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Grippe-Pandemie „Wir befürchten, daß sich das Virus verändert“

28.06.2005 ·  Im 20. Jahrhundert gab es weltweit drei große Influenza-Pandemien mit Dutzenden Millionen Toten. Klaus Stöhr von der Weltgesundheitsorganisation spricht im F.A.Z.-Interview über die möglichen Vorkehrungen gegen eine neuerliche Grippe-Pandemie.

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Im letzten Jahrhundert gab es weltweit drei große Influenza-Pandemien mit Dutzenden Millionen Toten. Die Gefahren sind auch heute noch nicht gebannt. Klaus Stöhr von der Weltgesundheitsorganisation WHO spricht im F.A.Z.-Interview über die Vorkehrungen gegen eine neuerliche mögliche Grippe-Pandemie und was dagegen getan werden kann.

Im 20. Jahrhundert gab es drei große Influenza-Pandemien mit Dutzenden Millionen Toten. Ist eine neuerliche Pandemie unausweichlich?

Pandemien, verursacht durch neue Influenza-Viren, hat es höchstwahrscheinlich schon so lange gegeben, wie die Menschheit existiert. Wir können eindeutig belegen, daß es seit 1000 in jedem Jahrhundert zwei bis drei große Pandemien gegeben hat. Im Durchschnitt vergehen 27,5Jahre von einer Pandemie zur nächsten. Die bislang letzte war 1968. Seither ist also vergleichsweise viel Zeit vergangen. Was schwerer wiegt, ist die Verbreitung eines gefährlichen Geflügelvirus in einem Ausmaß, wie wir es noch nie beobachtet haben - sowohl geographisch als auch, was unterschiedliche Tierarten betrifft. Zehn Länder waren oder sind betroffen, mehr als 150Millionen Tiere sind bereits verendet oder mußten getötet werden. Das Schlimme daran: Von diesem Virus ist bekannt, daß es auf den Menschen überspringen kann.

War auch bei den drei letzten Pandemien ein Geflügelvirus der Auslöser?

Die Pandemien 1968, 1957 und 1918 wurden tatsächlich von Viren verursacht, deren genetische Informationen teilweise von Tieren stammen.

Wie wahrscheinlich ist es, daß das Vogelgrippevirus H5N1 Auslöser einer solchen Pandemie ist?

Das H5N1-Virus hat nicht nur die größte Geflügelinfluenza-Seuche bei Tieren hervorgerufen. Es hat auch die größte Potenz, eine schwere Pandemie beim Menschen hervorzurufen.

Die Medizin hat sich seit der "Spanischen Grippe" 1918 rasant weiterentwickelt, der Personen- und Warenverkehr auf der Welt auch. Halten sich da Hoffnungen und Befürchtungen die Waage?

1968 hat es acht Monate gedauert, bis das Pandemievirus Alaska und die Südspitze Australiens erreichte. Heute gehen wir von maximal drei Monaten aus. Vermutlich wird sich die Pandemie nicht wellenartig ausbreiten, sondern gleichzeitig in ganzen Regionen, ja sogar ganzen Kontinenten.

1997 wurde das Influenza-Virus H5N1 in Hongkong erstmals auf einen Menschen übertragen. Was hat die WHO in den vergangenen acht Jahren erreicht?

1997 war ein Paradigmenbruch. Vorher hatte man geglaubt, die Geflügel- und Schweineviren müßten sich immer noch ein wenig verändern, bevor sie auf den Menschen überspringen können. Vor acht Jahren geschah das erstmals direkt. Seither mußten die Kontroll- und Bekämpfungsmaßnahmen angepaßt werden. Das ist uns gelungen. Heute können wir innerhalb von Tagen so ein Virus in einen Impfstamm umwandeln, der dann sofort zur Produktion von Pandemie-Impfstoffen verwendet werden kann. Das heißt aber leider nicht, daß auch genügend Impfstoff vorhanden wäre.

Wie schnell kann eine Pandemie erkannt werden?

