15.09.2007 · Straßenkinder, Rauschgiftsüchtige und Prostituierte aus dem sibirischen Tomsk kommen gerne in die „Nascha Klinika“. Auch in der abgelegenen Region können Aidskranke nun endlich auf Hilfe hoffen. Peter-Philipp Schmitt hat sie besucht.
Von Peter-Philipp Schmitt, TomskZwei ungeschriebene Gesetze gibt es: Wer kommt, darf kein Rauschgift mitbringen. Und Sex ist ebenfalls verboten. Sonst ist fast alles erlaubt auf dem Gelände von „Nascha Klinika“. Das alte Industriegebäude mit dem Schornstein nebendran wurde 2002 in „Unsere Klinik“ verwandelt. Nach und nach wurde der Backsteinbau zum Treffpunkt von Straßenkindern, Rauschgiftsüchtigen und Prostituierten. Maria zum Beispiel. Sie ist 17 und kommt einmal im Monat, um feststellen zu lassen, ob sie sich beim Sex mit einer Krankheit infiziert hat. Maria arbeitet im vierten Jahr in einem Bordell. 800 Rubel (gut 20 Euro) kosten 60 Minuten mit ihr.
Im Raum nebenan sitzt Natalia Karageorgij. Sie leitet das Nadeltauschprogramm. Ihre Kundschaft bleibt zwar anonym, doch Natalia kennt trotzdem jeden einzelnen genau: „Etwa 70 Rauschgiftsüchtige kommen in der Woche.“ Rund 4000 gebrauchte Kanülen sammelt sie in dieser Zeit ein, und genauso viele teilt sie wieder aus. Im Keller wird Wanjas 15. Geburtstag gefeiert. Ein rotes Schild mit Pfeil und der Aufschrift „Kontakt“ zeigt den Weg. An der Decke schweben heute Luftballons, auf dem Tisch steht Schokoladenkuchen, liegen geschälte Bananen und geviertelte Äpfel. So was bekommen die Straßenkinder sonst nie.
Diskriminierung der anderen verbindet die Kranken
Die Straßenkinder, Rauschgiftsüchtigen und Prostituierten von Tomsk verbindet vor allem eins: Sie werden von ihren Mitbürgern diskriminiert. Die Zeiten aber, als sie nach offizieller Lesart gar nicht existierten, gehen langsam zu Ende. Das haben sie auch der „Tomsk Anti Aids Foundation“ mit der „Nascha Klinika“, ihrer Gründerin Elena Borzunowa und der in ganz Russland agierenden Nichtregierungsorganisation „Open Health Institute“ (OHI) sowie ihrem Globus-Projekt zu verdanken.
Zweierlei war für die Arbeit der Organisation von entscheidender Bedeutung: Russlands Bereitschaft, sich dem Kampf gegen Aids zu stellen – Präsident Wladimir Putin sprach erstmals im April 2006, 20 Jahre nach den ersten HIV-Infektionen in der Sowjetunion und nur wenige Wochen vor dem G-8-Gipfel in St. Petersburg, über Strategien, wie der größte Staat der Erde künftig mit der Krankheit umgehen wird – und die massive finanzielle Unterstützung von Seiten des „Global Fund To Fight Aids, Tuberculosis and Malaria“ mit Sitz in Genf.
Fast 80 Prozent der Infizierten sind Rauschgiftsüchtige
Schon 2004 hatte das OHI die zehn Regionen Russlands ausgewählt, die besonders von der Aids-Epidemie betroffen sind – darunter die Stadt Tomsk und der nach ihr benannte „Oblast“. Der Verwaltungsbezirk im Südwesten Sibiriens ist fast so groß wie Deutschland, es leben aber in dem überwiegend aus Sümpfen bestehenden Gebiet nur etwa eine Million Menschen, die Hälfte von ihnen in der Stadt Tomsk. Insgesamt, so berichtet die Chefärztin des städtischen Aidszentrums, Swetlana Solowiewa, hätten sich die HIV-Infektionszahlen seit etwa drei Jahren auf hohem Niveau stabilisiert.
Nach ihren Angaben stecken sich im Oblast Tomsk von 100.000 Einwohnern jährlich etwa 105 Personen mit dem Virus an. Allerdings gebe es zwei Ausnahmen: In Streschewoj sind es 1000, in Alexandrowskoje rund 325 Fälle auf 100.000 Einwohner. Die einfache Erklärung: In diesen Regionen wird Öl gefördert, die Menschen dort sind reicher als der Rest der Einwohner des Oblasts, sie können sich daher mehr Heroin leisten. Fast 80 Prozent der HIV-Infizierten sind Rauschgiftsüchtige, die sich regelmäßig Drogen injizieren.
„Der frühere Rauschgift-Boom hier ist wieder vorbei“
Allerdings ist ihre Zahl bei den Neuinfizierten seit 2001 stark gesunken: Waren vor sechs Jahren noch mehr als 90 Prozent derjenigen, die sich neu mit dem HI-Virus ansteckten, Rauschgiftsüchtige, so sind es inzwischen nur noch 25 Prozent. Der Rest sind Personen, die sich beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr infizieren. „Der Rauschgift-Boom zu Beginn dieses Jahrzehnts ist vorbei“, sagt Swetlana Solowjewa. Er sei unter anderem Folge der verstärkten Öffnung der Grenzen zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken, aber auch der rigiden Drogenpolitik Russlands gewesen: Rauschgiftsüchtige waren gezwungen, die wenigen verfügbaren Nadeln untereinander zu tauschen.
Denn wer mit einer Spritze ertappt wurde, wurde hart bestraft. Zudem war das billige Rohopium Khanka weit verbreitet: Da es verdreckt ist, muss es verdünnt werden. Zum Beispiel mit menschlichem Blut. Die Flüssigkeit absorbiert die Verunreinigungen, sie setzen sich ab. Den Rest der hochgefährlichen Brühe spritzen sich gleich mehrere Abhängige.
In Tomsk geht es bei weitem nicht nur um Prävention
Rund 65 Millionen Euro stellt der Global Fund bis 2009 dem OHI und damit den zehn ausgewählten Regionen in Russland zur Verfügung. Fast drei Viertel aller jungen Leute in diesen Regionen, darunter auch St. Petersburg, habe man mit dem Programm inzwischen erreicht, sagt Elena Sajzewa vom OHI. „Mit unseren Kampagnen wollen wir vor allem einen gesünderen Lebensstil fördern, wozu auch der Schutz beim Sex gehört.“ Doch es geht nicht nur um Prävention: Jeder Aidskranke, der im Oblast Tomsk erfasst wird, weil er sich testen ließ und zur Behandlung bereit ist, bekommt eine antiretrovirale Therapie, für die entweder der russische Staat aufkommt oder der Global Fund, der mittlerweile Milliarden auf der ganzen Welt für Antiaidsprojekte ausgegeben hat.
Es ist Abend auf dem Gelände von „Nascha Klinika“ geworden. Die Straßenkinder sind nach Hause gegangen, wenn auch nicht zu ihren Eltern. Als orangefarbene Punkte kleben sie in Elena Borzunowas Büro an der Wand auf einer Karte der Stadt Tomsk. Die Rauschgiftsüchtigen sind mit roten Punkten, die Prostituierten mit pinkfarbenen gekennzeichnet. Ob sie auch dort sind, wo die Streetworker des Projekts sie vermuten, weiß keiner so genau. Dass viele von ihnen aber jetzt vermutlich das tun, was sie den Tag über auf dem Gelände von „Nascha Klinika“ nicht durften, das muss man wohl annehmen.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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