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Herzprobleme beim Fußball : Wie ein Sprung aus dem Flugzeug

BVB-Trainer Jürgen Klopp musste wegen unangemessenen Verhaltens eine Strafe zahlen. Bild: dpa

Gefahr beim Fußball schauen: Spiele wie das Champions-League-Finale am Samstag versprechen Spannung, können für Fans und Trainer aber auch gefährlich werden. Die Aufregung ist eine Belastung fürs Herz.

          Geschlagene sechs Minuten verbrachte Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des BVB, mit zugehaltenen Ohren auf der Toilette tief unten im Madrider Bernabéu-Stadion. Über ihm spielte Borussia Dortmund gegen Real Madrid, der Einzug ins Champions League Finale stand auf dem Spiel. Erst kurz vor dem Schlusspfiff in der vierten Minute der Nachspielzeit, stieg Watzke wieder hinauf ans Tageslicht und musste sich für sein Verschwinden rechtfertigen: Warum hatte er ausgerechnet im Moment der größten Spannung seinen Platz verlassen? Watzke sagte: „Ich musste wegen Herzproblemen aufgeben.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Herzprobleme, weil das Spiel so spannend ist? Kann das sein? “Bei gesunden Menschen ist das höchst unwahrscheinlich“, sagt Jens Kleinert, Mediziner und Professor für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Aber wenn jemand schon vorgeschädigt ist, kann jedes extreme Stressereignis ein Auslöser sein: ein Streit mit der Frau, wenn der Chef einen rausschmeißt - und auch ein Fußballspiel.“

          Wie sehr Fußball an den Nerven solcher Zuschauer zerrt, ist sogar schon gemessen worden: Ein 57 Jahre alter Schweizer Fan, der schon einen Herzinfarkt hinter sich hatte und dessen Herzkranzgefäße teilweise verstopft waren, wurde während eines Länderspiels zwischen der Schweiz und der Türkei an ein EKG auf der Intensivstation des Kantonsspitals Graubünden im schweizerischen Chur angeschlossen. Dabei kam heraus, dass seine Pulsfrequenz von 70 auf 90 Schläge pro Minute stieg und sein Herz mit zunehmender Spannung immer ungenügender mit Sauerstoff versorgt wurde.

          Emotionaler Stress ist Gift für das Zuschauerherz

          Dazu passt, was Ärzte des Münchner Universitätsklinikums Großhadern während der Weltmeisterschaft 2006 herausfanden, nachdem sie die Protokolle von 24 Notarztstandorten in und um München ausgewertet hatten: An Spieltagen der deutschen Nationalelf hatten - unabhängig von Hitze oder Ozonwerten - deutlich mehr Menschen (43) Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkte als in einer vergleichbaren fußballfreien Zeit (15). Die meisten Notfälle ereigneten sich stets in den zwei Stunden nach dem Anpfiff.

          Für Gerhard Steinbeck, der die Studie zusammen mit seiner Kollegin Ute Wilbert-Lampen leitete und inzwischen Kardiologe am Zentrum für Kardiologie am Klinikum Starnberg ist, steht daher fest, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den Fußballspielen und den aufgetretenen Herzproblemen besteht und dass der emotionale Stress Gift für die Zuschauerherzen ist.

          Müssen wir also beim Champions-League-Finale im Wembley Stadion an diesem Samstag mit einer Häufung von Sterbefällen aufgrund von Herzproblemen rechnen? Eugène Katz, Kardiologe an der Universitätsklinik in Lausanne, meint: Ja. Katz und sein Team haben Aufzeichnungen von Rettungsdiensten in französisch- und italienischsprachigen Regionen der Schweiz ausgewertet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass durch dramatische Fußballspiele mehr Menschen sterben. Während der Weltmeisterschaft 2002 ereigneten sich in der von ihnen untersuchten Region 60 Prozent mehr Todesfälle infolge von Herzinfarkten als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Psychischer Stress und Ärger seien die Auslöser der Infarkte gewesen, so die Wissenschaftler.

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