Es gibt mittlerweile ein weltweites Influenza-Überwachungsprogramm mit 115 Laboren in 80Ländern, die Proben von Patienten nehmen, die mit Erkrankungen der oberen Atemwege behandelt werden. Die Proben werden untersucht, Viren isoliert, und zweimal im Jahr können wir dann mit den Ergebnissen nicht nur Empfehlungen für den normalen Grippeimpfstoff geben. Wir können damit auch auf das Auftreten neuer Virusstämme, die vielleicht eine Pandemie verursachen, blitzschnell reagieren.

Es gibt ja schon jetzt eine Impfmüdigkeit. Würden sich bei einer Pandemie genügend Menschen impfen lassen?

Zunächst muß klar sein: Die normale Grippeimpfung hilft nicht gegen einen neuen Pandemie-Stamm. Allerdings gibt es einen indirekten Zusammenhang zwischen der Impfstoffnutzung in normalen Grippezeiten und der Impfstoffkapazität, die man während einer Pandemie zur Verfügung hat. Innerhalb von Wochen können ja nicht neue Impfstoffirmen aus dem Boden gestampft werden. Nur soviel Kapazität, wie existiert, wird dann auch dasein, um Pandemie-Impfstoff zu produzieren. In jeder Grippesaison lassen sich viel zu wenige Menschen gegen die Grippe impfen: Zwölf Prozent der Europäer haben chronische Erkrankungen und sollten sich eigentlich impfen lassen, weniger als drei Prozent tun es. Derzeit werden ungefähr 300 Millionen Impfstoff-Dosen pro Jahr auf der Welt produziert, verkauft und genutzt. Über diese 300Millionen wird man während einer Pandemie nur deshalb hinausgehen können, weil der Grippeimpfstoff aus drei Komponenten, ein Pandemie-Impfstoff jedoch nur aus einer Komponente besteht. Die Zahl läßt sich also mit drei multiplizieren. Diese Menge stünde aber nicht in wenigen Tagen zur Verfügung, sie wird im Laufe eines Jahres hergestellt. Die letzten Impfstoff-Dosen stünden also erst zur Verfügung, wenn die Pandemie schon so gut wie vorüber wäre.

Wer käme überhaupt in den Genuß des Pandemie-Impfstoffs?

Zehn Länder haben die Kapazität, diesen Impfstoff herzustellen.

Und die Firmen sind alle im Westen?

Ja. 70Prozent der Produktion konzentrieren sich in Europa. Größere Mengen werden noch in Nordamerika, Australien, Japan, Rußland und China hergestellt. Bei der letzten großen Pandemie trafen die Länder, die damals Impfstoff produzieren konnten, die Entscheidung, erst ihre eigene Bevölkerung zu versorgen. Diese Situation könnte sich gut wiederholen.

Gehört Deutschland zu den bevorzugten Ländern?

Das hängt davon ab, wie gut man sich auf eine solche Pandemie vorbereitet. In Deutschland gibt es zwei Influenzaimpfstoff-Produzenten, die aber zu ausländischen Firmen gehören. Nun gibt es Hinweise darauf, daß man in einigen Ländern erwägt, während einer Pandemie keinen Impfstoff zu exportieren, sondern die Produktion zu nationalisieren, wie es etwa in den Vereinigten Staaten 1976 geschah.

Könnte das nicht zu gewalttätigen Konflikten führen?

Man muß sich vorstellen, daß während einer Pandemie schnell zehn bis 30 Prozent der Weltbevölkerung erkranken. Schon die ökonomischen Folgen wären verheerend: Die Vereinigten Staaten allein rechnen bei einer Pandemie mit einem Schaden von bis zu 166 Milliarden Dollar. Aber es wird auch soziale Spannungen geben. Darum wäre es gut, sich jetzt schon zu überlegen, wem man die knappen Medikamente zuteilt. Wenn man zum Beispiel Ärzte und Krankenschwestern zuerst mit Impfstoff versorgt: schließt das dann auch automatisch ihre Familien mit ein?

