.
Entfernung der Vorhaut ist kein Allheilmittel
Kritiker indes weisen daraufhin, dass ausgerechnet das westliche Land, in dem noch immer der überwiegende Teil der männlichen Bevölkerung beschnitten ist, auch seit Jahren die höchste HIV-Infektionsrate hat: die Vereinigten Staaten. Sieht man einmal davon ab, dass in Nordamerika wie in Europa Homosexuelle noch immer zu den Hauptrisikogruppen gehören und ein beschnittener Penis bei ihnen bei weitem nicht die Rolle als HIV-Schutz spielt wie bei Männern, die Sex mit Frauen haben, so verkennen die Kritiker der Studien auch, dass die Beschneidung eine Ansteckung beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr natürlich nicht dauerhaft verhüten kann. Sie verringert nur das Risiko, sich zu infizieren. Millionen beschnittener Männer haben sich in den vergangenen 25 Jahren mit HIV infiziert. Darauf weisen die Wissenschaftler der beiden Studien genauso mit Nachdruck hin wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und UN-Aids. Ohne weitere Präventionsmaßnahmen - Abstinenz, Treue, Kondome - geht es nicht.
Die Entfernung der männlichen Vorhaut ist nicht nur kein Allheilmittel - sie ist sogar vielfach gefährlich. Vor allem die rituellen Beschneidungen in Afrika führen häufig zu schweren Komplikationen bis hin zum Tod. Robert Bailey von der Universität von Illinois in Chicago, der mit zuständig für die Studie in Kenia war, hatte zuvor schon eine Untersuchung vorgelegt. Darin verglich er den rituell motivierten Eingriff mit den von Medizinern in einem Krankenhaus im kenianischen Bungoma vorgenommenen Operationen: Im ersten Fall traten bei jedem dritten Jungen gesundheitliche Probleme auf, im zweiten noch bei jedem fünften. „Bei den von uns während der Studie in Kenia durchgeführten Beschneidungen“, sagt Bailey, „kam es nach dem Eingriff nur bei 1,7 Prozent der Teilnehmer zu gesundheitlichen Komplikationen.“
Jedes weitere Zögern kostet Menschenleben
Daran aber fehlt es in Afrika, dem Kontinent, bei dem internationale Aids-Organisationen den größten Handlungsbedarf sehen, allerorten. Nach einer ersten allgemeinen Euphorie im Dezember ebbte das Interesse an den beiden gefeierten Beschneidungsstudien schnell ab. Die afrikanischen Regierungschefs hatten zwar zugesagt, sich beim achten Gipfeltreffen der Afrikanischen Union Ende Januar des Themas Beschneidung und HIV-Infektion anzunehmen, dabei blieb es aber auch. Immerhin fünf Nationen hatten sofort den Willen bekundet, Beschneidung zu einem Teil ihrer Gesundheitspolitik zu machen: Kenia (fast 80 Prozent der Kenianer sind sowieso schon beschnitten), Lesotho, Sambia, Swasiland und Tansania. Eine internationale Konferenz, die von UN-Aids und WHO ebenfalls für Januar ins Auge gefasst worden war, ist auf den 5. bis 7. März in Genf verschoben worden.
Jedes weitere Zögern aber kostet Menschenleben, während eine Beschneidung fast nichts kostet. Bailey geht nach seinen Erfahrungen in Kenia von etwa 28 Dollar (22 Euro) pro Eingriff in einem sterilen und medizinisch einwandfreiem Umfeld aus. Die Vorteile liegen dabei für einen der stärksten Fürsprecher der männlichen Beschneidung, François Venter von der Universität von Witwatersrand in Johannesburg, auf der Hand: „Es ist eine einmalige Angelegenheit, die nur 16 bis 20 Minuten dauert, dann aber einen maßgeblichen Nutzen für den Mann und den Rest seines Lebens hat.“
Zehntausende hätten verhindert werden können
Nach Venters Meinung wird nur Zeit vergeudet. Schon einmal, 2005, schien ein Wendepunkt erreicht: Damals hatten französische Wissenschaftler in Südafrika eine umfassende Studie („Orange Farm Intervention Trial“) zur männlichen Beschneidung ebenfalls vorzeitig abgebrochen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Risiko beschnittener Männer um gut 60 Prozent sinkt, sich beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr bei Frauen mit Aids anzustecken.
Zehntausende Infektionen hätten womöglich in den vergangenen fast zwei Jahren verhindert werden können, wenn denn erwachsene Männer, und nicht männliche Neugeborene, in großem Umfang beschnitten worden wären. Nur zu verständlich scheint die Frage eines Journalisten bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse im Dezember: „Wenn eine klinische Studie nachdrücklich bewiese, dass ein Aidsimpfstoff in 50 Prozent der Fälle wirksam ist, würden sie dann auch noch einmal zwei Jahre zögern und weitere klinische Studien abwarten?“
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Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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