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Heilbronner Ärzteskandal : Alle Fälle müssen geprüft werden

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An dieser Klinik in Heilbronn praktizierte der niederländische Mediziner, der in seiner Heimat vor Gericht steht und in Deutschland nun entlassen wurde. Bild: dpa

Ein Mediziner steht wegen schwerer Körperverletzung in den Niederlanden vor Gericht. In Deutschland durfte er trotzdem weiterhin praktizieren. Ein Problem sei der große Ärztemangel, sagen Fachleute.

          Der Skandal um einen in den Niederlanden als „Dr. Frankenstein“ bekannten und in Heilbronn am vergangenen Wochenende geschassten Arzt zieht immer weitere Kreise. Am Dienstag meldeten sich auch Kliniken im niedersächsischen Nienburg und im rheinland-pfälzischen Worms, bei denen der Neurologe gearbeitet hatte. Auch in Nordrhein-Westfalen war der Mediziner tätig. In Baden-Württemberg soll er auch an einem Krankenhaus in Bad Friedrichshall praktiziert haben, wie die „Heilbronner Stimme“ berichtete. Das Haus dort gehört wie der „Gesundbrunnen“ in Heilbronn zum SLK-Klinikverbund. 

          Dem Mediziner wird in Holland schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen vorgeworfen. Er soll von 1998 bis 2003 im Krankenhaus in Enschede bei Dutzenden Patienten unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson fälschlicherweise diagnostiziert haben. Sie waren zum Teil jahrelang mit schweren Medikamenten behandelt worden. Ein Patient habe Selbstmord begangen, nachdem ihm fälschlicherweise Alzheimer attestiert worden war.  Bei  mindestens 13 Patienten sollen aufgrund der falschen Diagnosen unnötig Gehirnoperationen ausgeführt worden sein. „Bei einem Mann wurde 12,5 Kubikzentimeter Hirngewebe entfernt“, sagte  Anwalt Yme Drost, der rund 200 mögliche Opfer vertritt.

          Nie ohne Aufsicht

          2003 hatte das Krankenhaus in Enschede den Arzt entlassen, nachdem seine Abhängigkeit von Medikamenten bekannt worden war. Er soll auch Rezepte gefälscht und mehr als 80.000 Euro veruntreut haben. Ein offizielles Disziplinarverfahren gegen ihn wurde nie eröffnet. Auf Druck des Krankenhauses hatte der Arzt sich freiwillig aus dem Ärzteregister streichen lassen und darf daher seit 2006 nicht mehr in den Niederlanden praktizieren. Das Strafverfahren gegen den Mann ist ausgesetzt, da noch Zeugen aus Deutschland vernommen werden sollen. In Deutschland war der Arzt aufgeflogen, weil niederländische Medien über den Fall berichtet hatten.

          Der Arzt sei 2010 für einige Monate in den Mittelweser Kliniken in Nienburg tätig gewesen, sagte Geschäftsführer Ronald Gudath. Der Mediziner habe als Honorararzt gearbeitet und sei monatsweise als Vertretung über eine Arztagentur gebucht worden. Als Assistenzarzt sei er aber nie ohne Aufsicht gewesen. Im Zusammenhang mit dem Einsatz des Neurologen seien keine Schadensfälle bekanntgeworden. Als das Klinikum im Juli 2010 über angebliche Unregelmäßigkeiten im früheren Berufsleben des Mediziners informiert wurde, sei das Arbeitsverhältnis beendet worden.

          Alle Behandlungen werden überprüft

          Ab August 2010 habe der Mann mehrere Monate am Klinikum Worms praktiziert. Der Neurologe habe nur unter Aufsicht gearbeitet und als Assistenzarzt keine selbständigen Entscheidungen getroffen, sagte Geschäftsführer Friedrich Haas, der Arzt sei bei den Kollegen jedoch sehr beliebt gewesen. Eine Schädigung von Patienten sei nahezu ausgeschlossen. Alle relevanten Patientenakten würden aber geprüft. Der Mediziner sei wegen akuten Personalmangels über eine Agentur als Honorararzt eingestellt worden. Ein gültiger Facharztabschluss und eine Approbation hätten vorgelegen. Dem Mann sei 2011 gekündigt worden, als das Ärzteteam wieder komplett war.

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