Im vergangenen Jahr hat es eine Übertragung des Virus H5N1 auf den Menschen gegeben und mindestens eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Warum ist es bislang bei Einzelfällen geblieben?

Die Geflügelviren übertragen sich ganz schlecht auf den Menschen und noch schlechter von Mensch zu Mensch. Sie sind nicht an den neuen Wirt angepaßt, die Viren werden auch nicht in großen Mengen ausgeschieden, so daß nur jemand erkrankt, der sich stark einer bereits infizierten Person exponiert. Allerdings verläuft die Erkrankung bei dem Neuinfizierten dann schon nicht mehr so schwer, und auch der Nächstinfizierte scheidet wiederum weniger Viren aus, die Infektkette reißt ab. Wir befürchten aber, daß sich das Virus verändert, daß es mutiert und seine Übertragungsfähigkeit verbessert.

Konnten die Mutationen des Virus vor allem in Vietnam abgeklärt werden?

Man hat tatsächlich Ende April leichte Veränderungen der genetischen Zusammensetzung der Geflügelinfluenza-Viren erkannt. Das ist nicht überraschend, sie verändern sich ja ständig. Wenn man sich aber nur das genetische Material anschaut, kann man nicht sagen, ob das irgendeinen Einfluß auf das klinische Verhalten der Viren hat, ob sie stärker übertragbar, stärker krankmachend sind. Dazu müßte man die virologischen Daten mit den klinischen Befunden vergleichen, und soweit sind wir noch nicht.

Für Geflügel gibt es eine Schutzimpfung?

Solange das Virus im Geflügel bleibt, interessiert das den Humanmediziner eigentlich nicht. Auch wenn die wirtschaftlichen Folgen verheerend sind: Thailands Nationaleinkommen stammt zu einem Viertel aus der Geflügelproduktion. Für diese Länder ist die Influenzaimpfung beim Geflügel eine Möglichkeit, der Seuche Herr zu werden.

Welche Rolle spielen Zugvögel?

Wenn Sie mich vor fünf Jahren gefragt hätten, ob hochpathogene Geflügelinfluenzaviren beim Wildgeflügel vorkommen können, hätte ich gesagt: Das gibt es nicht. Im November 2002 waren dann erstmals in einem Park in Hongkong exotische Vögel betroffen, WHO-Labore fanden ein hochpathogenes Virus, 80Prozent der Tiere sind verendet. In diesem Jahr wurden in China mehr als 1000 Wildgänse mit H5N1 gefunden, die in Richtung Norden unterwegs waren. Einige Wissenschaftler glauben, daß wir das H5N1 nie mehr aus Asien wegbekommen.

Hat sich das Virus, das man in Zugvögeln, vor kurzem aber auch bei Schweinen gefunden hat, schon verändert?

Das Virus ist noch nicht völlig analysiert, wir gehen aber davon aus, daß es sich um das H5N1-Virus handelt, das gegenwärtig die Ausbrüche beim Hausgeflügel verursacht. Das Vorhandensein dieses Virus bei Zugvögeln ist vor allen Dingen besorgniserregend. Selbst eine kurzzeitige Virusausscheidung bei Tieren, die über weite Distanzen fliegen, kann zu einer großen Verbreitung führen.

Welche Bereiche des Genoms deuten auf ein für den Menschen gefährliches Virus hin?

Wir haben noch überhaupt kein vollständiges Bild darüber, welche Teile der genetischen Information wie verändert werden müssen, damit das Virus krankmachend oder vielleicht auch weniger gefährlich für den Menschen ist. Man kennt zwar von den Tausenden Aminosäuren schon einige, die, wenn man sie verändert, auf einmal hochpathogen für Geflügel sind. Aber die krankmachenden Fähigkeiten sind vielfältig und auf so vielen verschiedenen Genomen plaziert, daß wir noch Jahre davon entfernt sind, genau zu wissen, wie man das Virus genetisch verändern muß, um klinische Erfolge hervorzurufen.

In Italien gab es Ende der Neunziger einen H7N1-Ausbruch. Ist dieses Virus weniger gefährlich als das H5N1?

Bei der Influenza gibt es 16 verschiedene Subtypen. Den Experten fällt es schwer vorherzusagen, welches auf den Menschen überspringen kann. Wir kennen die Mechanismen noch nicht. In so einem Virus gibt es acht Gene und Tausende Aminosäuren. Die Änderung einer Aminosäure reicht manchmal aus, und wir stellen eine sprunghafte Verbesserung der Pathogenität beim Menschen fest. Wir wissen, einige besonders schlimme Kandidaten sind: die H5- und die H7-Viren. Innerhalb dieser Familien gibt es Clans, und der Clan H5N1 ist einer der suspektesten. Welches Virus eine Pandemie hervorruft, kann man aber nicht vorhersagen.

Auf dem Markt sind auch Grippemittel in Tablettenform. In Hongkong werden riesige Mengen gehortet, in der Hoffnung, 30Prozent der Bevölkerung schützen zu können.

Wir haben zwei Möglichkeiten, einen Menschen vor einem Pandemievirus zu schützen: mit Impfstoffen, die man nicht vorher produzieren kann, da man nicht weiß, welcher Stamm die Pandemie verursacht, und mit antiviralen Substanzen. Die entscheidende Gruppe sind Neuraminidase-Hemmer, zum Beispiel Oseltamivir. Dieses Mittel ist zur Zeit wohl das Medikament, das während einer Pandemie am wahrscheinlichsten voll wirksam ist. Gegen Amantadine, die zur Gruppe der M2-Hemmer gehören, ist das aktuelle H5N1-Virus hingegen resistent. Sollte es sich zu einem Pandemievirus entwickeln, kann es die Resistenz zwar verlieren, vorhersagen aber können wir das nicht. So gesehen, ist das Einlagern von Oseltamivir eine recht sichere Sache, und 23Länder haben schon Bestellungen aufgegeben. Allerdings sind die Produktionskapazitäten, obwohl sie schon vervierfacht wurden, noch sehr begrenzt. Vor Ende 2006 wird das Mittel kaum geliefert werden können.

Gehört Deutschland zu den 23 Ländern?

Deutschland gehört auch dazu, allerdings nicht alle Bundesländer. Vor allem Bayern hat Oseltamivir bestellt. Die Länder verfolgen unterschiedliche Strategien. England zum Beispiel hat genug gekauft, um 25Prozent seiner Bevölkerung zu schützen. Kanada wiederum setzt auch auf Impfstoff, es besitzt eine nationale Produktionsstätte. Oseltamivir dient in diesem Fall nur dazu, die ersten Wochen zu überbrücken.

Und was ist mit Generika?

Daran wird gearbeitet, doch der Produktionsprozeß ist kompliziert. Die Ausgangsstoffe sind nicht nur teuer, sie stehen auch nicht allen Ländern zur Verfügung. In den Entwicklungsländern wird man daher nicht so schnell Produktionskapazitäten aufbauen können.

Was versprechen Sie sich vom G-8-Treffen Anfang Juli?

Pandemieplanung ist Schadenskontrolle und kostet Geld. Zur Zeit haben 50Länder Pandemiepläne, die zwischen einer Seite und 450Seiten umfassen. Zehn Länder können Impfstoffe produzieren, 23 haben antivirale Substanzen bestellt. Die meisten der rund 250Länder können es sich also nicht leisten, Maßnahmen zu ergreifen. Die Welt schaut auf Vietnam, Kambodscha und Thailand, wo H5N1 am stärksten zirkuliert. Dort besteht die Gefahr, daß eine Pandemie ausbricht. Die Bekämpfung der Geflügelseuche in diesen Ländern minimiert das Risiko erheblich. Aber ohne die koordinierte Unterstützung der Industrieländer, besonders der G8, werden die Regierungen in Südostasien das nicht erreichen.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2005, Nr. 148 / Seite 9
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